Die etwas andere Wohngemeinschaft

Utzenstorf

Vor 25 Jahren hatte das Ehepaar Ammann die Idee, eine Wohngruppe für psychisch kranke Menschen ins Leben zu rufen. Heute bietet das ehemalige Ärztehaus in Utzenstorf zwölf Heimbewohnern ein Zuhause.

Gemeinsam musizieren: Die Heimbewohnerin Susanna Herrmann (r.) mit der Institutionsleiterin Rosmarie Ammann.

Gemeinsam musizieren: Die Heimbewohnerin Susanna Herrmann (r.) mit der Institutionsleiterin Rosmarie Ammann.

(Bild: Thomas Peter)

Sie sind Mitglied des Turnvereins, kaufen im Dorf ein und besuchen kulturelle Veranstaltungen. Kurz: Sie gehören zu Utzenstorf wie alle andern Einwohner. Und doch ist bei den zwölf Bewohnern des ehemaligen Ärztehauses an der Landshutstrasse 2 einiges anders.

Sie leiden an einer psychischen Beeinträchtigung, die sich in Angstzuständen, Zwängen oder anderen Verhaltensstörungen äussert. Ohne Betreuung könnten sie nicht leben, das Wohnheim Bueche ist für sie zur neuen Heimat geworden.

Doch apropos Wohnheim: Diesen Namen hören nicht alle Hausbewohner gerne. «Ich fand die frühere Bezeichnung Wohngruppe passender», sagt Susanna Herrmann. Die 57-jährige Frau wohnt seit 18 Jahren in der Bueche. Hier lebe man wie in einer Familie zusammen, so ihre Begründung.

Zu wenig in Alltag integriert

Genau dies war vor 25 Jahren auch die Idee von Rosmarie und Hans Ammann. Die Pflegefachfrau Psychiatrie sah an ihrem Arbeitsplatz in der Universitätsklinik Waldau Bern, dass eine psychiatrische Klinik nicht für alle Leute die richtige Antwort auf ihre Erkrankung ist.

«Es kann sich ein gewisser Hospitalismus einstellen», sagt Rosmarie Ammann. Der Patient sei in einer solchen Institution zu wenig in einen normalen Alltag eingebunden. Das Essen werde geliefert, die Wäsche gewaschen, und die Therapie- und Freizeitprogramme seien ebenfalls organisiert. Ammann schwebte eine Lebensgemeinschaft mit fünf chronisch Erkrankten vor. Und ihr Mann liess sich von der Idee begeistern.

Nach Utzenstorf haben die Eheleute nicht auf direktem Weg gefunden. Mit viel Enthusiasmus pachteten sie zuerst einen Bauernhof in der Region Laupen, kauften Hühner und Schafe, legten einen grossen Garten an. Doch das Projekt scheiterte an der nötigen Umzonung des Grundstücks. In dieser Zeit bot sich das leer stehende Ärztehaus in Utzenstorf als Alternative an. Das Haus mit seinen 17 Zimmern sei ein Glücksfall gewesen, sagt Ammann rückblickend.

Auch der Tod gehört dazu

«Ja, wir haben uns hier immer wohl gefühlt, es ist mein Zuhause, hier möchte ich alt werden», sagt auch Susanna Herrmann. Sie hat miterlebt, wie die drei Kinder der Familie Ammann geboren wurden, wie sie auf dem Fahrrad erste Runden drehten, später der Sohn ein Töffli kaufte und jetzt verliebt ist. Auch den Tod eines Mitbewohners gehörte zum Leben von Herrmann. Genauso wie der Umbau des Hauses. Die Räume wirken nun elegant, mit erlesenem Mobiliar.

Einige der Gegenstände stammen aus der eigenen Werkstatt, denn bei einer Wohngemeinschaft liess es das Ehepaar nicht bleiben. Parallel zur Anzahl Bewohner wuchs auch der Arbeitsbereich. Heute betreibt die psychiatrische Kleininstitution eine Werkstatt und einen Laden an der Bahnhofstrasse. Dabei legt Hans Ammann als Werkstattleiter grossen Wert auf die Markttauglichkeit der hergestellten Produkte. Wer im Laden einen Designstuhl kaufen will, wird ebenso fündig wie bei der Suche nach einer hübschen Dekoration für das Fenster.

Nebst den Bewohnern der Bueche arbeiten seit 2007 auch weitere Leute in der Werkstatt. Und über dem Laden wurde eine Wohnung für drei Personen gemietet. Die Bueche ist damit stets gewachsen. Heute gehören zwölf Bewohner zum Wohnheim, und die Institution hat insgesamt zwölf Angestellte. Darunter ein Koch.

«Mit der Zeit mussten wir etwas von unserer Idee einer Grossfamilie abrücken», erklärt die Leiterin des Wohnheims. Ihre Familie wohnt nun in einer in das Haus integrierten Wohnung mit eigener Küche. Und statt der Selbstversorgung ist die Werkstatt zum Hauptarbeitsplatz geworden. Geblieben ist das Ziel, den Bewohnern ein dauerhaftes Zuhause bieten zu können. «Wer will, kann über das Pensionsalter hinaus bei uns bleiben», sagt Ammann. Bei Pflegebedarf werde die Spitex engagiert, so wie in anderen Haushalten von Utzenstorf auch. Und mit dem Hausarzt und dem Hauspsychiater arbeite man eng zusammen.

Mit dem Angebot für dauerhafte Betreuung in einer familienähnlichen Struktur beschreitet das Wohnheim Bueche einen Weg, der zukunftsgerichtet ist und die Institution längerfristig finanziell absichern dürfte. Heimplätze für ältere Menschen mit einer Beeinträchtigung sind rar, solche in einem familiären Rahmen noch seltener.

Berner Zeitung

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