Aus Frust: Chefarzt verlässt das Spital

Langnau

Hansueli Albonico hat genug. Der Leiter der komplementärmedizinischen Abteilung verlässt das Spital Langnau. Er ist des ewigen Kampfes müde.

Hansueli Albonico resigniert. Der Leiter der komplementärmedizinischen Abteilung am Spital Langnau hat gekündigt.<p class='credit'>(Bild: Thomas Peter)</p>

Hansueli Albonico resigniert. Der Leiter der komplementärmedizinischen Abteilung am Spital Langnau hat gekündigt.

(Bild: Thomas Peter)

Als Arzt gibt Hansueli Albonico einem Patienten in seiner Situation nur einen Rat: die Arbeit, die ihn gesundheitlich derart belastet und ausbrennt, zu kündigen. Da er in den letzten drei Jahren mehrmals auf ein Burn-out zugesteuert sei, hat der Langnauer Hausarzt Ende Dezember den Strich gezogen: Er hat seine 60-Prozent-Stelle als Leiter der komplementärmedizinischen Abteilung im Spital Langnau gekündigt. Verlassen wird er die Regionalspital Emmental (RSE) AG Ende Juni, wie «Der Bund» gestern berichtete.

15 Jahre gekämpft

Leicht fällt es Albonico nicht, die Abteilung, die er vor 15 Jahren zusammen mit seiner Frau Danielle Lemann und Kollege Rolf Schmid aufgebaut hat, zu verlassen. Immerhin handelt es sich um die schweizweit einzige Abteilung in einem öffentlichen Spital, die nebst Schulmedizin auch anthroposophische Medizin, Phytotherapie und Homöopathie anwendet. Entsprechend gross war die Beachtung, als das Projekt startete. «Doch über die Pilotphase ist es nie hinausgekommen», stellt Albonico heute resigniert fest.

Nach langem Kampf ist er müde. Er wehrte sich vergeblich dagegen, dass Spitäler über Fallpauschalen abrechnen müssen. Bei einem Patienten mit Blinddarmentzündung könnten die Kosten durchaus standardisiert werden, sagt er. «Aber bei komplexen Fällen funktioniert das nicht.» Als Beispiel berichtet Albonico von einem Krebskranken, der nach einer schweren Krebstherapie zur Stabilisierung auf seiner Abteilung liegt. «Er fragt mich, ob er bis zum Tod bleiben könne. Sichere ich ihm dies zu, kann er sich endlich entspannen, sein Gesundheitszustand wird besser – und ich muss ihn weiterverlegen.» Eine solche allein auf Ökonomie ausgerichtete Entwicklung könne er «persönlich nicht länger mitverantworten», sagt Albonico.

Projekte versanden

Der Kostendruck seitens des Kantons und seitens der Leitung der RSE AG sei immens. Dabei sei gar nicht erwiesen, ob die komplementärmedizinische Abteilung teurer sei, wenn ein Patient etwas länger liegen bleibe. Denn auf der andern Seite wende sie keine teuren Therapien an. Mehrmals seien Projekte aufgegleist worden, die Kostentransparenz hätten herstellen sollen. Doch mit den vielen Wechseln in der Chefetage und dem Verwaltungsrat (VR) der RSE seien diese jeweils versandet.

Auch ein gross angekündigtes Vorhaben aus dem Jahr 2008 löste sich in nichts auf. Im Zuge der Neuen Regionalpolitik wollten Bund und Kanton ein Projekt unterstützen: Zusammen mit der Universität Bern hätte am RSE ein breites Angebot in anthroposophischer Medizin, klassischer Homöopathie, traditioneller chinesischer Medizin und Neuraltherapie aufgebaut werden sollen. «Heute ist es leider schubladisiert», sagt Albonico.

Die neue Spitalleitung bekenne sich zwar zur komplementärmedizinischen Abteilung, «doch in wirksamen Massnahmen hat sich das noch nicht ausgewirkt». Im Gegenteil: Im Zusammenhang mit dem Bauvorhaben am Spital Langnau würde die Abteilung ihre örtliche Eigenständigkeit verlieren. RSE-CEO Adrian Schmitter präzisiert: Die Komplementärmedizin bleibe eine eigene Abteilung, werde aber auf dem gleichen Stockwerk wie die Akutmedizin untergebracht. Damit könne Pflegepersonal eingespart werden, sagt er.

VR hält an der Abteilung fest

Aber: «Im Dezember hat der VR an einer Strategieklausur explizit betont, dass er an der komplementärmedizinischen Abteilung festhalten will», sagt Schmitter. Die Rentabilität sei zwar nicht besonders, aber weil die Abteilung gemessen an den gesamten Fallzahlen mit gut zwei Prozent klein sei, könne sich die RSE AG die Abteilung trotzdem weiterhin leisten.

Seit Albonicos Kündigung hat der Verwaltungsrat nicht mehr getagt. Schmitter geht aber davon aus, dass dieser trotz Albonicos Kündigung am strategischen Entscheid festhalten wird. Er ist zuversichtlich, dass die Abteilung auch ohne «Mister Komplementärmedizin» Hansueli Albonico eine Chance haben wird – sofern sich ein neuer Chefarzt finden lässt. Doch das Team auf der komplementärmedizinischen Abteilung brauche jetzt mehr als bloss «Lippenbekenntnisse», sagt Albonico. Sonst könnte es zu weiteren Kündigungen kommen. Danielle Lemann, die als Ärztin 20 Prozent belegt, wartet zusammen mit Kollege Rolf Schmid (30 Prozent) auf einen Auftrag des Verwaltungsrats. «Dann helfen wir, eine Übergangslösung zu finden, um dem Nachfolger den Einstieg zu erleichtern», sagt sie.

Berner Zeitung

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