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Ein weiterer britischer Trauertag

Die lange Warterei auf einen einheimischen Wimbledon-Sieger geht für die Briten weiter. Rafael Nadal besiegte Andy Murray in drei Sätzen. Im Final vom Sonntag trifft der Spanier auf Roger Federers Bezwinger Tomas Berdych.

Der Centre-Court von Wimbledon wird gerne als «Kathedrale des Tennissports» bezeichnet. Nirgends geht es gesitteter zu als auf den vornehmlich von distinguierten Damen und Herren besetzten Rängen – normalerweise. Gestern löste schon Andy Murrays Servicewinner zum 15:0 im ersten Game übermässigen Applaus und ein heftiges Gekreische aus. Die übertriebene Reaktion zeigte, wie sehr sich die Engländer nach sportlichen Erfolgen sehnen – nach der WM-Schlappe gegen Deutschland ganz besonders. England wartet seit 1966 auf einen Titel des Fussball-Nationalteams; die Durststrecke im Männertennis ist noch länger. Letzter Wimbledon-Sieger war Fred Perry 1936. Unter diesen Umständen nehmen es die Engländer sogar in Kauf, dass ein Schotte die Kohlen für das Vereinigte Königreich aus dem Feuer holen muss. Beckham als Zuschauer «Wenn Murray die nächsten beiden Matchs gewinnt, wird er zu einer bedeutenden Figur in unserem Leben. Millionen von Menschen würden ihm zusehen, Millionen würden ihm zujubeln, Millionen wäre es wichtig. Viele würden hemmungslos weinen, und hartgesottene Journalisten würden vorgeben, es sei ihnen etwas ins Auge geraten», war im Vorfeld des Halbfinals gegen Rafael Nadal in der «Times» zu lesen. Doch am Sonntag werden auf der Insel keine Freudentränen fliessen, denn Nadal sorgte mit seinem 6:4, 7:6, 6:4-Sieg für einen weiteren britischen Trauertag. Fussballikone David Beckham, der unter den Zuschauern weilte, und der ehemalige Tennisprofi Tim Henman, der für die BBC das Spiel analysierte, konnten bestens nachvollziehen, was in Murrays Kopf vorgehen musste. Diesmal waren sie nur dabei, doch in der Vergangenheit waren sie oft mittendrin gewesen, als britische Hoffnungen den Bach runtergingen. Er habe nicht schlecht gespielt, aber er sei sehr enttäuscht, verloren zu haben, «denn ich hatte in allen drei Sätzen meine Chancen», meinte Murray. Bittere Halbfinalserie Seit 1938, als Bunny Austin im Final verloren hatte, ist hier nun zehn Mal in Folge ein Brite in der Vorschlussrunde gescheitert. Murray suchte keine Ausreden. «Man spielt hier unter grossem Druck. Aber dieser ändert nichts am Ausgang der Matchs», sagte der 23-Jährige. «Es ist das wichtigste Turnier. Ich will für mich gewinnen, für mein Team und auch für Grossbritannien.» Im Final trifft Nadal (ATP 1) auf Tomas Berdych (ATP 13), der nach Roger Federer auch Novak Djokovic (ATP 3) schlug, und zwar 6:3, 7:6, 6:3. Die Vorentscheidung fiel in beiden Halbfinals, als die späteren Sieger in den zweiten Sätzen umstrittene Tiebreaks gewannen. Alles andere als ein Finalsieg Nadals, der bezüglich Erfahrung und Palmarès gegenüber Berdych klare Vorteile aufweist, wäre eine Überraschung. Wie gewohnt sieht sich die Nummer 1 aber nicht in der Favoritenrolle. Der bescheidene Spanier würde noch tiefstapeln, müsste er gegen Queen Elizabeth II antreten. Nadal sagte gestern, Murray werden «schon sehr bald» ein Grand-Slam-Turnier gewinnen. Und Henman meinte, er habe keine Zweifel, dass Murray in Wimbledon reüssieren könne. «Er darf sich nur nicht selber bedauern, sondern muss sich weitere Chancen erarbeiten.» Sollte der Schotte in den nächsten Tagen dennoch im Selbstmitleid versinken, dürfte er auf der Insel in bester Gesellschaft sein. Adrian Ruch, Wimbledon>

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