Deep Purple sorgte in Huttwil für die volle Dröhnung

Huttwil

Deep Purple nehmen im Nationalen Sportzentrum von Huttwil Tausende von alten Wegbegleitern und jungen Entdeckern mit auf eine Zeitreise durch die Rockgeschichte. Für die Band ist der Auftritt reine Routine. Nur: Das lässt sie das Publikum keine Sekunde lang spüren.

Die Rocklegenden von Deep Purple in Huttwil: Vorne links Bassist Roger Glover, rechts von ihm Sänger Ian Gillan.

Die Rocklegenden von Deep Purple in Huttwil: Vorne links Bassist Roger Glover, rechts von ihm Sänger Ian Gillan.

(Bild: Hans Wüthrich)

Johannes Hofstetter

Bassist Roger Glover, Schlagzeuger Ian Paice, Gitarrist Steve Morse und Tastenmann Don Airey sind bereits mit dem Aufbau von «Highway Star» beschäftigt. Während der Song immer mehr Fahrt aufnimmt, schlendert als Letzter Ian Gillan auf die Bühne im Nationalen Sportzentrum von Huttwil. Er sieht aus, als ob er gerade Ferien in den Tropen hinter sich hätte. Spitzbübisch grinsend umfasst er seinen Mikrofonständer. Ein Blick in die Menschenmenge unter ihm – und dann: «Nobody's gonna take my car and gonna race it to the ground»

Die folgenden zwei Stunden verlaufen weitgehend überraschungsfrei. Wer seit 40 Jahren um den Globus tourt und dabei Millionen und Abermillionen von Platten verkauft hat, kennt seine Pappenheimer und weiss, dass diese – ob in Rio, Hongkong oder Huttwil – immer nur das eine wollen: die volle Dröhnung. Die Hits, die Heuler und die Hymnen. Sie wollen ein möglichst episches Keyboardsolo vor «Perfect Strangers», eine kurze Drumeinlage bei «Lazy», den geballten Weltschmerz von «When a Blind Man Cries», die schwindelerregenden Läufe in «The Well Dressed Guitar» und den flapsigen Wummerbass vor «Hush».

Zwischen den Songs versichert ihnen Gillan immer wieder, wie «fantastic», «incredible» und «superb» sie doch seien, all die zum Teil in Ehren ergrauten Deep-Purple-Wegbegleiter, die Jeansjacke an Lederjacke in dieser wenig heimeligen Halle stehen, und, mit einem Bier in der Hand und dem Schatz im Arm, selbstvergessen vor sich hinwippen.

In der Menge vermischen sich die Generationen: Was der Grossvater Wort für Wort mitsingt und der Vater begeistert begröhlt, stellt für manchen Enkel ein Neuland dar, in dem die Musiker noch richtig schwitzen, statt auf den Massengeschmack zugeschnittene Sounds vom Computer abzurufen.

Deep Purple wirken, als ob es für sie ein Privileg wäre, ihrer Arbeit heute Abend in Huttwil nachgehen zu können statt, zum Beispiel, an einem Open-Air-Festival in Australien vor 80'000 Menschen. Auf eine fast magisch anmutende Weise schafft es das Quintett, jedem einzelnen der sechs-, vielleicht siebentausend Fans das Gefühl zu geben, sich für ihn oder sie persönlich ins Zeug zu legen. Die Fans ihrerseits spüren: Je mehr Energie sie den rüstigen Rockern hochsenden, desto mehr Dampf vermögen die anscheinend unverwüstlichen Haudegen für sie zu erzeugen. Natürlich ist jedem im Saal noch vor dem ersten Akkord klar: Auch dieser Auftritt ist für die Briten Routine. Trotzdem: Das Bemühen der Band, allen Beteiligten – sich selber mit eingeschlossen – einen glatten Abend zu bescheren, ist hör-, sicht- und spürbar.

Dass Gillan, Glover, Paice, Morse und Airey beim Kramen in ihrer prall gefüllten musikalischen Schatztruhe die eine und andere Preziose übersehen, tut dem kollektiven Plausch an ihrem Gastspiel keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Indem seine Besatzung auf Prunkstücke wie «Sometimes I Feel Like Screamin'» verzichtet, zeigt das alte Rock-’n’-Roll-Schlachtschiff erst seine wahre Grösse. Unzählige andere Formationen würden die Grossmütter ihrer Mitglieder auf Ebay versteigern, um ein Glanzstück dieses Kalibers im Repertoire zu haben. Für Deep Purple hingegen ist «Sometimes» ein Lied, das man spielen kann oder auch nicht; nice to have, falls das Publikum einmal nicht ganz so wollen sollte, wie gewünscht.

Zum Abschluss ihres Abstechers aufs Land erinnern Deep Purple an den Brand des Casinos von Montreux. Nach «Hush» gehts für die Fans hinaus in die «Black Night». Und für die Band nach Trier, zur nächsten «fantastic», «incredible» und «superben» Begegnung mit Menschen, für die die Zeit und ihre musikalischen Begleiterscheinungen keine Rolle spielen.

Berner Zeitung

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