Emmental

«Die Bauern könnten Fisch produzieren»

EmmentalLobag-Geschäftsführer Andreas Wyss sieht durchaus Entwicklungspotenzial für die Emmentaler Landwirtschaft.

Lobag-Geschäftsführer Andreas Wyss versteht es, wenn Bauern im Emmental frustriert sind, nachdem die Direktzahlungen stark zurückgegangen sind.

Lobag-Geschäftsführer Andreas Wyss versteht es, wenn Bauern im Emmental frustriert sind, nachdem die Direktzahlungen stark zurückgegangen sind. Bild: Walter Pfäffli

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Warum haben Sie den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb in Bütikofen nicht übernommen, Herr Wyss?
Das war eigentlich geplant, ich bin gelernter Landwirt. Aber in der Fachhochschule merkte ich, dass ich nebenbei noch anderes machen wollte. Gleichzeitig heiratete meine Schwester einen Meisterlandwirt aus dem Emmental. Wir fanden es sinnvoller, wenn sie den Vollerwerbsbetrieb unserer Eltern übernehmen.

Haben Sie sich auch wirtschaftlich zu wenig von der Landwirtschaft versprochen?
So habe ich mir das nie überlegt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, sieben Tage in der Woche Milchwirtschaft zu betreiben wie mein Vater. Heute hätte ich durchaus Ideen, wie ich den Betrieb verändern könnte.

Was würden Sie ändern?
Ich würde auf Mutterkuhhaltung umstellen, das Fleisch direkt vermarkten und etwas im Bereich Agrotourismus, vor allem für Firmenevents, aufbauen. Ich könnte mir auch vorstellen, Braugerste anzubauen und auf dem Betrieb selber Bier zu brauen.

Als Geschäftsführer der Lobag könnten Sie Ihre Mitglieder an solchen Ideen teilhaben lassen.
Das stimmt. Das sehe ich auch als unsere Aufgabe. Wir fokussieren heute viel zu stark auf die Schwächen, wobei das Emmental halt auch ganz klar Nachteile hat...

...die die Lobag schon hundertmal aufgezählt hat.
Richtig. Die Emmentaler haben auch Stärken. Auf diese müssen wir den Fokus jetzt legen. Sie könnten zum Beispiel Quinoa anbauen. Das ist ein glutenfreies Pseudogetreide aus den Anden, das jährlich steigende Verkaufszahlen ausweist. Die Mühle Kleeb in Rüegsbach verarbeitet davon in ihre Müeslimischungen. Dessen Anbau müsste man im Emmental ausprobieren. Oder Braugerste für das Burgdorfer-Bier anbauen.

Hilft die Lobag, entsprechende Projekte zu realisieren?
Im Moment sind wir mit dem Kanton im Gespräch, wer zuständig ist, Innovationen anzustossen. Wir finden, das müsste via Regionalkonferenz zusammen mit der Beratung des Inforamas über die QuNaV-Programme des Bundes laufen.

Was ist das?
Es gibt die Verordnung über die Förderung von Qualität und Nachhaltigkeit in der Land- und Ernährungswirtschaft. Diese will Projekte fördern, die von der Produktion über die Verarbeitung und die Vermarktung alles umfassen.

Können die Bauern nicht selber aktiv werden?
Viele haben gute Ideen, aber die wenigsten sind in der Lage, substanzielle Summen in die Entwicklung neuer Produkte zu investieren. Deshalb brauchen wir Investitionshilfen. Der Bund bietet diese Möglichkeit. Leider haben wir vom Bundesamt für Landwirtschaft die Rückmeldung, dass es Kantone gibt, die eine Vielzahl solcher Projekte einreichen, während aus dem Kanton Bern noch kein einziges gekommen ist.

Schläft der Kanton Bern?
Ich stelle einfach fest, dass in dieser Richtung bisher nichts passiert. Das heisst nicht, dass es hier keine innovativen Bauern gäbe. Auch im Emmental gibt es solche. Im Zusammenhang mit Flachs zum Beispiel ist ja sehr viel entstanden. Jetzt sind wir mit dem Kanton am Schauen, wie wir innovative Betriebe finden und ihnen helfen können, Projekte zu realisieren.

Produzieren Emmentaler Bauern nicht das Richtige?
Wahrscheinlich nicht in jedem Fall. Weil sie vielfach das machen, was auf ihrem Betrieb immer gemacht wurde. Hinzu kommt, dass die Möglichkeiten im Emmental, vor allem im oberen, einfach nicht sehr gross sind.

Jetzt möchten wir aber hören, was möglich ist.
Genau. Im oberen Emmental muss man den Wert der Marke Emmental erkennen. Das Emmental ist nicht nur für Berner, sondern für die ganze Schweiz eine Art Urkeim des Bodenständigen, auf das im Moment alle ansprechen. Der Begriff Emmental wird mit Qualität verbunden. Jetzt ist einfach die Frage, wie man das auf Produkte von hier übertragen kann. Und dies nicht nur mit einem Grosslochkäse, der seine beste Zeit wohl leider hinter sich hat – wobei der handwerklich hergestellte, gut ausgereifte Emmentaler aus dem Emmental weiterhin ein Potenzial hat. Wir müssen es schaffen, auch anderen Produkten das Label Emmental anzuhängen.

Aemmitaler Ruschtig macht das bereits.
Aber mit sehr kleinen Mengen. Emmentaler Mutterkühe landen irgendwo in einem Schlachthof und werden verkauft als Fleisch XY. Das ist schade. Ich denke, Produkte aus dem Emmental könnte man besser vermarkten. Ich finde es auch doof, dass man Milch heute mit maximal 3,5 Prozent Fett verkauft. Die Konsumenten hätten sicher gerne eine geschmackvollere Milch, wie sie von der Kuh kommt, mit vielleicht 4,2 Prozent Fett. Ich denke an eine richtig feine Emmentaler Nidlemilch. Das entspräche zwar nicht dem gängigen Gesundheitstrend, das Produkt hätte nicht mit Lifestyle zu tun, dafür aber mit Genuss. Das würde zum Emmental passen.

Kann man heute keine Originalkuhmilch mehr kaufen?
Nur wenn man sie in der Käserei als Rohmilch direkt aus dem Kessi kauft. Aber das wäre viel zu kompliziert. Die Milch, die ich meine, müsste im Grossverteiler stehen. Die kleinen Hofläden, die wir haben, sind für den einzelnen Betreiber eine gute Option. Aber sie verkaufen nicht in Mengen, die einem grösseren Teil der Emmentaler Bauern helfen würden. Man müsste in Burgdorf, Bern oder Zürich einen Emmental-Shop hinstellen können. Aber dann dürfte man nicht bloss eine Meringue und ein Würstchen anbieten, sondern die ganze breite Palette. Dafür bräuchte es allerdings die Lieferbereitschaft der Produzenten.

An Ihren Veranstaltungen trifft man oft auf desillusionierte Bauern. Da ist wenig Wille spürbar, neue Wege zu prüfen.
Es ist verständlich, dass ein Bauer frustriert ist, wenn er sieht, dass der Ertrag seines Betriebes zu Grossvaters Zeiten für eine Grossfamilie mitsamt Angestellten reichte, während er heute mit seiner vierköpfigen Familie nur noch über die Runden kommt, wenn er und seine Frau einem Nebenerwerb nachgehen. Dass man mit dieser Entwicklung hadert, kann ich nachvollziehen. Aber ich staune schon, wie es gerade im Emmental vielen schwerfällt, gängige Pfade zu verlassen.

Warum ist das so?
Das Festhalten an Traditionen blockiert viele Betriebe. Man hat immer Milch produziert und Viehzucht betrieben. Im Emmental spüre ich eine grössere Zurückhaltung Neuem gegenüber. Denn derjenige, der sagt, «ich habe ja immer gesagt, dass es nicht geht», ist relativ nah.

Gibt es im oberen Emmental überhaupt Alternativen zu Milch und Fleisch?
Die Fischproduktion. In der Schweiz produzieren wir etwa 4 Prozent des Fischkonsums selber. Weil der Fisch ein Wild- und kein Nutztier ist, könnte er in der Landwirtschaftszone im Moment nicht zonenkonform produziert werden. Aber wir arbeiten auf Gesetzesebene mit dem Schweizer Bauernverband daran, dass der Fisch aus Aquakultur ein landwirtschaftliches Nutztier wird. Dann könnte man in bestehenden Gebäuden geschlossene Anlagen bauen.

Erwarten Sie im Ernst, dass Emmentaler Bauern im leeren Kuhstall Fischanlagen installieren?
Man müsste dahin kommen, dass der Bauer zwar die Anlage betreiben würde, man ihm aber die Setzlinge, wie man bei den Fischen sagt, liefern und auch die Schlachtung und die Vermarktung organisieren würde. Alles selber zu machen, übersteigt die Möglichkeiten des Bauern. Man muss ihm den Schritt erleichtern und ihm helfen, seine Risiken abzufedern. Dann ist er allenfalls bereit.

Wer muss ihm helfen? Die Lobag als Bauernverband? Oder die Öffentlichkeit?
Auch das scheint mir eine Verbundaufgabe zu sein. Am Anfang stehen aber der Wunsch und der Wille des Landwirts. Veränderungen können nicht von aussen aufgedrängt werden.

Sind die Betriebe im oberen Emmental zu klein, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein?
Im oberen Emmental wird es wegen der Topografie nie sehr grosse Betriebe haben. Das wäre auch nicht sinnvoll. Sonst könnten die Flächen gar nicht mehr bewirtschaftet werden, Verwaldung und Verbuschung würden noch stärker zunehmen. Aber es geht nicht um die Grösse, sondern um das, was man produziert – um Milch oder Ökologie...

Ökologische Leistungen gelten bei vielen Bauern nicht als Produktion.
Ich weiss. Aber es gibt auch Bauern, die mit Stolz berichten, wie sie Ökoflächen auf die Qualitätsstufe 2 gebracht haben.

Was bedeutet das? Mehr Geld?
Es bedeutet, dass die botanische Vielfalt grösser wurde. Das zu erreichen, ist nicht einfach. Eine Wiese wird nicht biologisch attraktiv dadurch, dass man sie sich selber überlässt, sondern mit der Kombination aus Bewirtschaftung, optimalem Schnittzeitpunkt und eventuell sogar etwas Dünger. Wenn alles stimmt, samen die richtigen Pflanzen ab. Und dafür gibt es dann auch mehr Geld. Deshalb empfehle ich den Bauern im oberen Emmental, zu versuchen, in erster Linie die Qualität ihrer Ökoflächen zu steigern und nicht mehr Ökoflächen aus der Produktion zu nehmen. Und diese dann auch besser zu vernetzen.

Wird das zu wenig gemacht?
Ich kenne viele Bauern, die das sehr gut machen und in ökologischen Vernetzungsprojekten aktiv sind, etwa im Gebiet Lützelflüh. In anderen Gemeinden wird dies kaum vorangetrieben. Dabei wäre sie ökologisch und wirtschaftlich von grossem Nutzen.

Sie tönen ermutigend. In der Vergangenheit waren Lobag-Veranstaltungen geprägt vom Jammern über sinkende Milchpreise, weniger Direktzahlungen und so weiter.
Es ist unsere Aufgabe als Berufsverband, auf für die Betriebe herausfordernde Entwicklungen aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. Das erwarten unsere Mitglieder von uns. Gleichzeitig laufen wir damit Gefahr, dass man uns vorwirft, wir würden bloss jammern. Es muss unser Ziel sein, Perspektiven zu schaffen, damit auch eine kommende Generation mit Freude in die Landwirtschaft einsteigt und davon leben kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.03.2015, 11:34 Uhr

Zur Person

Andreas Wyss (36) ist seit Ende 2012 Geschäftsführer der Lobag. Er ist verheiratet, Vater zweier Söhne und lebt in Kirchberg. Er ist der Sohn von Ex-Gemeindepräsident Werner Wyss (SVP).

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