Langnau

«Wir waren zu optimistisch, aber nicht übermütig»

LangnauLangnaus Gemeindepräsident Bernhard Antener erklärt, was die Finanzen der Gemeinde derart aus dem Lot gebracht hat. Das Ilfisstadion würde er nach wie vor bauen.

Bernhard Antener weiss, dass es nun im Dorf heissen wird, die Finanzen der Gemeinde seien wegen der Investition ins Ilfisstadion aus dem Lot geraten. Aber er nennt andere Gründe für das erwartete Defizit 2014.Andreas Blatter

Bernhard Antener weiss, dass es nun im Dorf heissen wird, die Finanzen der Gemeinde seien wegen der Investition ins Ilfisstadion aus dem Lot geraten. Aber er nennt andere Gründe für das erwartete Defizit 2014.Andreas Blatter Bild: Hans Wüthrich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Antener, früher haben Sie die Finanzlage der Gemeinde jeweils am Beispiel einer Wanderung veranschaulicht. Was ist dem Wanderer passiert?
Bernhard Antener: Er befindet sich in äusserst unwegsamem Gelände. Aber er ist nicht abgestürzt, ist gut auf den Beinen und trägt die richtigen Schuhe.

2010 schloss die Rechnung mit einem Rekordgewinn von fast 2 Millionen Franken ab, das Eigenkapital wuchs auf 8,2 Millionen Franken. Wurde man damals übermütig?
Etwas zu optimistisch, aber nicht übermütig. Wir haben nicht frisch von der Leber weg bestellt.

Zu optimistisch? Inwiefern?
Wir hatten das Gefühl, es lasse sich sowohl das Stadion als auch die Sporthalle verwirklichen.

Würde die Gemeinde mit dem heutigen Wissen noch einmal so viel ins Stadion investieren?
Ja, diese Investition konnten wir uns leisten. Wir hätten die gleichen Anträge gestellt.

Im Dorf wird es heissen, die Finanzen seien wegen der Ilfishalle aus dem Lot.
Das ist mir bewusst, damit muss ich leben, und dafür stehe ich hin. Deshalb habe ich im Grossen Gemeinderat informiert und nicht der Finanzchef.

Warum brechen die Steuereinnahmen in Langnau derart ein?
Die kantonalen Steuergesetzrevisionen wirken sich stärker aus, als selbst die Fachleute vom Kanton prognostiziert hatten. Kommt hinzu, dass wir in Langnau überproportional viele Leute haben mit tiefen Einkommen, die stärker entlastet wurden. Wir haben auch tendenziell mehr Kinder, was durch die höheren Kinderabzüge zu mehr Steuerausfällen führt. Und die Gutverdienenden schaffen es heute – ganz legal –, ihre Steuern zu optimieren. Die erfreulichen Ausreisser nach oben gibt es kaum mehr.

Im Vergleich zu 2010 nimmt die Gemeinde 2013 rund 1,5 Millionen Franken weniger Steuern ein. Was belastet die Rechnung sonst noch?
Die Kostensteigerungen in den Lastenverteilern für die Verbundaufgaben, die Kanton und Gemeinde gemeinsam finanzieren. Diese wuchsen im Vergleich 2010 um 1,9 Millionen Franken an. Gleichzeitig können wir aus dem Finanzausgleich rund 380'000 Franken weniger erwarten als 2012 angenommen. 80 Prozent des erwarteten Defizits sind also fremdbestimmt.

Aber auch diese Faktoren kann die Gemeinde beeinflussen.
Natürlich können wir das Angebot des öffentlichen Verkehrs hinunterfahren. Oder wir könnten die Schule vollständig zentralisieren und einzelne Klassen sparen. Aber zuerst müssten wir ein Oberstufenzentrum bauen.

In den letzten Jahren hat Langnau stark investiert. Wie schlagen die Folgekosten zu Buche?
Die Folgen unserer eigenen Bestellungen belasten die Rechnung mit 900'000 Franken. Darin enthalten sind die Folgekosten für den Wärmeverbund, das Stadion und der Betriebsbeitrag an die Stadionbetreiberin. All dies hätten wir mit den Rechnungsergebnissen von 2009 und 2010 problemlos verkraftet.

Ist die Gemeinde Langnau von den Steuereinbrüchen besonders stark betroffen, oder droht andern Gemeinden das gleiche Desaster?
Andere finanzschwache Gemeinden sind bei den natürlichen Personen davon genau gleich betroffen wie wir. Langnau hat zudem das gleiche Problem wie etwa Spiez, Schwarzenburg und Lyss: dass wir zwar eine Zentrumsfunktion haben aber keine Abgeltung bekommen dafür.

Heute hat die Gemeinde eine Steueranlage von 1,82. Um wie viel muss diese erhöht werden?
Das können wir im Moment noch nicht sagen. Nach heutigem Stand resultiert im Budget 2014 ein Defizit von 3,7 bis 3,8 Millionen Franken. Jetzt werden Fehler eliminiert und Unsicherheitsfaktoren korrigiert. Nach dieser technischen Bereinigung werden kurzfristig mögliche Sparmassnahmen geplant, danach Leistungskürzungen und Preiserhöhungen einberechnet. Je nach dem neuen Defizit wird der Gemeinderat festlegen, wie stark er die Steuern erhöhen will, damit das Eigenkapital nicht völlig wegschmilzt. Aber im kantonalen Vergleich ist unsere Steueranlage schon jetzt relativ hoch.

Wie lange kann die Gemeinde ihre Defizite noch mit dem Eigenkapital auffangen, bis der Kanton eingreifen muss?
Wenn das Defizit 2013 Realität wird (2,17 Millionen Franken, Anm. Red.), bleiben noch etwa 3 Millionen Franken. Mit dem erwarten neuen Defizit wären wir Ende 2014 ein Sanierungsfall. Aber ich hoffe und gehe davon aus, dass die Rechnung 2013 besser ausfällt. Unter anderem der Verkauf der ersten Tranche im Moserli und der Kindergartenverkauf Bärau, der im Herbst in den Grossen Gemeinderat kommt, werden uns dabei helfen.

Die Sporthalle Oberfeld muss nun definitiv warten. Wo wird das Volk den Sparhebel sonst noch zu spüren bekommen?
Diese Arbeiten laufen jetzt und werden mit den Parteien besprochen.

Was unternehmen Sie, damit die arme Gemeinde Langnau «sexy» bleibt, wie Sie sagten?
Wir müssen den Abbau so gestalten, dass wir nicht alle Attraktivität verlieren. Und vor allem müssen wir aufpassen, dass wir keine Institutionen gefährden.

Das Parlament hat am Montag rasch gehandelt und Kredite verweigert.
Ich bedaure, dass das Parlament in dieser Weise ein Zeichen gesetzt hat. Aber damit müssen wir umgehen können und die gefällten Entscheide nüchtern analysieren.

Mit der Ankündigung einer Steuererhöhung starten Sie denkbar schlecht in die Wahlen.
Politik darf nicht Rücksicht nehmen auf Wiederwahlen. Unschöne Ankündigungen gehören zum Job. Es kann sein, dass es Leute gibt, die die Wahlen unter dem Aspekt «Steuererhöhung Ja oder Nein» abhandeln werden. Aber wer meine Arbeit längerfristig beurteilt, wird nicht einfach jenen folgen, die einseitig auf das Steuerelement setzen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2013, 09:11 Uhr

Artikel zum Thema

Antener wünscht sich mehr Schwingergeist in der Politik

Das «Eidgenössische» schwingt auch in der Berner Politik nach. So fordert Grossratspräsident Bernhard Antener zum Beginn der Septembersession mehr Schwingergeist in der Politik. Mehr...

Bernhard Antener mit Glanzresultat zu «höchstem Berner» gewählt

Der Langnauer Gemeindepräsident und SP-Grossrat Bernhard Antener ist mit 151 von möglichen 154 Stimmen zum neuen Präsidenten des Grossen Rates gewählt worden. Mehr...

Ilfishalle kostete fast 3 Millionen mehr

Langnau 14,1 Millionen Franken: So viel kostete die Sanierung des Ilfisstadions. Wegen Zusatzbauten ist die Halle damit 25 Prozent teurer als erwartet. Der Grosse Gemeinderat muss einen Zusatzbeitrag von 600'000 Franken bewilligen. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...