Die sanfte Wilde

Raubkatzen gehören zu seinem Leben: Es begann mit einem Puma, später kamen die Leoparden. Heute hält Erich Krieg noch das ältere Leopardenweibchen Aisha. Das zutrauliche Tier hat er eigenhändig grossgezogen.

Das macht Eindruck: Fremde, die ihr zu nahe kommen, mag die Leopardendame Aisha nicht sonderlich. Aber Besitzer Erich Krieg kann das Raubtier problemlos anfassen.

Das macht Eindruck: Fremde, die ihr zu nahe kommen, mag die Leopardendame Aisha nicht sonderlich. Aber Besitzer Erich Krieg kann das Raubtier problemlos anfassen. Bild: Olaf Nörrenberg

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«Chum, mir hei Visite.» Aisha hat sich in der Sommerhitze ausgeruht. Als sie die bekannte Stimme hört und den Besuch riecht, steht sie sofort auf. Durch die Gitter hindurch leckt das Leopardenweibchen die Hand seines Halters Erich Krieg. Er streichelt sie, sie reibt den Kopf an seiner Hand. Dann öffnet Krieg die Gittertüre und geht ins Gehege hinein, flattiert sie. Die Raubkatze wird zum Schmusetiger. Dass sie das nicht ist, zeigt sich, als der Fotograf mit der Kamera näher ans Gehege rückt. Sie faucht, streckt kurz die Pfote zwischen den Stäben heraus. «Nein, nein, nicht nervös werden», beruhigt Krieg die Leopardin.

Sie hört auf ihn, wird ruhiger. Dass die Krallen messerscharf sind, weiss er aus eigener Erfahrung. Wenn sie übermütig wird, spielen will, muss er sie manchmal bremsen. «Wenn sie ihre Tatze benutzt, kann ich das T-Shirt gerade noch zum Veloputzen brauchen», sagt Krieg und lacht. Abgesehen von einigen Kratzern und einem kaputten Finger sei aber bisher noch nie etwas passiert.Aisha springt von ihrem Podest herunter, streicht umher. Ein weicher Gang geschmeidig starker Schritte. Kraftvoll, stolz, elegant. Trotz ihres hohen Alters. Heute auf den Tag genau wird die Leopardin 20-jährig.

Ein Kilo Fleisch pro Tag

Die exotische Raubkatze, in freier Wildbahn in Afrika und Asien verbreitet, lebt in Kirchberg, bei Erich Krieg. In drei Gehegen hat sie total 65 Quadratmeter Platz. Zusammen mit seiner Frau Hilda hat Erich Krieg das Tier grossgezogen. Er ist Aishas Bezugsperson. Fremde Leute mag die Leopardendame nicht, deshalb sei er mit Besuchen am Gehege zurückhaltend, sagt Krieg. «Ich habe eine spezielle Beziehung zu ihr», erzählt der 80-Jährige weiter. Er vertraue ihr alles an, jeden Abend spreche er mit ihr, bevor er sie füttere. Hilda Krieg wird später halb schmunzelnd sagen: «Sie ist seine Freundin und frisst ihm aus der Hand.»

Ja, die Sache mit dem Futter. Aisha verputzt pro Tag 1 Kilogramm Fleisch, vor allem Rind und Poulet. An das Futter zu kommen, ist für Erich Krieg kein Problem. Jahrelang führte der Vater von vier Kindern eine Metzgerei in Kirchberg, am Ort, wo er noch heute wohnt. Später übernahm sein Sohn Rolf das Geschäft. Oft hätte er früher Fleisch aus Notschlachtungen zubereitet. Früher, da brauchte er noch mehr Futter, weil er auch mehr Raubkatzen besass.

Ein Bubentraum

Einen Leoparden zu halten, sei auch eine Aufgabe mit viel Verantwortung. «Aisha braucht tägliche Betreuung, täglich Futter, und täglich muss ich das Gehege säubern. Aber diese Verantwortung hält mich jung.»

Doch warum hält man als Privater überhaupt ein solches Wildtier? Er sei schon immer von Grosskatzen fasziniert gewesen, antwortet Erich Krieg. «Es war ein Bubentraum.» Alles begann vor 34 Jahren. Per Zufall wurde Erich Krieg auf ein Inserat in der «Tierwelt» aufmerksam: «Junger Puma zu verkaufen.» Der sei ganz zahm gewesen. Sein damals 14-jähriger Sohn habe nicht lockergelassen, bis sie das Tier zu sich nach Hause holten. Einen Monat lang lebte der Puma in der Wohnung, dann liess Krieg ein Gehege im Garten anfertigen. Als der Puma gestorben war, kamen die Leoparden. Auch in diesem Fall stiess er auf ein Inserat in der «Tierwelt». Ein ehemaliger Hotelier aus Interlaken verkaufte eine Leopardin. «Früher ging das. Heute ist das nicht mehr denkbar.» Shiva sei zutraulich und anhänglich gewesen, erzählt der Kirchberger. Kurze Zeit später schaffte er sich ein männliches Tier an, den ungestümen und bisweilen aggressiven schwarzen Panther Mephisto.

Zwei Leopardenbabys

Dreimal gebar Shiva Junge. Dass die Fortpflanzung in Gefangenschaft überhaupt gelang, sei ein «riesen Erfolg» gewesen, sagt Krieg. Doch von den ersten beiden Würfen überlebte keines, die Mutter hatte zu wenig Milch. Beim dritten Wurf entschieden sich Kriegs, zwei Junge mit der Flasche aufzuziehen: die gefleckte Aisha und den schwarzen Aramis, der vor 2 Jahren verstarb. «Sie benötigten Betreuung rund um die Uhr, alle drei Stunden musste meine Frau den Kleinen den Schoppen geben», erinnert sich Krieg. Eine Zeitlang hätten sie die Leopardenbabys in der Wohnung gehabt, sehr zur Freude der Kinder. Ein dickes Fotoalbum zeugt noch von diesen Tagen. «Es war einmalig.» Aisha habe oft den Vorhang zur Seite geschoben, sich auf die Lehne des Sofas gelegt und zum Fenster hinausgeschaut. Passanten und Kunden der Metzgerei hätten ihren Augen nicht getraut. Ebenso hätten die Leute gestaunt, als sie mit den Tieren an der Leine spazieren gegangen seien, zum Sportplatz und zum Waldstück. Zwischenfälle habe es nicht gegeben.

In Gefangenschaft

Vor 20 Jahren war vieles anders. Der Zeitgeist hat sich geändert. Früher mag es Bewunderung ausgelöst haben, wenn man ein solch aussergewöhnliches Tier zu Hause hatte, heute sorgt die Privathaltung von Grosskatzen eher für Kopfschütteln. Kriegs sehen sich oft mit Kritik konfrontiert. Erich Krieg meint dazu: «Aisha ist in Gefangenschaft zur Welt gekommen, sie hat nie etwas anderes erlebt.» Sie in einen Zoo zu geben, das würde er nicht übers Herz bringen, habe er doch eine intensive Beziehung zu ihr aufgebaut.

Für die Privathaltung eines Leoparden braucht es eine Bewilligung. Eine solche zu erhalten, ist schwieriger denn je (siehe Kasten). «Heute», sinniert Krieg, «würde ich mir keinen Leoparden mehr anschaffen. Meine Aisha will ich aber bis zu ihrem Tod behalten. Unbedingt.» Das kann noch ein paar Jährchen dauern. Ihr Vater Mephisto wurde immerhin 25 Jahre alt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2017, 18:08 Uhr

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Verboten sind private Haltungen von Raubkatzen in der Schweiz nicht. Die Bedürfnisse und das Wohl des Tieres müssen aber berücksichtigt werden. So wollen es das Tierschutzgesetz und die Tierschutzverordnung. Der Besitzer muss einen ganzen Katalog von Vorschriften einhalten – von der Grösse des Geheges über die Ausbildung bis hin zur Gestaltung der Unterkunft mit ausreichend Kletter-, Versteck- und Rückzugsmöglichkeiten. Für die Gesetzgebung ist der Bund zuständig.
«Wenn die Auflagen erfüllt werden, haben wir nichts gegen Privathaltungen von Grosskatzen», hält Bruno Mainini, Leiter der Gruppe Artenschutz beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, fest. Er sagt aber auch, dass diese Art von Haustieren nur noch selten vorkomme. Auch Kleinzoos verzichteten zunehmend auf Grosskatzen. Die Anforderungen seien drastisch gestiegen, die Gesetze hätten sich in den letzten Jahrzehnten massiv verschärft. Einfuhren aus dem Ausland gebe es praktisch keine mehr, sagt Mainini: «Höchstens noch alle paar Jahre für einen wissenschaftlich geführten Zoo. Und wenn, dann kommen die Tiere aus Europa, wo ähnliche Tierschutzgesetze gelten.» Der Fall eines Wildfanges sei ihm seit Jahren nicht mehr begegnet. Die Tiere stammten in der Regel aus Zuchten und seien in Ge­fangenschaft zur Welt ge­kommen.
Für die Haltung von Grosskatzen braucht es eine Bewilligung des Kantons. Diese gilt jeweils für zwei Jahre, der Veterinärdienst darf sie nur erteilen, wenn das Gutachten einer unabhängigen Fachperson nachweist, dass die vorgesehenen Gehege und Einrichtungen eine tiergerechte Haltung ermöglichen. «Grundsätzlich wird die Haltung alle zwei Jahre vom Veterinärdienst vor Ort überprüft», sagt Raphaela Lienert, Fachexpertin Tierschutz beim Veterinärdienst. Im Kanton Bern besitzt nebst Erich Krieg nur noch eine weitere Person eine Raubkatze, einen Luchs. Auch Lienert betont, dass die private Haltung von Raubkatzen selten sei. «Seit mehreren Jahren ging kein entsprechendes Gesuch mehr ein.»

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