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Der alte Knecht nimmt Abschied vom Hof

Das macht ihm so schnell keiner nach: Ernst Mumenthaler blieb nach einer bewegten Jugendzeit 67 Jahre als Knecht auf demselben Hof. Hier war es ihm wohl. Doch jetzt muss er zügeln – der 87-Jährige schickt sich mit bewundernswerter Gelassenheit darein.

In seinem Stübli: Ernst Mumenthaler (Gringle-Aschi) hat während 67 Jahren auf dem Hof Grindlen gearbeitet. Nun verlässt er sein Zuhause.
In seinem Stübli: Ernst Mumenthaler (Gringle-Aschi) hat während 67 Jahren auf dem Hof Grindlen gearbeitet. Nun verlässt er sein Zuhause.

Der Herr sei im Himmel, sagt Ernst Mumenthaler, der in der Küche auf die Zeitungsleute gewartet hat. Und stellt sich vor: «I bi dr Gringle-Aschi.» Ernst Mumenthaler ist 87 Jahre alt und hat beinahe ein Leben lang vom Hügel über dem Gohlgraben auf die Welt herabgesehen. «Warum hätte ich auch wechseln sollen? Hier war es mir wohl», sagt er. 67 Jahre arbeitete er als Knecht auf dem Bauernhof Ausser Grindlen von Familie Gerber. Nun wurde er für seine treuen Dienstjahre geehrt und durfte an der Feier des Ökonomisch-Gemeinnützigen Vereins oberes Emmental ein Diplom entgegennehmen.

Wie er seine Heimat fand

Doch bevor er auf den Hof im Gohl kam, war Ernst Mumenthaler «fast ein Zigeuner», so oft habe er in seiner Kindheit den Wohnort gewechselt. Das kam so: Zur Welt gekommen sei er ganz zuhinterst im Graben, auf dem Lohngrat. Als er 2- und der Bruder 1-jährig war, starb der Vater. Die Mutter verdingte sich als Magd bei Bauern und nahm nur den Kleinen mit, Ernst blieb bei der Grossmutter. Seine Gesichtszüge erhellen sich: «Eine schöne Zeit», erinnert sich Ernst Mumenthaler. Dann aber, als die Schule begann, wurde er von einer Tante zur andern weitergereicht – und Tanten gab es viele: auf der Mörisegg, in Mirchel, in Niederösch, auf der Hammegg, dann wieder im Gohl. «Und konfirmiert wurde ich in Kirchberg.» Es versteht sich, dass die Wechsel der Schulkarriere des ohnehin Schwachbegabten wenig förderlich war. So half er halt bald hier, bald da bei Bauern aus, zu tun gab es immer etwas. Als er sich im Militär stellen wollte, schickten sie ihn gleichentags heim, das machte ihn traurig. Da kam die Anfrage vom Ausser-Grindlen-Bauern gerade recht, dieser suchte einen Knecht.

Das war 1945, erzählt Ernst Mumenthaler. Der Gerber Fritz hatte Probleme mit dem Herz und musste die schwere Arbeit den Knechten überlassen. Zu viert hausten sie in der Kammer ob der Küche, wo Mumenthaler heute noch zu Hause ist, allerdings jetzt allein. Ans Heiraten habe er nie gedacht, das koste viel und sei riskant. Schöne Kühe gab es auf dem Hof und mehrere Pferde – das ist noch heute so. Aber er kann nicht mehr in den Stall. Die Beine, die ihn so manches Mal den Berg hinunter- und hinaufgetragen haben, sind müde geworden. Das Herz auch.

Drei Generationen Meistersleuten hat Ernst Mumenthaler gedient. Vieles hat sich verändert. All die Maschinen, die heute die Leute ersetzen, und dass man nicht mehr in die Käsi geht, und dass man nicht mehr «z Acher fährt». Und die Bäuerin arbeitet auswärts, während die Kinder bei den Grosseltern sind. Dadurch ist Mumenthaler viel allein. Auch die Treppe zur Kammer hinauf wird für ihn immer steiler, und die Toilette ist weit weg – der alte Knecht macht sich Gedanken. Darum heisst es nächsten Freitag Abschied nehmen: Er zieht zur Schwägerin nach Halten, wo er schon in den Ferien war und wo seine Mutter den Lebensabend verbrachte. «Das sy gäbig Lüt», meint er. Man sehe von dort die Juraberge, und in der Nähe werde gehornusst, das interessiert ihn.

Ein schönes Leben

Er habe da oben ein schönes Leben gehabt, findet Ernst Mumenthaler. Allein nur diese schöne Aussicht vom Läubli herab, schwärmt er. Sonntags sei er oft «z Visite» zu den vielen Verwandten gegangen – er bekam später noch einige Halbgeschwister. Keinen Langnau-Märit habe er verpasst. Auch ins Kino, in den Zirkus und an die 1.-August-Feier durfte er gehen. Mit dem Bruder unternahm er Carreisen, sogar ins Ausland. In Erinnerung geblieben sind ihm auch die vielen Heuete, Sichlete und Metzgete, die früher auf dem Hof gefeiert wurden. Da habe er manchmal ein wenig «höch» gehabt und im Stroh schlafen müssen, sagt er und lacht. Er habe eben eine Schwäche für Kafi Schnaps.

Viel mitnehmen an den neuen Ort wolle er nicht, sagt Ernst Mumenthaler zum Schluss. Das alte Nachttischli, die Fotos und die Diplome von den Ehrungen, das «bluemete Trögli» mit seinen Habseligkeiten und natürlich den Fernseher. «Und wenn i Längizyti überchume, chani ja z Visite cho.» Gertrud Lehmann

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