Emmental

«Man rät ihnen, mehr zu beten»

EmmentalDer Burgdorfer Peter Baumgartner wird oft von Evangelisch-Freikirchlichen mit psychischen Problemen aufgesucht. Als Psychiater, der selber in einer Freikirche aufgewachsen ist, kennt er die ungesunden Abhängigkeiten, die entstehen können.

«Ein Mensch kann sich sehr, sehr einsam fühlen, wenn er eine Freikirche verlässt», weiss der Burgdorfer Psychiater Peter Baumgartner (Symbolbild).

«Ein Mensch kann sich sehr, sehr einsam fühlen, wenn er eine Freikirche verlässt», weiss der Burgdorfer Psychiater Peter Baumgartner (Symbolbild). Bild: Olaf Nörrenberg

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Herr Baumgartner, gibt es eine Freikirche im Emmental, vor der Sie als Psychiater warnen?
Peter Baumgartner: Mir ist bisher keine begegnet, die ich auf die schwarze Liste setzen würde.

Gibt es Auswüchse, die der psychischen Gesundheit schaden?
Absolut. Mein Hauptproblem mit den Freikirchen liegt generell darin, dass allzu oft – meist unterschwellig, zuweilen aber auch ziemlich explizit – Gefäss und Inhalt gleichgesetzt werden.

Was meinen Sie damit?
Die theologische Essenz einer Freikirche wird gleichgesetzt mit ihrer Organisation, im Stil von: «Wenn du nicht mehr bei uns mitmachst, bist du kein Christ mehr, gehst du verloren.» Die einen bleiben dann und werden vielleicht selber Träger der heiklen Vermischung von Glaube und kirchlicher Organisation. Andere treibt ebendies weg aus ihrer angestammten Gemeinde, und sie wollen vom christlichen Glauben nichts mehr wissen. Dazwischen gibt es Menschen, die unter Umständen bei mir landen.

Warum? Weil sie meinen, «verloren» zu sein?
Es kommt vor, dass sich Betroffene von Gott verstossen fühlen, ihr Leben als verloren und sinnlos betrachten. Diese grosse Leere, oft noch verbunden mit Schuldgefühlen gegenüber den Leuten, die man mit der Abkehr aus der Gruppe enttäuscht hat, kann bis zu Suizidversuchen führen.

Wann tritt jemand trotz Schuldgefühlen aus?
Etwa, wenn er sich schwer tut, weil sein Naturell und die Freikirche, in die er hineingeboren wurde, nicht gut zusammenpassen. In einem Teil der Freikirchen basiert das Christ sein recht stark auf Erfahrungen – auch Ausnahmeerfahrungen. Das passt zu eher emotionalen Menschen, die gern ab und zu ein bisschen «ausflippen». Weniger Erlebnishungrige suchen vor allem einen klaren Rahmen. Bei ihnen gibt es oft nichts zwischen schwarz und weiss, es sind die sogenannt «Gesetzlichen»...

...die sich an Kleidervorschriften halten?
Kleider- und Haarvorschriften sind eher von früher her bekannt, heute hat sich das verlagert. Aber fromme Gesetzlichkeit – «das darfst du, jenes darfst du nicht» – besteht weiterhin. Einige fühlen sich in solchen Gemeinden ein Leben lang wohl. Andere fangen irgendwann an, das Ganze zu hinterfragen, und bezweifeln, ob Christsein gleichzusetzen ist mit den teils sehr konkreten Glaubenssätzen ihrer Freikirche.

Wo liegt das Problem? In welchem Fall landen Evangelisch-Freikirchliche beim Psychiater?
Psychisch krank wird man generell, wenn persönliche Verletzlichkeiten und äussere Stressfaktoren ungünstig zusammenwirken. Das kann, muss aber längst nicht immer mit dem Leben in der Freikirche zusammenhängen. Doch wenn ein Mitglied psychisch leidet, wird das in gewissen Gemeinden zunächst einmal als Zeichen dafür gesehen, dass der Betroffene vielleicht «vom Satan angefochten» werde oder einfach zu wenig glaube. Man versucht, dem Leiden vorerst geistlich beizukommen.

Nämlich wie?
Man rät dem Betroffenen vielleicht, er solle aktiver glauben – etwa mehr beten oder in der Bibel lesen oder sich betreffend geheimer Sünden überprüfen –, dann werde es ihm besser gehen. Oder es werden Heilungsgebete durch Seelsorger durchgeführt. Doch die Versuche, psychisches Leiden allein auf diesem Weg anzugehen, werden längst nicht immer nützen. Manchmal verschlimmern sie eine effektiv psychische Krankheit sogar, weil professionelle Diagnose und Therapie zu lange ausbleiben.

Macht der Glaube also krank?
Nein. Neuere Forschungen zeigen doch auch deutlich, dass ein intrinsischer Glaube – ein «echter» Glaube, der dem Einzelnen von innen heraus entspricht – ein ganz wesentlicher Heilungsfaktor sein kann bei jeder Art von Leiden, auch psychischen. Aber wenn man einem Menschen vorschnell unterstellt, er sei primär wegen Glaubensproblemen psychisch krank geworden, macht man ihn damit oft richtig krank.

Dann kommt er trotz seiner Skepsis gegenüber der Psychiatrie zu Ihnen?
Es braucht oft schon ein grosses Mass an Verzweiflung, bis solche «kirchengeschädigten» Menschen endlich in eine psychiatrische Sprechstunde kommen. Aber einerseits wissen einige, dass ich selber ursprünglich aus einem freikirchlichen Umfeld stamme und mir von daher diese Probleme gut bekannt sind. Andererseits bin ich auch bereit, offen über Glaube und Philosophie zu sprechen, wann immer dies erwünscht ist. Wir wissen aus der Forschung, dass ein Viertel bis ein Drittel aller Psychiatriepatienten durchaus auf spirituelle, religiöse und existenzielle Themen angesprochen werden möchten. Aber das wird oft nicht gemacht, weil sich etliche Psychotherapeuten daran nicht die Finger verbrennen wollen. Es gibt darunter halt doch einige, die selber aufgrund eigener negativer Erfahrungen in einem Schwarzweissdenken gefangen sind und sich selber damit schwertun, Gefäss und Inhalte getrennt zu betrachten. Da ist es dann vielleicht auch besser, sie lassen die Finger ganz davon.

Warum?
Man darf in einer Behandlung niemals einfach alles infrage stellen oder gar wegfegen, was mit Glaube oder Kirche zu tun hat. Das kann gleichsam eine «psychosoziale Verstümmelung» verursachen. Die Menschen würden haltlos, wenn in der Therapie gewissermassen Tabula rasa gemacht würde mit ihrer ganzen philosophischen Biografie.

Das klingt ja sehr dramatisch.
Man darf nicht vergessen: In einer Freikirche zu sein, bedeutet auch behagliches «Wir unter uns». Man gibt einander warm in einer bösen kalten Welt. Wenn man eine Freikirche verlässt, verliert man dieses Zuhause. Es ist mitunter ein Riesenproblem, wenn jemand das Pech hatte, in einer Gruppe gewesen zu sein, die einen hängen lässt, weil man nicht mehr mitmacht. Wenn dann auch noch der Psychiater wie mit einer Baggerschaufel alles ausräumt, was mit Glauben zu tun hatte, kann sich dieser Mensch sehr, sehr einsam fühlen.

Was ist mit der Familie?
Heute wird kaum mehr jemand physisch aus einer Familie ausgestossen. Aber man gibt «abtrünnigen» Mitgliedern recht oft zu spüren: Du bist vom richtigen Weg abgekommen. Wir empfangen dich aber barmherzigerweise weiterhin zu Hause, weil du halt unser Sohn bist.

So wird Druck ausgeübt?
Ja, aber es gibt auch viele strenggläubige Familien, in denen Mitglieder, die religiös sogenannt «in der Welt draussen sind», ganz natürlich weiter zu Hause ein und aus gehen. Dies verlangt von beiden Seiten einiges an Respekt und Toleranz. Fehlt es daran, kommt es vor, dass jemand psychisch ausgestossen wird und sich dann selber komplett distanziert. Dazwischen gibt es eine heikle Konstellation, die bei seelischem Leiden eine Rolle spielen kann: wenn sich ein Kind von den Inhalten der Freikirche weiterhin angesprochen fühlt, das Gefäss selber aber infrage stellt oder ablehnt. Dies kann in einer Familie oder einer Freikirche mitunter zu starken Abstossreaktionen führen, da ein solcher Mensch für den Zusammenhalt der Gemeinschaft zuweilen als grössere Gefahr empfunden wird, als wenn er ganz vom Glauben weg wäre. Vor allem gesetzlich Freikirchliche fügen dem eigentlichen Kern des Christentums halt oft weitere Glaubenssätze als unverzichtbar hinzu, welche bei näherem Hinsehen bloss in der Tradition der jeweiligen Freikirche wurzeln.

Meinen Sie mit «unverzichtbar» beispielsweise Vorschriften im Umgang mit der Sexualität?
Ja, in den meisten Freikirchen gilt weiterhin das Dogma «Sexualität ausserhalb der Ehe ist Sünde». Dabei können zwischen der Geschlechtsreife und der offiziellen Eheschliessung gut und gerne 15 Jahre vergehen, in der der junge Mensch in keiner Weise sexuell aktiv sein dürfte, ganz abgesehen von den Singles. Nicht zuletzt deshalb bieten Freikirchen auch viele Sublimationsmöglichkeiten an, um dieser unerträglichen Schwere etwas abzuhelfen.

Zum Beispiel?
Indem sie vielerlei Events anbieten, die den Jungen helfen sollen, sich von Sexualität abzulenken und sich ausserhalb davon konstruktiv zu betätigen. Allerdings hat sich das freikirchliche Denken und Leben in den letzten 20 Jahren recht diversifiziert und die Betonung der Eigenverantwortung klar zugenommen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.08.2014, 10:01 Uhr

Peter Baumgartner (53) führt in Burgdorf eine Praxis für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. (Bild: zvg)

Serie

Was sind das für Menschen, die ihren christlichen Glauben ausserhalb der Landeskirche leben? Woran glauben sie? Was verbindet sie? Was unterscheidet sie? Welche Spuren hinterlassen sie in der Gesellschaft? In einer Serie gehen wir diesen Fragen nach. Bereits erschienen: «Mit den Täufern fing es an» (11.Juli), «Anders, aber keine Sekten» (18.Juli), «Die Bibel ist ihr täglich Brot» (24.Juli), «In der Pfimi ‹geht die Post ab›» (31.Juli).

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Felix Branger behandelt in seiner Praxis für Psychotherapie, Seelsorge und Supervision in Aeschau oft Mitglieder evangelischer Freikirchen. Der reformierte Pfarrer hat 1995 das Pfarramt in Langnau verlassen, weil ihm die Landeskirche «zu schwammig» geworden war. Er meint, die Volkskirche habe eine Tendenz zur Allversöhnung (nach dem Motto: «Wir kommen alle in den Himmel») und die Freikirchen eine Tendenz zur Gesetzlichkeit, die evangelikal oder charismatisch sein kann.

Felix Branger erklärt die Spannungen, unter der die evangelischen Gruppierungen leiden können, aus theologischer Sicht: Eigentlich gehe es beim christlichen Glauben um eine dynamische, persönliche Beziehung zu Jesus Christus, die ein ständiges Suchen und Abwägen voraussetze. «Einige Christen möchten sich dem nicht aussetzen; sie finden mehr Sicherheit darin, wenn sie sich an äussere Vorschriften halten können.»

Gefährlich werde es für diese, wenn ihnen in der Predigt gesagt wird: «Wenn du nur richtig betest und glaubst, geht dein Leben auf.» Ein «einfaches Gemüt» könne in eine arge Krise stürzen, wenn es dann trotzdem krank oder mit Schicksalsschlägen konfrontiert werde, stellt Branger fest. Er warnt vor Freikirchen, die im Diesseits lauter Schönes, Gesundheit und Erfolg versprechen. Ebenso warnt er vor der Volkskirche, die das Proprium (den Kern) des christlichen Glaubens oft ausblende. (sgs)

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