Affoltern

«Der Verwaltungsrat der Schaukäserei hat nichts versäumt»

AffolternDie Emmentaler Schaukäserei hat letztes Jahr ein beträchtliches Defizit erwirtschaftet. Dennoch wälzt der Verwaltungsrat unter Kurt Nüesch grosse Pläne: Aus dem biederen Schaubetrieb soll ein moderner Erlebnispark werden – sofern sich Investoren finden.

<b>Kurt Nüesch will die Emmentaler Schaukäserei</b> aus den roten Zahlen führen. Das Rezept: Die Realisierung eines Erlebnisparks rund um den Emmentaler AOC.

Kurt Nüesch will die Emmentaler Schaukäserei aus den roten Zahlen führen. Das Rezept: Die Realisierung eines Erlebnisparks rund um den Emmentaler AOC. Bild: Thomas Peter

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Herr Nüesch, steht das Anforderungsprofil für den neuen Geschäftsleiter der Emmentaler Schaukäserei?

Kurt Nüesch: Das ist noch nicht so weit. Wir haben eine Übergangslösung installiert, die sicher bis im Frühling gelten wird.

Mit Ihnen als Geschäftsleiter?

Nein, ich konzentriere mich wieder auf die Aufgaben des Verwaltungsratspräsidenten. Wir haben einen Fachmann beigezogen, der die Geschäftsleitung interimistisch in einem Teilzeitmandat wahrnimmt.

Wer ist das?

Es handelt sich um Adrian Aebi aus Herzogenbuchsee.

Der Bruder von SVP-Grossrat Markus Aebi aus Hellsau, Ihrem Kollegen im Verwaltungsrat?

Richtig. Er hat Erfahrung in Unternehmensführung und -entwicklung und ist für diese Aufgabe bestens qualifiziert.

Wird er das Amt ab Frühling voll übernehmen, oder wird die Stelle ausgeschrieben?

Es handelt sich um eine Übergangslösung, alles Weitere entscheidet sich im Frühling. Wir sind unter anderem daran, das Projekt «Vision 2018», das die Firma Steiner in Sarnen ausgearbeitet hat, zu konkretisieren. Gegenwärtig wird ein Businessplan erstellt, damit wir Richtungsentscheide fällen können.

Die Idee eines touristischen Grossprojekts in Affoltern ist also nicht vom Tisch?

Diese Idee entwickelt sich zu einem konkreten Projekt. Es wird die gesamte Anlage umfassen. Der heutige und künftige anspruchsvolle Besucher erwartet ein Erlebnis für alle Sinne.

Mit welchem Investitionsvolumen rechnen Sie?

Das ist Gegenstand der Planung.

Mehr als 10 Millionen Franken?

Es geht um einen zweistelligen Millionenbetrag.

Etwas zwischen 10 und 100 Millionen Franken also.

(lacht) Ja, im unteren Bereich.

Das ist gewaltig, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen 25 Jahren in der Schaukäserei nie grössere Anpassungen vorgenommen wurden.

Als die Schaukäserei vor 25 Jahren errichtet wurde, wurden auch Beträge in dieser Grössenordnung investiert (15 Millionen Franken, Anm. Red.). Fachleute sagen, der Lebenszyklus dieses Konzepts neige sich langsam dem Ende zu. Jetzt geht es darum, einen grossen Schritt in die Zukunft für die nächsten 20 bis 25 Jahre zu machen.

In der Vergangenheit fehlte das Geld für grössere Entwicklungsschritte. Wieso sollte es jetzt für ein Riesenprojekt reichen?

Das wird nur mit neuen Investoren möglich sein. Dabei steht die Sortenorganisation Emmentaler Switzerland im Zentrum. Aber nebst dem Emmentaler AOC umfasst das Konzept weitere Elemente: Auch die Milchproduktion, also einen landwirtschaftlichen Teil, möchten wir realisieren. Und ein kulinarischer Teil soll zeigen, was aus dem Produkt alles hergestellt werden kann.

Ist die Sortenorganisation bereit zu investieren?

Erste Gespräche wurden geführt, im Frühling soll entschieden werden. Es geht darum, ob die Sortenorganisation einen Teil ihrer Marketingmittel für den Erlebnispark rund um den Emmentaler AOC investieren will. Jede Käserei, die Emmentaler AOC produziert, muss heute der Sortenorganisation einen Beitrag von 60 Rappen pro Kilo bezahlen. So kommen pro Jahr gegen 15 Millionen Franken zusammen, die grösstenteils für die Absatzförderung zur Verfügung stehen.

Ist auch Emmi ein möglicher Investor?

Emmi ist im Moment der grösste Aktionär. Aber von der Firma kommen eher Signale, dass sie nicht weiter investieren möchte.

Will sich Emmi aus der AG zurückziehen?

Nicht in dieser absoluten Form. Aber Emmi setzt auf die eigenen Marken und will in Kaltbach zeigen, was die Firma ausmacht. Ihr Interesse an der Schaukäserei ist nicht mehr sehr gross.

Und der Verband der Schweizer Milchproduzenten (SMP)?

Ich denke, wenn wir den landwirtschaftlichen Teil realisieren können, könnte es für landwirtschaftliche Organisationen interessant sein, sich finanziell zu engagieren. Das könnte für den SMP gelten, aber auch für andere Organisationen aus der Land- und Milchwirtschaft sowie der Region. Ich denke hier auch an die Lobag.

Was ist mit der Migros? Man hört, sie warte nur darauf, dass die Schaukäserei Konkurs anmeldet und sie den Betrieb günstig übernehmen kann.

(lacht) Da würde mich aber mal interessieren, wo Sie das gehört haben.

Das erzählt man sich in Affoltern. Wie eng stehen Sie mit der Migros in Kontakt?

Wir produzieren Butter für die Migros, hinzu kam das Projekt mit dem handgemachten Emmentaler, dem «Eidgenoss», das in sehr engem Kontakt mit der Sortenorganisation und der Migros entstanden ist. Im laufenden Jahr gibt es zahlreiche Anlässe rund um den «Eidgenoss» und das Eidgenössische Schwingfest. Die Zusammenarbeit mit der Migros werden wir weiterhin pflegen.

Wäre es denkbar, dass die Migros im kulinarischen Bereich als Investorin auftritt?

Ich will nichts ausschliessen, aber momentan ist nichts Konkretes im Gang.

Wann werden Sie spruchreife Pläne kommunizieren?

Bis zur Generalversammlung im Juni.

Werden die Aktionäre Beschlüsse fällen müssen?

Wenn es um die Aufstockung des Aktienkapitals geht, wird die Generalversammlung gefordert sein. Aber das wird noch nicht an der ordentlichen Versammlung im Juni passieren.

Hat man es in der Vergangenheit verpasst, die Schaukäserei aktuellen Bedürfnissen anzupassen?

Wir haben immer mal wieder Investitionen getätigt. Ich erinnere etwa an das neue Besucher- und Ladenkonzept oder die Produktion des «Eidgenoss».

Wobei fraglich ist, ob sich die Investition in den Laden gelohnt hat.

Es gibt Diskussionen, ob das heute optimal ist oder nicht. Das Einkaufen rund um die Galerie hätte zu einem Erlebnis werden sollen. Aber das Konzept hat bisher nicht das gebracht, was uns die Fachleute vorausgesagt haben.

Hat der Verwaltungsrat geschlafen? Das Angebot in der Schaukäserei ist schon lange veraltet.

Wir haben die Strategie angepasst, indem wir festlegten, dass das touristische Erlebnis im Zentrum liegen soll und nicht mehr die Käseproduktion. Bis 2010 waren wir eigentlich auf gutem Weg. Auch als wir den Wechsel in der Geschäftsleitung vornahmen (auf Fritz Jakob folgte Adrian Zehnder, Anm. Red.), liess sich das gut an. Die Defizite in der Rechnung konnten beseitigt werden. Dann kam die Auseinandersetzung mit den Milchlieferanten, und wir gerieten Schritt um Schritt in die schwierige Situation. Aber es waren äussere Rahmenbedingungen, vor allem die Krisensituation beim Emmentaler, die dazu geführt haben. Es ist nicht so, dass der Verwaltungsrat etwas versäumt hätte. Aber jetzt ist Zeit zum Handeln.

Es scheint, dass erst Markus Aebi Bewegung in den Verwaltungsrat gebracht hat.

Markus Aebi ist der Vertreter der Region, er ist Vizepräsident der Regionalkonferenz und zuständig für das Ressort Tourismus. Er hat Kontakte hergestellt und neue Impulse gebracht. Dass wir seit letztem Sommer an Dynamik zugelegt haben, hat sicher auch mit seiner Person zu tun. Aber das Projekt mit der Firma Steiner wurde vor seiner Zeit aufgegleist und das Projekt mit dem Tuchemmentaler ebenfalls.

Aebis Engagement und jenes des damaligen Geschäftsführers Adrian Zehnder haben sich dann nicht vertragen?

Darauf möchte ich nicht mehr zurückkommen. Dieses Kapitel ist für uns abgeschlossen.

Wie sehen die Besucherzahlen im Moment aus?

Im Vergleich zum Vorjahr hatten wir in den letzten Monaten mehr Besucher. Wir konnten unsere Attraktivität dank verschiedener Massnahmen und neuer Angebote markant steigern. Wir haben auch ein kleineres Investment in Sofortmassnahmen im Zusammenhang mit der Eröffnung der Käseroute (siehe Kasten, Anm. der Red.) und dem Eidgenössischen Schwingfest beschlossen.

Was für Massnahmen?

Es ist ein ganzes Bündel, das jetzt laufend umgesetzt wird.

Aber 2012 schliesst mit einem Defizit?

Wir schreiben ein beträchtliches Defizit, zum grossen Teil verursacht durch die Situation beim Emmentaler Käse. Die Preise sind nach wie vor im Keller, gleichzeitig müssen wir unseren Lieferanten einen konkurrenzfähigen Milchpreis bezahlen. Wenn wir kein Schaubetrieb wären, hätten wir die Produktion wohl eingestellt. Aber wir sind verpflichtet und gewillt, weiterhin 365 Tage im Jahr vormittags und nachmittags zu zeigen, wie Emmentaler AOC entsteht.

Zur Person: Kurt Nüesch sitzt seit 25 Jahren im Verwaltungsrat der Emmentaler Schaukäserei AG, seit 10 Jahren ist er Präsident. Der 60-Jährige ist stellvertretender Direktor der Schweizer Milchproduzenten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2013, 14:19 Uhr

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