Der Euro macht nicht nur dem Marzipansöili Bauchweh

Emmental

Mit der Aufhebung des Mindestkurses hat die SNB auch die Emmentaler Unternehmer überrumpelt. Während die einen dafür plädieren, kühlen Kopf zu bewahren, denken andere über Massnahmen nach.

Traurige Aussichten: Zahlreiche Emmentaler Firmen – etwa Olo Marzipan – spüren die Folgen der Währungskrise.

Traurige Aussichten: Zahlreiche Emmentaler Firmen – etwa Olo Marzipan – spüren die Folgen der Währungskrise.

(Bild: Fotolia/Montage fri)

«Katastrophal»: Dieses Wort fällt relativ häufig, wenn man Emmentaler Unternehmer dieser Tage mit der Frage konfrontiert, wie sie die Auswirkungen des tiefen Euros auf den Geschäftsgang beurteilen. Dabei sollten die Chefs gegenüber ihren Mitarbeitern gerade jetzt gelassen auftreten und Zuversicht verbreiten. Aber wie, wenn sie selber kaum wissen, wohin die Reise mit dem tiefen Euro noch geht? Die Situation ist paradox: Obwohl viele Auftragsbücher voll sind, geht die Rechnung wegen der Währungskrise plötzlich nicht mehr auf.

Eine Umfrage unter rund 20 Emmentaler Firmen zeigt: Es gibt zwei Lager. Die einen Entscheidungsträger warnen vor Schnellschüssen und raten dazu, die Situation in Ruhe zu beurteilen. Andere sehen sich bereits jetzt dazu gezwungen, konkrete Massnahmen zu prüfen und umzusetzen. Zur zweiten Gruppe gehört etwa Stefan Endras, Geschäftsleiter der Papierfabrik Utzenstorf. Kurzarbeit bringe in seiner Firma zwar nichts. «Die Auftragslage ist gut. Bei Vollauslastung verdienen wir lieber wenig als gar nichts.» Aber andere Lohnmassnahmen seien auf dem Tisch. Damit dürfte er Lohnkürzungen oder eine Erhöhung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn meinen. Für die Papierfabrik und andere Unternehmen der Papierbranche sei die Aufhebung des Euromindestkurses besonders schlimm, so Endras. «Unsere Einnahmen sind zu 100 Prozent vom Eurokurs abhängig, während wir 70 Prozent der Ausgaben in Schweizer Franken bestreiten.» Für die «Papieri» seien die Rahmenbedingungen schon beim Mindestkurs von 1.20 schwierig gewesen, jetzt habe sich die Ausgangslage nochmals verschlimmert.

Einmal Kurzarbeit beantragt

Reagiert hat auch Peter Jakob: In seiner Seilfabrik, der Jakob AG in Trubschachen, wurde per sofort ein Einstellungsstopp verhängt. Die Firma erzielt rund 40 Prozent ihres Umsatzes in Euro und ist somit stark von der Währungskrise betroffen. Jakob betont, dass er noch nie jemanden aus wirtschaftlichen Gründen entlassen habe. Das soll aus seiner Sicht auch so bleiben. «Kurzarbeit oder Entlassungen sind zurzeit kein Thema.» Er kann sich jedoch vorstellen, dass die 60 Mitarbeiter angehalten werden könnten, ihre Überstunden konsequent abzubauen oder Minusstunden anzusammeln, die sie dann in den nächsten Jahren kompensieren würden. Ausgedeutscht heisst das: Die Belegschaft würde vorübergehend bei gleichem Lohn weniger arbeiten und später dafür bei gleichem Lohn Mehrarbeit verrichten. Noch sei aber nichts dergleichen beschlossen worden, so Jakob.

Ähnliche Überlegungen macht sich die im Holzsektor tätige Brand Reber AG aus Zollbrück und Langnau, die auf Oberflächenbehandlung und Hobelwaren spezialisiert ist. Finanzchef Benz Steffen sagt zwar, man sei bisher nicht direkt von Auftragsannullationen betroffen. Jedoch drohe mit dem Warenlager ein Verlust: In Euro eingekaufte Produkte könnten nach dem Währungssturz nur mit einem grossen Abschreiber verkauft werden. Er befürchtet, der Preiswettbewerb werde durch die nun «sehr günstige ausländische Ware» noch verschärft. «Der Endkonsument im Bausektor wird entscheiden, wie gross die Preisdifferenz zwischen heimischer Ware und der Billigkonkurrenz aus dem Ausland sein kann.» Bei einem massiven Nachfrage- oder Preiseinbruch müssten entsprechende Schritte in Betracht gezogen werden. «Als unmittelbar zu diskutierende Massnahme steht für uns eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit bei gleichem Lohn im Vordergrund», so Steffen.

Der Gedanke an die ausländischen Mitbewerber, die nach der Aufhebung des Mindestkurses gegenüber den Schweizer Anbietern auf einen Schlag um rund 20 Prozent günstiger geworden sind, treibt auch Urs Lohner Sorgenfalten auf die Stirn. Er ist Geschäftsführer der Olo Marzipan O.Lohner AG mit Sitz in Lyssach. Sein Unternehmen leide doppelt: zum einen unter dem hohen Rohstoffpreis der Mandeln, zum anderen unter dem Währungssturz. Lohner befürchtet, dass Schweizer Kunden auf Angebote aus dem Ausland ausweichen könnten. Dort können die Firmen zu tieferen Lohnkosten produzieren. Lohner sagt zwar, es werde bei Olo kurzfristig weder zu Lohnsenkungen noch zu Entlassungen kommen. «Kurzarbeit könnte aber ein Thema werden.»

Apropos Kurzarbeit: Laut dem Beco Berner Wirtschaft hätten im Kanton Bern seit dem SNB-Entscheid bis gestern Mittag 15 Firmen eine entsprechende Voranmeldung eingereicht. Darunter sei auch je eine aus dem Emmental und dem Oberaargau, sagt Beco-Geschäftsleitungsmitglied Marc Gilgen. Um welche Firmen es sich handelt, gibt er nicht bekannt.

Zu den Unternehmern, die noch abwarten und dafür plädieren, kühlen Kopf zu bewahren, zählt Reto Reist. Er ist Geschäftsführer der Moser-Baer AG in Sumiswald, die mit ihren Bahnhofsuhren weltweite Bekanntheit erlangt hat. Er sagt: «Die Planungssicherheit ist auf einen Schlag verschwunden.» Der starke Franken führe dazu, dass man von Fall zu Fall beurteilen müsse, ob man ausländischen Kunden einen Preisnachlass gewähren könne. Seine Firma spüre die Währungskrise zwar, «wir sind finanziell aber absolut gesund und gut aufgestellt». Zudem seien die Auftragsbücher voll. Massnahmen wie Kurzarbeit, die man während der letzten Krise 2011 zeitweise eingeführt habe, seien im Moment kein Thema, sagt Reist.

Rondo AG ist stark betroffen

Auch bei der Herstellerin von Berufskleidung, der Albiro-Gruppe in Sumiswald, seien Massnahmen auf Kosten der Mitarbeiter derzeit kein Thema, sagt Chef Roland Loosli. Abwarten heisst auch die Devise bei Biscuithersteller Kambly in Trubschachen: Mit einem Exportanteil von 40 Prozent spüre man die Währungsverluste deutlich, sagt CEO Hans-Martin Wahlen. Je nachdem, wo sich der Wechselkurs einpendle, müsse man entsprechend reagieren, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Von der Erstarkung des Frankens hart getroffen wurde die Firma Rondo AG, die in Burgdorf mit 230 Mitarbeitern hochwertige Maschinen zur Herstellung von Feingebäck, Brot und Dünnteigprodukten herstellt. «Euro, US-Dollar und das britische Pfund machen bei uns über 90 Prozent des Umsatzes aus. Die Auswirkungen sind demnach für uns bedeutend, und es gilt, diese mit anderen geeigneten Massnahmen zu kompensieren», erklärt Finanzchef Roland Boschung. Das Ziel müsse es sein, die Unternehmung mittel- und langfristig erfolgreich zu führen. Dabei betont Boschung: «Wir haben als KMU bewiesen, dass wir uns schon bei der Abschwächung des Euro von 1.60 bis 1.20 Franken der Herausforderung stellen und diese auch meistern konnten. Mit 1.05 Franken müssten wir aus heutiger Sicht schon fast ‹zufrieden› sein im Vergleich mit den auch durchaus möglichen Szenarien einer weiteren Erstarkung des Frankens respektive Fallens des Euro auf unter pari.»

Bei der Medizinaltechnikfirma Ypsomed in Burgdorf klingt die Antwort von Mediensprecher Benjamin Overney vergleichsweise schon fast sorgenfrei. Seit der Aufhebung der Eurountergrenze seien «keine wesentlichen Auswirkungen» spürbar. Dies vor allem deshalb, weil die Ypsomed-Gruppe über eine gute Währungsabsicherung verfüge. Overney sagt gar, man könnte auch mit einer Franken-Euro-Parität leben. «Dann würden wir aber mit Sicherheit stark reduziert in der Schweiz investieren und wachsen.» Zudem müssten dann gewisse Technologien und Produktionsprozesse ausgelagert werden. «Das kann und darf nicht im Sinn der Währungshüter und Landesregierung sein.» Der Verwaltungsrat und das Management seien dabei, verschiedene Währungsszenarien zu analysieren. Daraus würden dann strategische Massnahmen erarbeitet.

Kaum betroffen ist die Steffen-Ris AG in Utzenstorf, die auf Früchte- und Gemüsetransporte spezialisiert ist. «Wir vermarkten hauptsächlich Inlandprodukte für den Schweizer Markt», sagt der Leiter Leistungszentren, Jörg Schär. Die einzige Gefahr für sein Unternehmen sieht er im steigenden Einkaufstourismus und darin, dass mehr Kunden Früchte und Gemüse im Ausland einkaufen könnten.

Mopac gibt sich bedeckt

Und was macht die Mopac Modern Packaging AG? Das Verpackungsunternehmen aus Wasen hatte 2011 zweifelhafte nationale Berühmtheit erlangt, als es wegen der damaligen Währungskrise die Löhne der mehr als 200 Mitarbeiter um 10 Prozent gesenkt hatte. Diese Massnahme hat bis heute Bestand und wird erst dann wieder aufgehoben, wenn der Betriebsgewinn (Ebitda) mehr als 4 Millionen Franken beträgt oder der Eurokurs 1.35 Franken übersteigt. CEO Rainer Füchslin hält sich bedeckt. Auf die Frage, ob Kurzarbeit oder weitere Lohnsenkungen ein Thema seien, sagt er: «Wir werden den Kurs genau beobachten. Vieles ist möglich.»

Zur Währungskrise nicht äussern wollten sich die Amcor Flexibles GmbH in Burgdorf, die Jutzler AG in Oberburg und die Zaugg AG Eggiwil.

phm, ue, cbb, nnh, sgs/BZ

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...