Aus Angst ist Akzeptanz geworden

Schüpbach

Der Aufstand in Schafhausen gegen das Asylzentrum erinnert an die Situation in Schüpbach in den 90er-Jahren, bevor das Durchgangszentrum eröffnet wurde. Dort haben sich die Dorfbewohner mittlerweile mit den Asylbewerbern arrangiert.

Bietet rund 60 Asylbewerbern ein vorübergehendes Zuhause: Das Durchgangszentrum in Schüpbach. Derzeit leben vorwiegend Flüchtlinge aus Eritrea und Syrien dort.

Bietet rund 60 Asylbewerbern ein vorübergehendes Zuhause: Das Durchgangszentrum in Schüpbach. Derzeit leben vorwiegend Flüchtlinge aus Eritrea und Syrien dort.

(Bild: Thomas Peter)

Philippe Müller

Fritz Geissbühler erinnert sich: «Es gab Widerstand, auch Angst war vorhanden. Angst davor, dass es zu Diebstählen kommen würde und die Kinder nicht mehr sicher seien.» Das war 1991, kurz bevor im Signauer Ortsteil Schüpbach ein Durchgangszentrum für Asylbewerber eingerichtet wurde. Geissbühler war damals Gemeindepräsident und hatte durchaus Verständnis für die Anwohner. «Auf der anderen Seite übte der Kanton schon damals Druck auf die Dörfer aus, Asylbewerber aufzunehmen.»

Die Diskussion ging 3 Jahre später weiter: 1994 beschloss der Gemeinderat Signau, das Durchgangsheim dem früheren Besitzer abzukaufen und als solches weiterzuführen. Mit diesen Plänen ging der Rat dann vor die Gemeindeversammlung. Dort ging es wohl ähnlich zu und her wie vor ein paar Tagen an der Infoveranstaltung in Hasle, als es um die geplante Asylunterkunft im Schulhaus Schafhausen ging.

Die Berner Zeitung schrieb am 26. Oktober 1994: «Die Exekutive musste sich einiges an Kritik anhören. So störten sich die Anwohner des Asylantenheims daran, dass sie aus der Presse erfahren hätten, der Gemeinderat wolle das Gebäude kaufen.» Kritik an der Informationspolitik des Gemeinderates: Auch das erinnert stark an die Vorgänge, wie sie derzeit in Hasle zu beobachten sind. Trotz Gegenwehr genehmigte die Signauer Gemeindeversammlung vor 20 Jahren am Ende den Kauf des Durchgangszentrums mit 84 zu 51 Stimmen.

«Das Beste für unser Dorf»

Der Deal mit dem Bund sah damals wie folgt aus: Die Gemeinde wurde zwar zur neuen Besitzerin des Durchgangszentrums, den Kaufpreis von 1,3 Millionen Franken bezahlte aber der Bund. Signau kam also kostenfrei zur Asylunterkunft, die Gemeinde musste sich als Gegenleistung jedoch dazu verpflichten, das Gebäude für die nächsten 30 Jahre als Asylzentrum zu betreiben. Dieser Vertrag hat weiterhin Gültigkeit. Erst im Jahr 2025 wird Signau entscheiden müssen, wie das Haus künftig genutzt werden soll.

Der ehemalige Gemeindepräsident Fritz Geissbühler sagt rückblickend: «Auch nach 20 Jahren und trotz des anfänglichen Widerstandes muss ich sagen, dass der Kauf des Durchgangszentrums das Beste war für unser Dorf.» Mit dieser Unterkunft habe man das Asylantenproblem auf lange Zeit sinnvoll und allgemeinverträglich gelöst.

«Ruhiges Nebeneinander»

Der amtierende Gemeindepräsident Martin Wyss hat die Anfangszeit des Zentrums hautnah miterlebt. Er wohnte während 18 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft. «Es gab damals schon Schwierigkeiten im Zusammenleben», erinnert er sich. Aber selbst wenn heute immer noch nicht alle Einheimischen Freude hätten am Asylzentrum, so habe sich die Bevölkerung mittlerweile doch damit arrangiert. «Im Grossen und Ganzen ist es heute sehr ruhig. Hie und da bekommt die Gemeindeverwaltung einen Anruf, weil sich Anwohner an Kindergeschrei oder sonstigem Lärm stören. Damit hat sichs aber auch schon.»

Ähnlich tönt es bei der Betreiberin des Heims, der Heilsarmee- Flüchtlingshilfe. «Im Normalfall ist es ein ruhiges Nebeneinander, Einheimische und Asylbewerber stören sich gegenseitig nicht», sagt Irène Cavallaro, die seit 13 Jahren im Durchgangszentrum arbeitet. Auch sie spricht lediglich von einzelnen Lärmklagen und betont, dass sich betroffene Nachbarn jederzeit im Zentrum melden könnten.

Ihr Arbeitskollege Mathias Horat erinnert sich noch an einen Fall, als letztes Jahr die Polizei auftauchte und einen Asylbewerber abführte. Offenbar wegen eines Drogendelikts. «Der kam nicht mehr zurück.» Sowohl Cavallaro wie auch Horat betonen, der allergrösste Teil der Zentrumsbewohner sei «hochanständig». Im Zusammenhang mit dem Widerstand in Schafhausen sprechen sie von «diffusen Ängsten», die an Vorurteile gekoppelt seien. «In den 13 Jahren habe ich mich im Durchgangszentrum noch kein einziges Mal bedroht gefühlt», sagt Cavallaro.

Die Krux mit der Theorie

Zu den Aufgaben der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe gehört es, den Asylbewerbern eine gewisse Tagesstruktur zu geben. Die Möglichkeiten sind allerdings beschränkt. Kurzfristige Arbeitseinsätze gibt es heute nicht mehr. Ab und zu biete sich im Rahmen eines gemeinnützigen Beschäftigungsprogramms die Gelegenheit, dass einzelne Asylsuchende einfache Arbeiten verrichten könnten, sagt Cavallaro. Dazu gehöre etwa die Mithilfe beim Entfernen von Unkraut.

Was die Aufgabe für die Heilsarmee zusätzlich erschwert: Theoretisch wäre es Asylbewerbern mit Ausweis F (Status: vorläufig aufgenommen) erlaubt, einer regulären Arbeit nachzugehen. Nur finden sie wegen nicht vorhandener oder mangelhafter Deutschkenntnisse meist keinen Job.

Mangels Alternativen verbringen die rund 60 Asylbewerber in Schüpbach den grössten Teil ihrer Zeit im Durchgangszentrum. Einige besuchen freiwillig einen Deutschkurs. Sie kaufen mit den rund neun Franken, die sie pro Tag erhalten, selber ein und kochen sich ihre Mahlzeiten. Etwas anders sieht die Tagesstruktur der Kinder aus: Diese werden im schulpflichtigen Alter eingeschult und knüpfen auf diesem Weg Kontakt zu Schweizer Kindern. Und vor allem: Sie lernen die deutsche Sprache. «Es gibt bei uns einen nigerianischen Jungen, der bereits ein bisschen Berndeutsch spricht», sagt Irène Cavallaro.

Sie und Mathias Horat halten die Einschulung für einen unverzichtbaren Bestandteil im Integrationsprozess. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass die meisten Kinder nicht viel länger als ein Jahr in Schüpbach zur Schule gingen. Denn die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Asylbewerber im Durchgangszentrum beträgt 8 bis 18 Monate. Danach ziehen sie weiter – je nach Bescheid in ihr Heimatland zurück oder in eine andere Schweizer Gemeinde.

Berner Zeitung

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