«Die Sammlung ist ein lebendes Mosaik»

Bütikofen

Wer etwas über den bäuerlich geprägten Dorfteil der Gemeinde Kirchberg erfahren will, geht am besten zu Fritz Zuber. Der 86-Jährige ist Bütikofer mit Leib und Seele.

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Schon wartet Fritz Zuber vor seinem Bauernhaus, den einen Arm auf eine Krücke gestützt. Er hat Probleme mit dem rechten Bein, bald muss er ins Spital. Doch das beschäftigt ihn an diesem Tag weniger, der 86-Jährige freut sich, dass sich jemand für Bütikofen interessiert, das 120-Seelen-Bauerndorf zwischen Burgdorf und Ersigen. Bütikofen, im Tal der Oesch gelegen, gehört politisch zur Gemeinde Kirchberg.

«Bevor wir hineingehen, möchte ich Ihnen eine Vorstellung vom Bütikofenmoos geben», sagt Fritz Zuber und zeigt in die Umgebung. Mitte des 17.Jahrhunderts seien hier drei Taunerhäuser gestanden. Das eine Wohnhaus mit Stallanbau erwarb 1786 sein Urururgrossvater Christian Zuber. Er sei von Ersigen zugewandert.

Sein Brot habe er mit der Schneiderei verdient. Das Haus wurde inzwischen abgebrochen und durch ein neues ersetzt. Zubers aber sind in Bütikofen geblieben. Zwar brennt Fritz Zuber schon die nächste Dorfgeschichte auf der Zunge, doch erst bittet er herein. Er führt in sein Büro – ein kleines Zimmer vollgestopft mit Ordnern, ein jeder säuberlich beschriftet. All die Papiere, die er verwahrt, haben etwas mit seinem Wohnort zu tun.

Es ist die grösste Sammlung weit und breit. «Was Bütikofen betrifft, bin ich 100 Prozent im Bild», meint Zuber. Er hebt Kopien auf, hütet aber auch Originaldokumente, die über 100 Jahre alt sind. Er sammelt Kaufverträge, Abtretungen, Protokolle, Situationspläne, Grundrisse, Grabreden, Notizen. Er besitzt Akten zur Flurgenossenschaft Kirchberg, zur Entstehungsgeschichte des Bütikofentales, zu Strassenverbindungen, Brücken, Käsereigesellschaften in Bütikofen oder ehemaligen Kleinwasserkraftwerken an der Oesch.

Archivar über Jahrzehnte

Fritz Zuber ist in Bütikofen geboren und aufgewachsen. Er absolvierte die Landwirtschaftsschule Rüti. Bis 1987 sorgte er für den elterlichen Hof, musste dann aber wegen gesundheitlicher Probleme umsatteln. Fortan beschäftigte er sich bis zur Pension mit der Reparatur von landwirtschaftlichen Fahrzeugen. «Ich war der Dorfschmied», sagt er und schmunzelt. Er und seine Frau Anna, ebenfalls eine Bütikoferin, haben vier Kinder und sieben Enkelkinder. 40 Jahre lang war Fritz Zuber im Vorstand der Flurgenossenschaft, erst als Kassier, danach als Präsident.

Sein Interesse für Bütikofen wurde in der Schulzeit geweckt. Von 1939 bis 1944 besuchte er die Sekundarschule in Kirchberg. In der Kriegszeit forderten die Lehrer die Kinder auf, die Heimat zu studieren. Es entstand ein Heft über Bütikofen. Später übergaben ihm seine Eltern alle Unterlagen, darunter den Kaufvertrag von 1786 seines Urururgrossvaters. Das Heft und die Urkunde waren der Eckstein für Zubers weiteren Nachforschungen. Er sammelte über Jahrzehnte mehr und mehr. Er zeichnete Skizzen, fragte Familien an, die ihm Schriftstücke überliessen.

Einen Computer habe er nicht, er käme nicht damit zurecht. Er tippe lieber auf seiner alten Schreibmaschine. Praktisch jeden Morgen sitzt der 86-Jährige im Büro, entziffert und übersetzt alte Schriften. Bisweilen bekäme er Anfragen, sagt Zuber, doch den meisten Leuten sei seine Sammlung nicht bekannt.

750-Jahr-Feier verpasst

Wenn Fritz Zuber von Bütikofen erzählt, ist er davon ganz eingenommen. Er springt von Thema zu Thema, zieht Ordner um Ordner hervor. Das älteste bekannte Dokument, in dem Bütikofen erwähnt wird, stammt aus dem Jahr 1261. Dieses befindet sich in der Stiftsbibliothek im Kloster St.Gallen. In der gleichen Urkunde ist auch von Wiler bei Utzenstorf die Rede. «Bütikofen hätte also wie Wiler 2011 das 750-jährige Bestehen feiern können. Doch leider hat die Gemeinde das verpasst», bedauert Zuber.

Vor ein paar Jahren fiel ihm ausserdem das «Gemeindsbuch» von 1825 bis 1857 in die Hände, es enthält die Protokolle der Gemeindeversammlungen von Bütikofen. Das Dorf gehörte zwar von jeher zur alten Rechtsamegemeinde Kirchberg, nicht zuletzt wegen der Lage und der unzureichenden Verbindung ins Nachbardorf bewahrte Bütikofen aber seine wirtschaftliche und landwirtschaftliche Eigenständigkeit, besass einen eigenen Gemeinderat sowie eine Gemeindeversammlung. Lediglich ein Grasweg führte durch den Wald zur Kirchberger Kirche. Schwere Fuhrwerken konnten ihn nicht befahren, mit Ross und Wagen musste man den Umweg über Ersigen in Kauf nehmen.

Gemäss dem Protokoll von 1857 beschlossen die Bütikofer, gemeinsam mit Aussenhöfen eine eigene Einwohnergemeinde zu bilden und sich von Kirchberg zu lösen. Der Regierungsrat lehnte dieses Begehren jedoch ab. Bütikofen sei zu wenig gross, hiess es unter anderem. Dafür wurde ein ortsansässiger Geometer damit beauftragt, eine direkte Verbindungsstrasse zu bauen. Es sollten noch einige Jahre ins Land ziehen, erst 1874 wurde sie erstellt. Dort, wo sie noch heute verläuft. Zuber besitzt Pläne dazu.

Das Vermächtnis

Fritz Zuber könnte noch lange weiterreden. «Die Sammlung ist ein lebendes Mosaik. Fertig wird man nie», sagt er. Nach jedem Studium der Dokumente würden sich weitere Hinweise ergeben. Er sei nun 86 Jahre alt, doch wie es mit der Sammlung nach seinem Ableben weitergehe, wisse er nicht. Sie solle nicht einfach weggeworfen oder zerstückelt werden. Ernst Roth von der Roth-Stiftung in Burgdorf habe Interesse gezeigt, von der Gemeinde Kirchberg habe er bis jetzt nur eine mündliche Zusage erhalten. Er hätte aber gern ein schriftliches Versprechen, dass sein Archiv auch in Zukunft bestehen bliebe.

Berner Zeitung

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