Burgdorf

Eine Mühle im Strom der Zeit

BurgdorfMit dem Kauf der Oberen Mühle durch Samuel Rudolf Dür im Jahr 1840 begann in Burgdorf eine erfolgreiche Firmengeschichte. Heute produziert die Brotgetreidemühle Hermann Dür AG jährlich 3000 Tonnen Mehl.

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In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als so wichtige Erfindungen wie die Dampfkraft oder die Elektrizität zum Nutzen der Gesellschaft eingesetzt wurden, blühte auch Burgdorf auf. Das Leben, das primär von Handwerk, Handel und Landwirtschaft geprägt war, erfuhr einen grossen Wandel. Erste industrielle Betriebe siedelten sich an. 1822 gründete Professor Hans Schnell im Lochbach eine chemische Fabrik, 1839 errichteten die Gebrüder Miescher die erste mechanische Flachsspinnerei im Kanton Bern.

Einige Hundert Personen erhielten in der florierenden Textilindustrie Arbeit. Dies schlug sich auch in Burgdorfs Einwohnerzahl nieder: Im Jahr 1818 wurden 1794 Personen gezählt, 1838 waren es bereits 2417 und 1850 schon 3636 Einwohner – am Ende des 19.Jahrhunderts sollten es dann fast 10'000 Personen sein, die sich in Burgdorf niedergelassen hatten.

Der Giesser kaufte die Mühle

Just in die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs fällt der Kauf der Oberen Mühle an der heutigen Mühlegasse 2 durch Samuel Rudolf Dür. Zum Preis von 20500 alten Schweizer Franken ging der Betrieb am 24. Juli 1840 von der Stadt Burgdorf in Privateigentum über. Dür, der damals in der heutigen Metzgergasse eine Giesserei betrieb, verpachtete die Mühle vorerst.

Nach seinem Tod im Jahr 1856 übernahm einer seiner Söhne, Bäckermeister Hermann Benjamin Dür, die Obere Mühle. Dieser hatte auch das Müllerhandwerk von Grund auf gelernt. Bereits als Schulbub musste er kräftig mit anpacken, wie Hermann Marc Dür, der das Familienunternehmen heute in der sechsten Generation führt, aus einer Überlieferung weiss.

Das Pferd wird verdrängt

Morgens um 4 Uhr war für Hermann Benjamin jeweils Tagwache, damit er zusammen mit einem Fuhrmann auf einem mit 60 bis 80 Mehlsäcken beladenen Pferdefuhrwerk via Sommerhaus auf die Lueg fahren konnte. Oben angekommen, wurden die vordersten Pferde ausgeschirrt, worauf der kleine Hermann mit ihnen zurück an die Mühlegasse ging. Um 7 Uhr ass er sein Frühstück und ging dann in die Schule.

Mit Weiss-, Halbweiss- und Ruchmehl wurden Mitte des 19.Jahrhunderts in erster Linie Bäckereien im Emmental sowie in angrenzenden Gebieten, etwa im Luzerner Hinterland, beliefert. Später kamen Konditoreien, Spitäler, Kantinen sowie industrielle Verbraucher wie die Biscuitfabriken Kambly und Hug dazu. Um 1900 gingen die weitesten Fuhren der Mühle Dür bis ins Saanenland, in die Gegend von Grenchen und in den Jura. Mit dem Kauf des ersten Lastwagens im Jahr 1914 wurde die Zahl der Pferde stark reduziert. Ab 1922 war der zweite Lastwagen der Mühle Dür unterwegs.

Der Kunde ist König

Heute beliefert die Burgdorfer Weichweizen- oder Brotgetreidemühle Betriebe im Umkreis von rund 80 Kilometern. «Wir stellen 80 bis 100 verschiedene Mehlsorten her», erklärt Hermann Marc Dür. Grösser sei nicht nur die Zahl der Produkte geworden, auch die Kundenwünsche seien vielfältiger: «Früher war man zufrieden, wenn ein Mehl die richtige Farbe hatte und das Gewicht korrekt war. Heute geben uns die Kunden bis zu zwanzig verschiedene Parameter vor – vom Mineralstoffgehalt bis zum Verhalten der Proteine.»

Seit der Gründung des Unternehmens hat sich auch die Herkunft des zu vermahlenden Rohstoffs, des Weizens, geändert. Noch 1840 dürfte dieser aufgrund der schlechten Strassennetzes aus dem Kanton Bern gekommen sein, vermutet Hermann Marc Dür. Doch bereits Mitte des 19.Jahrhunderts stammten 40 Prozent des Weizens aus dem Ausland. 1913 wurden gerade noch 12 Prozent Weizen aus der Schweiz vermahlen. Die Anbindung Burgdorfs an das Eisenbahnnetz im Jahr 1857 und die Eröffnung des Gotthardtunnels 1881 hatten den Import von preisgünstigem Weizen aus Europa und Russland begünstigt.

Gelernte Müller am Werk

«Heute verwenden wir fast zu 100 Prozent einheimisches Getreide», betont Hermann Marc Dür. Nur weil die Ernte im letzten Jahr schlecht ausgefallen sei, müssten jetzt deutsche Rohstoffe beigemischt werden. Das Vermahlen von Schweizer Getreide ist Dür wichtig – dies mit Blick auf die heimische Volkswirtschaft und auf die Versorgungssicherheit.

Er denkt an einen Grund, der 1918 zum Generalstreik in der Schweiz geführt hat, und zieht eine Parallele zu heute: «Man kann sich nicht mehr vorstellen, dass es eine Nahrungsmittelkrise geben könnte, sodass man trotz genügend Geld kein Mehl mehr kaufen kann.» Viel brauche es dazu nicht, ergänzt Dür, der auch Präsident der Mühlengenossenschaft Kanton Bern ist: «Im Prinzip reichen zwei Missernten, die aufeinanderfolgen.»

Ganz bewusst sei deshalb nach dem Generalstreik die Müllerei in die Bundesverfassung aufgenommen worden, betont der 54-jährige Vater von zwei Kindern, der zuerst in St.Gallen Ökonomie studierte, dann aber noch das Müllerhandwerk erlernte. Mit Ausnahme von Samuel Rudolf Dür, der vor 175 Jahren das Familienunternehmen mit dem Kauf der Oberen Mühle gegründet hatte, waren alle Chefs der Mühle Dür gelernte Müller.

Zwei Jubiläumsmehle

125 Jahre produzierte die Mühle Dür in der Unterstadt von Burgdorf. Dann, 1965, erfolgte der Umzug in ein neues Produktionsgebäude in der Buchmatt, wo der Grossvater des heutigen Firmenchefs, Hermann Alfred Dür, bereits 1939 einen Silobau errichtet hatte. Im gleichen Jahr wurde die Tochtergesellschaft Lagerhaus AG Buchmatt gegründet.

Stolz ist Hermann Marc Dür, der Mitglied der FDP-Stadtratsfraktion ist, dass sein Unternehmen, das jährlich 3000 Tonnen Mehl herstellt, mit Energie aus dem eigenen Wasserkraftwerk versorgt wird. Ebenso stolz ist er, dass er just zum 175-jährigen Bestehen des Familienunternehmens, das 24 Mitarbeiter beschäftigt, zwei Jubiläumsmehle im Angebot hat: das Rössli-Mehl aus Weichweizen und Hafer sowie das Burgdorfer Mehl aus Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Hirse, Leinsamen, Sonnenblumenkerne und Soja. Alle Mehle, welche die Mühle Dür produziert, können seit kurzem auch von Privaten direkt in der Buchmatt gekauft werden.

Unter dem Titel «Vom Korn zum Brot» wird die Mühle Dür an der diesjährigen Kornhausmesse von Ende August der Bevölkerung nähergebracht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2015, 15:15 Uhr

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