Der Polizist bleibt in wacher Erinnerung

Schafhausen

Auch nach einem halben Jahr ist der Polizist, der bei einer Zwangsräumung vom Mieter erschossen worden ist, im Korps präsent. «Er war unser Mitarbeiter, und das werden wir nie vergessen», sagt Kommandant Stefan Blättler.

Kommandant Stefan Blättler sagt der Gewalt gegen die Polizei den Kampf an.

Kommandant Stefan Blättler sagt der Gewalt gegen die Polizei den Kampf an.

(Bild: Urs Baumann)

Stephan Künzi

Stefan Blättler, mit dem vergangenen 24. Mai ist für die Kantonspolizei Bern wohl alles anders geworden.
Nein. Die Arbeit ist nach wie vor die gleiche, auch die Aufgaben sind nach wie vor die gleichen – allerdings müssen wir heute damit fertigwerden, dass ein Mitarbeiter, ein Kollege, ein Freund nicht mehr unter uns ist, weil er Opfer eines schweren Verbrechens geworden ist. Das ist neu für uns seit dem 24. Mai.

Sie sprechen es an. Am 24. Mai ist einer Ihrer Kollegen bei einer Zwangsräumung in Schafhausen vom Mieter erschossen worden. Das Leben geht zwar weiter. Trotzdem: Wie geht das Korps heute, genau ein halbes Jahr später, mit dem Gewaltakt um?
Wir blenden das Geschehene natürlich nicht aus, denn ein solches Ereignis zu tabuisieren, wäre ein denkbar schlechter Weg. Ich mache den Vorfall von Schafhausen regelmässig zum Thema, auch jetzt gerade, da ich mich quer durch den Kanton mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum Austausch treffe. Das ist als Kommandant meine Pflicht. Ich rede dann auch generell über die wachsende Gewaltbereitschaft gegen die Polizei ...

...die zum Beispiel rund um die Stadien regelmässig zu unschönen Bildern führt ...
Die Tendenz ist absolut steigend. Es beginnt bei verbaler Gewalt, vereinzelt kommt es zu tätlichen Angriffen oder wie in diesem Fall eben sogar zu einem Tötungsdelikt. Das können und wollen wir so nicht im Raum stehen lassen. Wir werden den Hebel ansetzen.

Nach dem Tötungsdelikt von Schafhausen umso dringender.
Ja, wobei die Gewalt schon früher ein Thema war. Nach dem 24. Mai ist sie einfach ganz an die Spitze der Traktandenliste gerückt. In diesem Zusammenhang will ich nun von meinen Leuten wissen, wie sie persönlich die Gewalt im Alltag erleben. Wir haben eine entsprechende Umfrage durchgeführt, Anfang nächsten Jahres erwarte ich die Ergebnisse. Ziel ist es, Gewaltakte gegen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach einer einheitlichen Praxis zur Anzeige zu bringen. Die Gesellschaft hat Tätlichkeiten zu lange als etwas hingenommen, was zum Polizistenberuf gehört. Das muss sich ändern.

Wie erleben Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein halbes Jahr nach dem verhängnisvollen Tag?
Die Verarbeitung verläuft sehr individuell. Die einen müssen reden, die anderen machen die Sache für sich im Stillen aus. Wie der Einzelne reagiert, hat weiter auch damit zu tun, wie eng er mit dem Getöteten zu tun hatte.

Wie stark lähmten die Gedanken an den erschossenen Polizisten generell den Alltag im Korps?
Unmittelbar nach der Tat war die Betroffenheit sehr gross. Einzelne hatten auch später verständlicherweise grosse Mühe und sind von uns entsprechend psychologisch unterstützt worden. Es gab auch Kolleginnen und Kollegen, die um eine Versetzung baten.

Weil sie mit dem Betroffenen zusammengearbeitet hatten?
Ja, oder auch, weil sie selber bereits Opfer von Gewalt waren.

An der Beerdigung war die grosse Betroffenheit unter den vielen anwesenden Polizistinnen und Polizisten mit Händen zu greifen. Einige brachen in aller Öffentlichkeit in Tränen aus.
Das darf auch so sein. Polizisten sind ja auch Menschen mit einem sozialen Umfeld, mit Familien daheim und Kindern. Genauso, wie man Freude zum Ausdruck bringen darf, soll auch der Trauerprozess frei von allen Einschränkungen ablaufen dürfen. Nur dann habe ich letztlich die Gewähr, dass meine Leute das Geschehene verarbeiten und weiterhin professionell ihrem Beruf nachgehen können.

Gab es Kolleginnen oder Kollegen, die aussetzen mussten?
Es gab Leute, die kurzfristig nicht mehr arbeiten konnten. Mit ihnen haben wir individuelle Lösungen gefunden, die sie wieder an ihre Arbeit heranführten.

In Schafhausen war noch ein zweiter Polizist vor Ort. Er musste den Tod seines Kollegen hautnah miterleben. Was macht er?
Auch er leistet mittlerweile wieder regelmässigen, normalen Polizeidienst. Nochmals: In der persönlichen Verarbeitung braucht jeder für sich seine Zeit. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Das ist sehr persönlich.

Er ist und bleibt also Polizist.
Richtig. Wir begleiten gerade auch ihn in seiner besonderen Situation sehr intensiv.

Wie geht es der Frau des Erschossenen?
Das kann ich so konkret nicht beantworten, weil es sehr persönlich ist. Nur so viel: Wir haben mit ihr regelmässig Kontakt. Ihr Mann war einer unserer Mitarbeiter, und das werden wir nie vergessen. Wir halten den Kontakt auf allen Ebenen aufrecht. Das gilt für die Kolleginnen und Kollegen aus dem Korps genauso wie für mich. Ich selber war erst im August bei ihr, und ich werde wieder hinfahren. Wir lassen die Familie nicht im Leeren laufen.

Wie bewältigt sie, die ja schwer krank ist und daher ihren Mann umso mehr vermissen wird, ihren Alltag? Hilft ihr jemand?
Auch da sage ich nur: Wir sind da, und das gilt in allen Belangen.

Im Nachhinein gab es eine grosse Diskussion darüber, ob der Betroffene nicht zwingend hätte eine Schussweste tragen müssen. Haben Sie reagiert und neue Weisungen erlassen?
Über die Details des Geschehenen wird erst das Strafverfahren Klarheit bringen. Im Moment habe ich aber keinen Anlass, aus diesem Verbrechen konkrete Massnahmen abzuleiten. Das haben wir sehr detailliert unter die Lupe genommen. Alle Polizistinnen und Polizisten wissen, dass es gefährliche Situationen geben kann. Jeder muss seine Lage immer wieder selber neu beurteilen.

Jeder entscheidet also nach wie vor aufgrund seiner ganz persönlichen Einschätzung selber, ob er die Weste trägt.
Ja, wobei die Sensibilität in dieser Frage im Korps eindeutig zugenommen hat. Mit Blick auf die Vielfalt in der täglichen Arbeit kann ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ja nicht vorschreiben, dass sie grundsätzlich nur bis auf die Zähne bewaffnet ausrücken dürfen. So kann man nicht arbeiten.

Wo stehen die Untersuchungen gegen den Schützen?
Die polizeilichen Ermittlungen sind noch nicht ganz abgeschlossen. Laut der Staatsanwaltschaft ist mit der Anklage nicht vor dem zweiten Quartal des nächsten Jahres zu rechnen.

Berner Zeitung

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