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Bergrücken entzückt Archäologin

Die Lehnflue, die zur Hälfte in Niederbipp liegt, gilt als eine wichtige archäologische Fundstelle. Was ihr alles entnommen wurde, weiss die langjährige Wangerin Corinne Hodel ganz genau.

Sie weiss, welche archäologischen Schätze hier ausgegraben wurden: Archäologin Corinne Hodel vor der Lehnflue. Links von ihr die Vordere Erlinsburg, die auf Niederbipper Boden liegt.
Sie weiss, welche archäologischen Schätze hier ausgegraben wurden: Archäologin Corinne Hodel vor der Lehnflue. Links von ihr die Vordere Erlinsburg, die auf Niederbipper Boden liegt.
Daniel Fuchs

Die Lehnflue ist eine Schatzgrube, zumindest für Archäologen. Auf der markanten Felsrippe zwischen Niederbipp und Oensingen SO wurden seit dem 19.Jahrhundert nicht nur Mauerreste von mittelalterlichen Anlagen gefunden, sondern auch zahlreiche Beweise für eine Besiedelung. Alle bekannten Funde zusammengetragen, das hatte bislang aber niemand. Da musste schon erst die lokale Archäologin Corinne Hodel kommen. Sie hat für ihre Masterarbeit, die sie 2013 an der Universität Bern eingereicht hat, das gesammelte Material analysiert – insgesamt rund 2500 Funde. Welche Aussagen lassen diese zu und vor allem: Inwiefern lässt sich damit die Siedlungsgeschichte der Lehnflue nachvollziehen? Ausgehend von dieser Fragestellung, machte sich Corinne Hodel nicht nur an die zeitliche Einordnung, sondern auch an die Interpretation der gemachten Funde. Zutage gefördert hat sie in Zusammenarbeit mit den Kantonsarchäologien Solothurn und Bern während ihrer einjährigen Arbeitszeit erstaunliche Erkenntnisse.

Steinzeit bis Neuzeit

Die Funde reichen von der Steinzeit bis in die Neuzeit und umfassen somit einen gewaltigen Zeitraum. Sie sei damit in Gebiete vorgestossen, mit denen sie bis dahin kaum zu tun gehabt habe, sagt Corinne Hodel. Die Archäologin ist eigentlich auf die Römerzeit spezialisiert. Eine Bergkristallklinge allerdings konnte Corinne Hodel neu sogar auf 17'000 bis 9000 vor Christus, also die Altsteinzeit, datieren. «Grösse und Form passen zu dieser Zeit.»

Mehrere Metallfunde zeugen davon, dass es auf der Lehnflue schon während der Römer- und der Bronzezeit Siedlungen gab. «Man hat es sich gut eingerichtet», sagt Hodel. In ihrer Arbeit weist sie ausserdem nach, dass die Lehnflue auch während der Keltenzeit besiedelt war – dies war bisher nicht bekannt.

Die Gegenstände, die auf der Lehnflue gefunden worden sind, reichen von Pfeilspitzen über Münzen bis hin zu zahlreichen Keramiken. Oftmals seien es die kleinen Funde, die besonders wichtig seien, erklärt Corinne Hodel. Einen aus einem Schrotthaufen entnommenen Metallgegenstand habe sie so beispielsweise als Beschlag eines Gürtels aus der spätrömischen Zeit identifiziert.

«Riesige Löcher»

Vor allem aus der Römer- und der Bronzezeit seien «ein paar überdurchschnittlich gut erhaltene Funde» vorhanden. Zu verdanken sind diese auch lokalen Forschern. Einer, der schon sehr früh Grabungen vornahm, war der Fabrikant Robert Schweizer aus Wangen an der Aare. Seine Funde aus der Zeit von 1895 bis 1905 seien mit ein Grund gewesen, weshalb sie sich als Kind erst überhaupt für Archäologie zu interessieren begonnen habe, erklärt Corinne Hodel. Die Stadtbernerin hat selbst 27 Jahre lang in Wangen gelebt und auf dem zweiten Bildungsweg Archäologie studiert.

Als sensationell bezeichnet Corinne Hodel zudem die Sammlung von Forscher Kurt Christen aus Niederbipp. Zu dieser gehören unter anderem auch über 200 römische Münzen. Christen hatte die Lehnflue rund 20 Jahre lange mit dem Metalldetektor abgesucht. Was eigentlich illegal ist, wie Corinne Hodel erklärt. Ist es doch verboten, auf eigene Faust und ohne Bewilligung nach archäologischen Funden zu graben. Christen hatte seine Sammlung aber schliesslich der Kantonsarchäologie übergeben. Womit sie auch in die Arbeit von Corinne Hodel einfliessen konnte.

Anders sieht es da mit den Funden aus, die zahlreiche Raubgräber seit den 1990er-Jahren auf der Lehnflue gemacht haben. Diese sind nicht wie eigentlich vorgeschrieben dem Kanton übergeben worden und gelten für Archäologen als verloren. «Man sieht gut die Löcher, welche die Raubgräber hinterlassen haben. Sie sind riesig», sagt Corinne Hodel. Die 41-Jährige bedauert das sehr. «Ich will gar nicht daran denken, was dabei alles an tollen Funden verloren ging.» Sie weiss, dass es vor allem in Deutschland bis vor wenigen Jahren eine einschlägig bekannte Szene an Detektorgängern gab. Mittlerweile sei der Raubgräbertourismus aber fast wieder ganz verschwunden, sagt Corinne Hodel. «Die Lehnflue gilt als abgegrast.» Nur in tiefen Schichten könnten noch Funde gemacht werden.

Eine Burg im Zentrum

Die Lehnflue, deren Bergrücken rund 1000 Meter lang ist, liegt im Westen ungefähr zur Hälfte auf Niederbipper Boden. Es finden sich dort, genau wie auf der Solothurner Seite, Ruinenüberbleibsel von Burgen aus dem Mittelalter. Während die Mittlere, die Hintere und die Hinterste Erlinsburg alle zu Oensingen gehören, wurde die Vordere Erlinsburg auf dem Grund des Herrschaftshofes Niederbipp erbaut. Sie ist insofern besonders interessant, als sie das Zentrum der Herrschaft Erlinsburg bildete und die wenigen schriftlichen Quellen, die aus dieser Zeit vorhanden sind, sich alle auf sie beziehen. Wobei noch heute unklar sei, weshalb die Burg so hoch oben auf dem Berg erbaut worden sei, sagt Corinne Hodel. Eine mögliche Erklärung sei, dass man die Höhe zum Schutz und zur besseren Kontrolle über das Herrschaftsgebiet aufgesucht habe.

Corinne Hodel hat ihr Studium mittlerweile abgeschlossen. Sie arbeitet derzeit als Teamleiterin bei den Grabungen auf dem Zürcher Münsterhof. Mit ihrer Masterarbeit beschäftigt sie sich trotzdem auch weiterhin intensiv. Diese soll nämlich schon bald als Buch erscheinen.

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