Zum Hauptinhalt springen

«Atom-Elsy»: Mit 88 Jahren noch voller Sonnenenergie

Elsy Zulliger kämpfte schon in den 1970ern gegen Atomkraftwerke und ist auch heute nicht auf den Mund gefallen: Die 88-jährige Thunstetterin über ihr ebenso bewegtes wie bescheidenes Leben als «Sonnenfrau».

Sparmeisterin: 18 Franken – so wenig zahlte Elsy Zulliger im letzten Monat für Strom. Die «Sonnenfrau» aus Thunstetten spart Energie, wo sie nur kann. So besitzt sie etwa eine selbstgebaute Dörranlage (im Bild).
Sparmeisterin: 18 Franken – so wenig zahlte Elsy Zulliger im letzten Monat für Strom. Die «Sonnenfrau» aus Thunstetten spart Energie, wo sie nur kann. So besitzt sie etwa eine selbstgebaute Dörranlage (im Bild).
Walter Pfäffli

«Ich merke: Ich bin ein Begriff», sagt Elsy Zulliger. Sie sei doch das «Atom-Elsy», habe sogar der frisch zugezogene Nachbar zu ihr gesagt. Die Bützberger würden sie so nennen – dabei möge sie den Namen gar nicht. «Die Sonnenfrau aus Thunstetten», das gefällt der 88-Jährigen schon besser. Sie, die schon vor 30 Jahren Solarzellen auf ihr Dach montierte und bald auch eigene Solargeräte bastelte, habe schliesslich früh begriffen: «Man darf nicht immer nur gegen, man muss auch für etwas sein.»

Am Anfang war Graben

Elsy Zulliger hat sich allerdings sehr wohl auch als Gegnerin einen Namen gemacht. Als die Bernische Kraftwerke AG in den 1970er-Jahren ein Atomkraftwerk in Graben bauen wollte, da begann sich auch Elsy Zulliger aktiv gegen die AKW-Pläne in der ganzen Schweiz zu engagieren. Bald schon trat sie der Frauengruppe der Gewaltfreien Aktion Graben bei.

Heimlich habe sie damals nachts jeweils die Briefkästen der Umgebung mit Infomaterial gegen das Kraftwerk gespeist – das Klebeband und die Reissnägel stets dabei, erzählt sie mit einem schelmischen Lächeln. «Mein Mann hätte das ja nie zugelassen.» Mit 58 aber liess sich die fünffache Mutter aus der unglücklichen Ehe scheiden. «Seither lebe ich», sagt die Thunstetterin.

Dass ihr Name in den Fichen zur Gewaltfreien Aktion Graben angeblich besonders häufig auftaucht, nimmt sie für die Sache gerne in Kauf. «Die meisten Menschen reden zu viel und machen nichts», sagt sie. «Ich bin eben ‹gerade heraus›. Und so lebe ich auch.»

Putzfrau unter Professoren

Eine Stromrechnung von gerade mal 18 Franken musste sie letztes Mal begleichen. Ein Leben ohne Luxus, die Stube im Winter keine 15 Grad warm. «Man muss halt nicht Sommerkleider anziehen im Winter», kommentiert Elsy Zulliger trocken. «Ich lebe jedenfalls noch.»

Kein Wunder, wurden bald die Medien auf die engagierte Verfechterin der Sonnenenergie und beherzte AKW-Gegnerin aus dem Oberaargau aufmerksam. Lokale und nationale Zeitungen berichteten von der Thunstetterin, die mit dem selbst gebauten Sonnenofen sogar Kuchen bäckt und ihr Haus mit Holz heizt, das sie das Jahr über mit dem Fahrrad im Wald einsammelt. 1992 stattete ihr gar das Schweizer Fernsehen einen Besuch ab.

Eine einfache Putzfrau sei sie zeitlebens gewesen – und doch habe sie viel erlebt. Mit Ausstellungen, Kursen und Infomaterial warb sie für die Solarenergie – im Dorf, an Tagungen, an der BEA. «Ich habe mir dafür viel Wissen aneignen müssen. Manchmal haben mich sogar Professoren um Auskunft gefragt.»

«Die falsche Richtung»

Vielleicht, sinniert sie, sei es früher auch einfacher gewesen. Im Kinderheim sei sie schon mit Entbehrungen aufgewachsen. «Wir kannten ja nur das Einfache.» Heute aber würden die Kinder zuerst in die Badi gehen, um dann daheim noch zu duschen Nein, so etwas hätte es bei ihr nicht gegeben. «Wenn ihr warmes Wasser braucht, müsst ihr Holz heimbringen», habe sie ihren Kindern jeweils gesagt.

Aber die Gesellschaft entwickle sich einfach in eine falsche Richtung. Nur die Kinder, die würden ihr Hoffnung geben. «Wir haben heute gute Lehrer.» Sie würden die Kinder für Umweltfragen sensibilisieren – und diese wiederum ihre Eltern darauf ansprechen. «Ja», sagt Elsy Zulliger, «es ist ganz wichtig, dass man bei den Kindern anfängt.»

Dieselbe Problematik

Sie blättert in einer Energie-Zeitschrift. «400 Atomkraftwerke sind weltweit geplant», sagt sie ungläubig. «Ein Hohn. Da wird es doch wieder einen Chlapf geben. Tschernobyl hat offenbar nicht gereicht.» Dabei habe sich an der Problematik nichts geändert. «Aber die Politik hat nichts daraus gelernt. Es sind diese alten Chläuse, die nicht umdenken wollen.» Die 88-Jährige ereifert sich immer mehr. «Doch, ich muss wieder ein paar Zeitschriften verteilen gehen», sagt sie plötzlich.

Man spürt: Elsy Zulliger würde gern mehr tun. Doch das Alter ist auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen. «Ich könnte nicht mehr», sagt sie leise. Holz sammeln wird sie für diesen Winter kaum mehr selber. Dafür aber geniesst sie «die paar Wunder» in ihrem Garten: den Apfelbaum, den sie aus einem Kern gezogen hat, den blühenden Rosenstock. Wieder ein Lächeln: «Solange man sich über etwas freuen kann, geht man nicht unter.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch