Zum Hauptinhalt springen

«Der Regierung fehlt das Fingerspitzengefühl»

Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch räumt ein, dass man in Burgdorf die drohende Techschliessung zuerst wohl unterschätzt habe, dann aber den Kampf mit aller Kraft geführt.

Elisabeth Zäch erklärt, weshalb es für Burgdorf so wichtig ist, das Tech behalten zu können. «Eigentlich haben wir unsere Verbundenheit mit der Fachhochschule immer betont.»
Elisabeth Zäch erklärt, weshalb es für Burgdorf so wichtig ist, das Tech behalten zu können. «Eigentlich haben wir unsere Verbundenheit mit der Fachhochschule immer betont.»
Thomas Peter

Frau Zäch, nächste Woche entscheidet sich im Grossen Rat, ob das Tech in Burgdorf eine Zukunft hat oder nicht. Haben Sie genug lobbyiert? Elisabeth Zäch: Wir – das heisst die Regionen Emmental und Oberaargau sowie zahlreiche Leute aus Bildung, Wirtschaft und Politik – haben alles gegeben. Wir sind vorbildlich zusammengestanden und haben unseren Kampf mit Argumenten und nicht mit Emotionen geführt.

Und – blicken Sie der kommenden Debatte im Parlament zuversichtlich entgegen? Ich bin unterdessen viel zu nahe am Geschehen, als dass ich mich noch auf ein Bauchgefühl verlassen könnte. Seit sich die vorberatende Kommission des Grossen Rates auf unsere Argumente eingelassen hat, bin ich aber viel zuversichtlicher als zuvor. Eine Prognose zu stellen, wage ich aber nicht.

Können Sie im Moment noch schlafen? Ja, ich habe generell keine Schlafprobleme. Mit einer Ausnahme: In der Nacht vom 4. auf den 5.Februar bin ich mehrmals erwacht, und zwar aus Freude darüber, dass die vorberatende Kommission die Weichen zugunsten von Burgdorf gestellt hat. «Ist das wirklich möglich?», dachte ich immer wieder.

Sie setzen sich seit Monaten mit viel Herzblut dafür ein, dass Burgdorf – entgegen den Plänen des Regierungsrats – Standort der Fachhochschule bleibt. Warum liegt Ihnen so viel am Tech? Der von der Regierung favorisierte Standortentscheid trifft Burgdorf und die ganze Region mitten ins Herz. Burgdorf hat sich seine Identität als Bildungsstadt seit gut hundert Jahren unter anderem auch auf dem Tech aufgebaut. Nimmt man ihr diese Institution weg, geht ihr etwas ganz Wichtiges verloren. Die Bevölkerung erwartet, dass die lokale Politik diese Angelegenheit mit höchster Priorität behandelt. Es ist für mich also nicht nur eine Herzensangelegenheit, dass ich mich für das Tech einsetze, sondern auch eine Pflicht.

Bei einem Wegfall der beiden Fachhochschul-Standorte würde Burgdorf nicht nur eine Ausbildungsstätte, sondern auch den viertgrössten Arbeitgeber verlieren – ein harter Schlag für die Stadt als Wirtschaftsstandort. Genau – und es erstaunt mich schon etwas, dass die Regierung diesen Aspekt bisher nicht erwähnt hat. Als Roche vor gut einem Jahr ankündigte, ihre 350 Arbeitsplätze aus Burgdorf und dem Kanton Bern abzuziehen, zeigte sich der bernische Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher betroffen und attestierte Burgdorf beste Qualitäten als Wirtschaftsstandort. Und nun will dieselbe Regierung mit dem Tech ebenfalls einen grossen Arbeitgeber in Burgdorf schliessen.

Die Gegner des Tech Burgdorf sind überzeugt, dass die Berner Fachhochschule in die Bedeutungslosigkeit absinkt, wenn man die Schule nicht auf die Standorte Bern und Biel konzentriert. Diese schwarz-weisse Argumentation kann ich nicht nachvollziehen. Es ist unbestritten, dass die räumlich arg verzettelte Berner Fachhochschule konzentriert werden muss. Wenn der Kanton Bern dafür aber Geld investieren will, stellt sich automatisch die Frage, was sinnvoll ist.

Und – zu welchem Schluss kommen Sie? Man muss sich zuerst einmal überlegen, in welchem finanziellen Umfeld man sich bewegt. Dabei merkt man schnell einmal, dass es keine gute Lösung wäre, in Biel einen grossen und sehr teuren Campus zu bauen, in Burgdorf aber gleichzeitig kantonseigene und bestens ausgestattete Gebäude stillzulegen. Nein – das ist keine Lösung für eine Schule, die man fit machen will.

Burgdorf hat doch nur eine Chance wegen der angespannten Finanzlage des Kantons Bern – ist ihnen das egal, Hauptsache, das Tech bleibt erhalten? Im Gegenteil, ich bin ja auch Kantonsbürgerin. Wenn man aber sagt, wir bauen jetzt ganz gross in Biel, wäre das schlecht eingesetztes Steuergeld – und das in einem Kanton, in dem man so sehr sparen muss, dass man sogar Volksschullektionen streicht. Wir Emmentaler stehen für eine andere Strategie ein: Wir wollen in Bildung investieren, nicht in Beton. Aber zugegeben: Wenn es die Finanzsituation des Kantons ist, die den Standort Burgdorf rettet, ist es mir auch recht.

Die vorberatende Kommission des Grossen Rates gibt Burgdorf eine Chance und schlägt dem Parlament vor, die Architektur an Ort zu belassen, zusätzlich Teile des Departements «Wirtschaft, Gesundheit, Soziales» nach Burgdorf zu holen und die technischen Bereiche in Biel zusammenzufassen. Könnten Sie mit dieser Lösung leben? Damit könnte ich bestens leben. Wir haben uns nie gegen eine Teilkonzentration in Biel gewehrt. Unsere Haltung ist aber ganz klar: Die Fachhochschule gehört in die Regionen, die Universität in die Hauptstadt. Die Regionen haben ja schon ihre Lehrerseminare an Bern abtreten müssen.

Der Standort Biel stand nie zur Diskussion, weder im Vorschlag der Regierung noch im Alternativmodell von Burgdorf und der vorberatenden Kommission. Warum hat sich Biel trotzdem gegen Burgdorf gestellt? Das frage ich mich auch. Die Seeländer hätten doch sagen können: Wir konzentrieren die Fachhochschule in den beiden Regionalzentren, also in Biel und Burgdorf. Aber man wollte halt nicht die Regierung kritisieren, die einem den Erhalt der eigenen Fachhochschule sichert. Wie ich an der Stelle der Bieler gehandelt hätte, weiss ich nicht.

Aber Biel hätte doch wenigstens schweigen können, statt sich mit Communiqués gegen die Burgdorfer Lösung zu äussern. Ja – aber auf der anderen Seite spürte ich bei den Seeländer Grossräten von Anfang an den Willen zu einer regional verträglichen Lösung.

Kritiker sagen, Burgdorf hätte bereits vor fünf, sechs Jahren mit Biel eine Allianz schmieden sollen. Hat Burgdorf geschlafen? Eigentlich haben wir unsere Verbundenheit mit der Fachhochschule immer betont. In den Burgdorfer Innopreis, der sich an Studierende der Institution richtet und nächstes Jahr bereits zum zehnten Mal stattfindet, investiert die Stadt viel Geld und Manpower. Aber vielleicht hat man die drohende Techschliessung unterschätzt, das mag sein.

Wann haben Sie gemerkt, dass es bereits fünf vor zwölf ist? Schon als Gemeinderätin bekam ich mit, dass sich da etwas zusammenbraut. Kurz nach meiner Wahl zur neuen Stadtpräsidentin im Spätherbst 2008 wurde ich aktiv. Ich war bereits gewählt, stand aber noch nicht im Amt, als ich mit der Alfred Müller AG als Besitzerin des alten Aebi-Areals Kontakt aufnahm und anfragte, ob die Firma für den allfälligen Bau eines Techcampus in Burgdorf Hand bieten würde.

Behält im Grossen Rat die Variante der vorberatenden Kommission die Oberhand, wären Biel und Burgdorf die grossen Gewinner, die Stadt Bern dagegen würde die meisten ihrer Departemente verlieren. Das werden die zahlreichen Stadtvertreter im Parlament kaum schlucken. So gesehen hat die Variante Biel-Burgdorf kaum eine Chance. Das sehe ich anders. Wenn man die Sache rein vernünftig betrachtet und sich sagt, dass es sinnvoll ist, regionale Schwerpunkte zu setzen, kann man auch als Ratsmitglied aus Stadt und Agglomeration Bern für die Variante Biel-Burgdorf sein, zumal diese auf bestehenden Ressourcen basiert, deutlich kostengünstiger ist und rascher umgesetzt werden kann. Zudem wird das stark beanspruchte Verkehrssystem der Hauptstadt entlastet. Übrigens: Bern ginge nicht leer aus. Es hätte immer noch die grosse und wichtige Hochschule der Künste.

Und natürlich die Uni. Richtig – und die Pädagogische Hochschule. Bern braucht die Fachhochschule nicht, aber die Regionen brauchen sie.

Zuweilen hat das Tauziehen zwischen Burgdorf und der Regierung um die Fachhochschule schon fast gehässige Töne angenommen. Waren und sind da auch persönliche Animositäten zwischen Ihnen und einzelnen Regierungsmitgliedern im Spiel? Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass Persönliches mitspielt. Den Regierungsräten ist klar, dass es zu meiner Rolle als Stadtpräsidentin und Grossrätin gehört, für den Techstandort Burgdorf zu kämpfen. Manchmal kommt dabei halt etwas nicht ganz so daher, wie man es gerne möchte, aber das gehört dazu. Damit muss man leben.

Als der Regierungsrat vor ein paar Jahren partout das Schloss Burgdorf verkaufen wollte, lagen die Nerven auf beiden Seiten aber auch schon blank. Im Moment fehlt der Regierung eventuell ein wenig das Fingerspitzengefühl, wie mit einer Regionalstadt wie Burgdorf umzugehen ist. Aus Berner Sicht ist Burgdorf tiefstes Outback, aber aus Burgdorfer Optik ist man Teil des Grossraums Bern. Zudem gehört die vielfältige geografische Gliederung zu den Merkmalen des Kantons Bern; will man dem Rechnung tragen und dafür sorgen, dass die Regionen intakt bleiben, gilt es, deren Zentrumsorte angemessen zu fördern.

Empfänden Sie es als persönliche Niederlage, wenn der Grosse Rat dem Fachhochschulstandort Burgdorf nächste Woche eine Absage erteilen würde? Manche Leute würden es vielleicht so auslegen. Aber mich würde ein Nein des Parlaments zwar sehr enttäuschen, aber nicht verletzen. Wir haben hart und mit guten Argumenten gekämpft, dies war unsere Aufgabe. Als Demokratin müsste ich aber das Nein zu Burgdorf akzeptieren. Ich vergösse im Fall einer Niederlage auch keine Tränen, denn aus der grossen regionalen Solidarität, die ich beim Kampf ums Tech erfahren durfte, schöpfe ich viel Kraft – Kraft, die es brauchen würde, um über sinnvolle Nachnutzungen der leer werdenden Techliegenschaften in Burgdorf nachzudenken.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch