Bei dieser Mondlandung fehlt Neil Armstrong

Burgdorf

Weil ein gefährlicher Stoff freigesetzt worden ist, muss ein Grossteil der Bevölkerung in der Region Burgdorf dekontaminiert werden. Zum Glück ist das Ganze bloss eine mehrtägige Grossübung.

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In der Region Bern herrscht Alarmzustand: Ein starkes Erdbeben mit Epizentrum in Münchenbuchsee hat grosse Schäden verursacht. Es herrscht Chaos in den aufgerissenen Strassen, an ein Verbleib in den eigenen vier Wänden ist nicht mehr zu denken. Doch als würde dies alles der Bevölkerung nicht schon genug zusetzen, wurde wegen des Bebens auch noch der gefährliche Stoff Dichlorvos freigesetzt.

Zugegeben: Das alles klingt wie aus einem abgehobenen Science-Fiction-Roman. Und derjenige, der sich dieses Szenario ausdenken durfte, hat sicher mehr als nur einen Roland-Emmerich-Weltuntergangsstreifen gesehen. Doch selbst wenn die eingangs geschilderte Katastrophe surreal erscheinen mag, so entspricht sie doch ziemlich genau dem, worauf sich die Blaulichtorganisationen hierzulande in ihren Simulationen einstellen. Schliesslich wollen sie im Ernstfall auf alles vorbereitet sein. Eine solche Grossübung findet aktuell beim Spital in Burgdorf statt. Es wirken rund 600 Personen mit, eine tragende Rolle kommt der Armee mit ihrem Spitalbataillion 66 zu.

Wie auf dem Mond

Wegen des Austretens des C-Gefahrenstoffs Dichlorvos muss in Burgdorf die spitaleigene Dekontaminationsstelle aufgebaut werden. Die Armee wirkt unterstützend und hilft bei der Versorgung der Opfer mit.

Von weitem schon sieht man die Belagerung des Spitals, dessen Eingang von grünen Militärzelten verstellt ist. Sogar grimmig dreinblickende Astronauten haben sich eingefunden. In ihrer orangen Montur erinnern sie an Sumoringer. Sobald sich ein Opfer nähert, packen sie es und schleppen es in den Untergrund. Dort wird es ausgezogen und unter eine Dusche gestellt, wo es mit Tüchern abgerieben wird. Nach exakt sechs Minuten kommt es in die Trocknungs-station, wird nochmals abgerubbelt und kann schliesslich einen blauen Kunststoffpyjama samt Häubchen und Finken fassen. Die verseuchten Zivilkleider werden in einen Kehrichtsack gesteckt, im Ernstfall würden sie vernichtet.

Bei den Astronauten handelt es sich natürlich nicht um Pioniere, wie es seinerzeit Neil Armstrong bei der ersten Mondlandung gewesen war. Vielmehr sind es Spitalangestellte im Schutzanzug, die vermeintlichen Opfer sind Figuranten. Bevor Letztere nun in der Triage von einem Arzt entweder nach oben in den Operationssaal oder nach unten ins Notfallzentrum weitergeschleust werden, bekommen sie von einer barmherzigen Schwester ein Spitzbubengüezi.

Eines von sieben Spitälern

«Unter Dekontamination verstehen wir das Entfernen von gefährlichen Verunreinigungen, welche radioaktiver, biologischer oder chemischer Natur sein können. Das Personal trägt Schutzanzüge, die das Atmen innerhalb der Masken ermöglichen», erklärt Francesca Heiniger, Kommunikationsverantwortliche des Spitals Emmental. In diesen Schutzkleidern dürfte man nur zweieinhalb Stunden arbeiten. Nach fünf, maximal sechs Stunden käme das Spital mit seinem Personal und seiner Infrastruktur an die Belastbarkeitsgrenze, darum habe man für die Simulation nun erstmals die Armee beigezogen, sagt Heiniger.

Gut zu wissen, dass das Spitalbataillion 66 im Ernstfall eine geschützte Operationsstelle in Betrieb nehmen könnte. Im zweiten Untergeschoss des Spitals stehen in dieser 36 Betten bereit, die Station könnte bei Bedarf auf 100 Plätze erweitert werden. Burgdorf ist eines von sieben Schweizer Spitälern, die für den Katastrophenfall ausgerüstet sind. Notfallübungen gibt es regelmässig. Sie erinnern aber nicht immer an ein Hollywooddrehbuch.

Berner Zeitung

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