Langnau

«Vielleicht haben wir zu weit gedacht»

LangnauGemeinderat Bernhard Gerber ist nicht mehr sicher, dass in Langnau flächendeckend Tempo 30 eingeführt wird, zu gross ist die Gegenwehr. Den Detaillisten im Zentrum verspricht er, dass dem neuen Verkehrsregime keine Parkplätze zum Opfer fallen.

Stört sich daran, dass die Vereinigung pro Langnau Kritik am Verkehrsrichtplan übt, ohne selber Lösungsvorschläge aufzuzeigen: SVP-Gemeinderat Bernhard Gerber.

Stört sich daran, dass die Vereinigung pro Langnau Kritik am Verkehrsrichtplan übt, ohne selber Lösungsvorschläge aufzuzeigen: SVP-Gemeinderat Bernhard Gerber. Bild: Thomas Peter

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Wo ist es auf Langnaus Strassen so gefährlich, dass Tempo 30 nötig wird, Herr Gerber?
Bernhard Gerber: Vor allem im Bereich der Schulwege. Also eigentlich im ganzen Dorf, inklusive Oberstrasse.

In der Mitwirkung gingen sehr viele kritische Voten zur flächendeckenden Einführung von Tempo 30 im Dorf ein. Glauben Sie noch an die Realisierung dieser Idee?
Eher weniger, aber wir werden es sehen, nach der Auswertung der Mitwirkungseingaben. Wir werden wohl nach einem guten Kompromiss suchen müssen. Vielleicht müssen wir von der Dorfstrasse bis zum Ilfiskreisel und auf der Fansrüti- und der Oberstrasse am Tempolimit etwas anpassen.

Ist die Planungskommission mit dem Perimeter zu weit gegangen?
Könnte sein, dass wir etwas zu weit gedacht haben. Aber irgendwann werden wir bei dieser Lösung landen. Ich habe etwas Mühe mit der Vereinigung Pro Langnau, die nun grosse Opposition macht und wenig Lösungsvorschläge einbringt. Persönlich halte ich nach wie vor am Grundsatz Tempo 30 fest. So kann man mit dem Auto immer noch überall hinfahren, und wir verlieren keine Parkplätze.

Werden wirklich keine Parkplätze verschwinden?
Nein, es wird nicht weniger Parkplätze geben.

Doch genau das befürchten die Ladenbesitzer. Weshalb wohl?
Sie denken an die «Zeltübung» auf dem Viehmarktplatz, als circa dreissig Parkplätze aufgehoben wurden. Sie zählen die Parkplätze, die verloren gingen, und ignorieren jene, die neu geschaffen wurden. Auch dass alle Parkplätze bewirtschaftet werden, ist Stein des Anstosses. Dabei kann man Parkplätze nicht nur mit Gebühren bewirtschaften, sondern auch auf Zeit, mit der Parkscheibe.

Wo wurden denn neue Parkplätze geschaffen?
Auf dem Pferdemarktplatz, vorübergehend beim Bärenplatz, auf der Kniematte und auf dem Zeughausareal. Wenn alle Angestellten der Gewerbebetriebe im Dorfkern die paar Schritte von der Kniematte und dem Zeughausareal ins Dorf gehen würden, hätten die Detaillisten längst genügend Parkplätze. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Jeder Einzelne muss sich selber an der Nase nehmen.

Im Dorfzentrum möchten Sie eine Begegnungszone einführen. 2007 ist die damalige SP-Gemeinderätin Verena Gertsch mit dieser Idee im Gemeinderat gescheitert...
...wegen der Dorfstrasse. Weil sie auch auf der Dorfstrasse eine Begegnungszone einführen wollte. Dort kann ich mir das nicht vorstellen.

Haben Sie damals auch dagegen gestimmt?
Selbstverständlich. Ich will mit 30 durchs Dorf fahren können. Aber im Zentrum, vom Hirschenplatz über den Viehmarktplatz, durch die Kirchgasse und hinunter entlang der Marktgasse bis zum Bahnhof möchte ich eine Begegnungszone, und zwar verlängert bis zum Hotel Emmental.

Auf grosse Kritik stösst das geplante Einbahnregime im Bereich Viehmarktplatz.
Die Frage ist einfach, wo und wann man den Einbahnverkehr einführt. Vielleicht sind wir in der Planungskommission mit diesem Vorschlag etwas zu visionär. Denn im Dorfkern sind wir noch nicht fertig mit Bauen.

Was heisst das?
Das Entwicklungskonzept wird zeigen, wo noch Potenzial zur Verdichtung besteht, wo man also noch bauen kann.

Wann werden Sie das Konzept vorstellen?
Eigentlich war das im April geplant. Aber es gab eine Verzögerung, jetzt wird es wohl im besten Fall im Mai so weit sein.

Die Gegner sagen, im Dorfzentrum existierten gar keine Plätze, auf denen man sich begegne und die eine Begegnungszone rechtfertigen würden.
Begegnungszonen rechtfertigen sich nicht nur dadurch, dass man sich dort begegnet, sondern auch dort, wo sich am meisten Leute aufhalten.

Es ist nicht damit getan, Geschwindigkeitstafeln aufzustellen. Wie wollen Sie dafür sorgen, dass die Tempolimiten eingehalten werden? Mit Bussen?
Die Gemeinde kann keine Geschwindigkeitsüberschreitungen büssen, das obliegt der Kantonspolizei. Wir können lediglich mit dem Speedy messen, ob die Tempovorgaben eingehalten werden. Wenn nicht, können wir die Polizei darauf hinweisen, dass es sinnvoll wäre, an bestimmten Orten Kontrollen zu machen.

Sind auch bauliche Massnahmen geplant, um den Verkehr zu verlangsamen?
Man könnte zum Beispiel am Strassenrand versetzt Parkplätze einzeichnen, wie wir es an der Alleestrasse gemacht haben. Dort fährt heute selten mehr jemand mit 50, obwohl es so signalisiert ist.

Schikanen einzubauen, ist nicht geplant?
Nein. Woher sollten wir das Geld nehmen?

Kritisiert wird auch der Wechsel zwischen Tempo-30- und Begegnungszonen. Wie sollen Fussgänger merken, wo sie Vortritt haben und wo nicht?
Das wird beschildert und ist ganz einfach: In der Begegnungszone hat der Fussgänger Vortritt und muss auf das Auto achten; in der Tempo-30-Zone hat der Autofahrer Vortritt und muss auf den Fussgänger achten. Wahrscheinlich sind wir zu altväterisch, wenn wir meinen, die Verkehrsteilnehmer kämen damit nicht zurecht. Sie werden sich anpassen, es hat ja jeder einmal eine Schule durchlaufen und den Verkehrsunterricht besucht.

Kleine Kinder nicht. Wie sollen Eltern ihrem Kind das Queren der Strasse beibringen?
Ich bin schon froh, wenn sie sich überhaupt Gedanken machen, wie sie ihm etwas beibringen. Sie müssen mit ihm die Strecken ablaufen, ihm die Vorgänge erklären – und wenn sie im Auto sitzen, nicht schimpfen über Fussgänger und ihre Vorbildfunktion wahrnehmen. Es ist sicher schwieriger, einem Kind das Schwimmen beizubringen als das Verhalten im Strassenverkehr.

Wird es keine Fussgängerstreifen mehr geben?
Bei Tempo 30 braucht es das nicht mehr. Aber man kann den Fussverkehr trotzdem ein bisschen kanalisieren. Beim Länghusplatz (vor der Sekundarschule) könnte man beispielsweise mit Farben etwas markieren, auch wenn es kein klassischer Fussgängerstreifen wäre. Wobei auch solche nach Gesetz in der Tempo-30-Zone nicht mehr ausgeschlossen sind.

Die Idee mit der Entlastungsstrasse über der Kniematte kam nicht gut an.
Vielleicht ist der Vorschlag noch zu visionär. Aber die Strasse würde helfen, das Dorfzentrum vom Verkehr zu entlasten, wenn nicht mehr alle aus dem Oberdorf über den alten Postplatz oder den Hirschenplatz fahren würden.

Trotzdem klingt es für viele nach einer Utopie.
Man darf nicht vergessen, dass wir auf 15 Jahre hinaus planen.

Wann werden Sie die erste Begegnungszone eröffnen?
Im Kehrgässli, in der Sonnenarena und im Bärauer Styggässli sind Begegnungszonen derart unbestritten, dass wir sofort entsprechend signalisieren könnten. Aber bis die Einbahnstrasse im Dorfzentrum realisiert wird, dauert es noch länger. Das ist der Stein des Anstosses. Doch das Entwicklungskonzept zeigt, dass entlang des Vieh- und Pferdemarktplatzes noch Verdichtungspotenzial vorhanden ist. So könnte man an beiden Orten einen schöneren Platzcharakter schaffen, was zusätzlich Leute ins Dorf brächte. Dann wird auch die Notwendigkeit einer Begegnungszone deutlich werden.

Kamen Sie mit dem Verkehrsrichtplan also zu früh? Nein. Aber die Planung braucht viel Zeit. Doch am Schluss wird alles zusammenpassen.

Was machen Sie jetzt mit den 150 Eingaben aus dem Volk? Am Schluss waren es sogar gegen 180. Jeder, der an der Mitwirkung teilnahm, hat seine Sicht der Dinge eingebracht. Wir in der Planungskommission müssen jedoch das Gesamte im Auge behalten und die richtigen Schlüsse aus den Eingaben ziehen. Am Schluss werden wir Kompromisse eingehen müssen. Mich stört es nicht, wenn mit 50 durchs Dorf gefahren wird. Aber eines ist sicher: Ich halte eher vor einem Laden an, wenn Tempo 30 gilt.

Interview: Susanne Graf (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.04.2015, 09:15 Uhr

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Die Planungskommission
Immer wieder monieren die Kritiker des Entwurfs des Verkehrsrichtplans, er sei von «linken Mitbürgern» verfasst worden und sei – so ein Onlinekommentar – «ideologisch angehaucht». Doch Bernhard Gerber, der Gemeinderat, der das Dossier betreut, gehört der SVP an. Er präsidiert die Planungskommission, die seit 2012 an der Revision des Verkehrsrichtplans gearbeitet hat. Diese setzt sich laut Gerber zusammen aus 3 Vertretern der SVP, 2 SP, 2 BDP, 1 FDP und 1 GLP. (sgs)

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