Das halbe Dorf protestierte

Schafhausen

Die Bevölkerung von Schafhausen könnte bald um 50 Prozent wachsen: Im alten Schulhaus sollen bis zu 150 Asylsuchende einquartiert werden. Gleich viele Leute protestierten gestern gegen die Pläne der Behörden.

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«Asyl-Zentrum Schafhausen Nein» stand unübersehbar auf einem Plakat beim alten Schulhaus Schafhausen. Der Widerstand gegen die Unterbringung von 150 Asylsuchenden im 300-Seelen-Dorf hatte sich schnell formiert: Nur einen Tag nachdem die Pläne der Behörden öffentlich gemacht wurden, riefen Bewohner von Schafhausen zur Kundgebung gegen die Aufnahme der Flüchtlinge auf.

Gestern um 19 Uhr sollte diese stattfinden. Die Protestaktion organisiert haben Marcel Eggimann und Urs Grossenbacher. Auf 150 Teilnehmer hofften die beiden – genauso viele, wie dereinst im 300-Seelen-Dorf maximal untergebracht werden sollten.

Grossaufmarsch im Dorf

Um Viertel vor sieben gaben sich die beiden Organisatoren noch etwas unsicher, was den Aufmarsch anbelangt. Die drei Kühe, die neben dem Schulhaus friedlich grasten, blickten zunächst erst auf eine Handvoll Leute.

Das änderte sich aber schnell: Immer mehr Personen strömten vom Dorf her der Hauptstrasse entlang Richtung Schulhaus, Jüngere, Ältere und Familien, etliche auswärtige waren darunter. Als Urs Grossenbacher die Anwesenden später vor dem Schulhaus durchzählte, kam er auf gut 150.

Behörden waren abwesend

In einer kurzen Ansprache äusserte sich Marcel Eggimann zu den Beweggründen, die ihn dazu veranlasst hätten, die «stille Kundgebung» zu organisieren. «Wir haben das Gefühl, dass wir eine Reaktion zeigen müssen.» Damit sprach er an, was etliche Teilnehmer ebenfalls ausdrückten: Dass man sich von den Behörden übergangen fühle, denn sie hätten viel zu spät informiert.

Dafür gabs viel Zustimmung – von den Adressaten, den Gemeindebehörden, war freilich niemand da. Eggimann Mitstreiter Grossenbacher ergänzte, dass man sich inhaltlich erst am Info-Anlass am 14. Oktober äussern wolle.

Kurz darauf setzte sich der Tross in Bewegung, und im Gänsemarsch ging es Richtung Bahnhof. Dort wurden Unterschriften gesammelt, damit laut Eggimann wenigstens die Anzahl Asylsuchender reduziert werden könne. Nach gut einer Stunde war die Veranstaltung, die friedlich ablief, beendet und löste sich nach und nach auf.

Viele zeigen Verständnis

Einig waren sich die Demonstranten in ihrer Wut auf die Behörden: «Mich stört, wie die Bevölkerung informiert worden ist», meinte ein Goldbacher. Ein junger Mann aus Schafhausen schlug in die gleiche Kerbe, sagte aber: «Am Ende werden wir nichts gegen den Entscheid machen können.»

Einige Jüngere drückten sich weniger besonnen aus, einer meinte etwa, dass die Flüchtlinge dorthin zurückkehren sollen, wo sie herkommen. Solche Stimmen waren gestern Abend jedoch in der Minderheit: die meisten zeigten Verständnis für die Unterbringung der Flüchtlinge. Kritisiert wurde das Vorgehen der Behörden. Und vor allem die vorgesehene Anzahl Asylbewerber, die die Dorfbevölkerung um die Hälfte anschwellen lassen könnte.

Rudolf Buri forderte, dass für die Bewohner des alten Schulhauses sinnvoll beschäftigt werden, «damit sie eine Tagesstruktur erhalten und nicht herumlungern». Der Präsident des Gewerbevereins Hasle äusserte zudem den Verdacht, dass der Gemeinderat in erster Linie aus finanziellen Motiven dem Kanton die Liegenschaft vermietet. «Wenn schon, sollte dies aus humanitären Gründen geschehen.»

Brandschutz wird verbessert

Zahlreiche Befürchtungen im Zusammenhang mit den Asylsuchenden und deren Unterbringung wurden geäussert, beispielsweise, dass die Liegenschaft angesichts der fehlenden Fluchttreppen und dem verbauten Holz überhaupt als Asylunterkunft geeignet ist.

Bereits am Nachmittag antwortete Claudia Ransberger vom kantonalen Migrationsdienst, dass die Gebäudeversicherung (GVB) alle Liegenschaften, in die Asylsuchende einquartiert werden, abnehme. Die GVB habe denn auch veranlasst, dass im Schulhaus bis zum Einzug der Asylsuchenden eine Brandschutzanlage installiert werde.

Bereits zu Wort gemeldet hat sich die Juso: In einer Medienmitteilung zeigt sie sich «zutiefst empört» über die Kundgebung. Sie sei befremdet über den Mangel an Verständnis für die Situation der Asylbewerber.

Berner Zeitung

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