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Ein Kämpfer, kein «Schweber»

Am Montag tritt Martin Aeschlimann sein Amt als Präsident des Burgdorfer Stadtrats an. Obwohl er der Evangelischen Volkspartei angehört, definiert er sich nicht als Religionslobbyist, sondern als Politiker mit ethischem Hintergrund.

Er ist der grösste unter den Burgdorfer Politikern: Er überragt seine Kolleginnen und Kollegen mindestens um eine halbe, in den meisten Fällen aber um eine ganze Haupteslänge. Nun haben die Mitglieder des Stadtparlaments ihren Grössten für die Dauer eines Jahres zu ihrem Höchsten erkoren – zum Stadtratspräsidenten nämlich, der, zumindest auf dem Papier, als «höchster Burgdorfer» gilt. Am kommenden Montag wird der EVP-Mann Martin Aeschlimann (43) sein Amt antreten und zum ersten Mal eine Stadtratssitzung leiten. Freude am Amt Zuhören, das Wort erteilen, die Referenten nötigenfalls zur Kürze ermahnen, Anträge entgegennehmen, Verhandlungspausen verordnen, entgleiste Debatten wieder auf Kurs bringen, Stichentscheide fällen, die Abstimmungen leiten – das sind die Aufgaben, die Martin Aeschlimann für die Dauer eines Jahres im städtischen Ratsbetrieb wird zu erfüllen haben, abgesehen von den repräsentativen Pflichten, die ebenfalls auf ihn warten. «Ich freue mich auf das Amt», sagt Aeschlimann, der es begrüssen würde, wenn die Verhandlungen zuweilen etwas weniger «nach Drehbuch», dafür aber mit mehr Herzblut und mehr Offenheit für andere Meinungen geführt würden. «Es ist schade, dass es Votanten im Stadtrat kaum je schaffen, andere Ratsmitglieder von der ursprünglichen Meinung abzubringen und auf die andere Seite zu ziehen – gerade das würde jedoch zu einem echten und lebendigen Diskurs gehören.» Martin Aeschlimann jedenfalls scheute Diskussionen in seiner bisher zehnjährigen Karriere als Stadtrat nicht. Setzt er sich für eine Sache ein, tut er es mit Beharrlichkeit und Feuer. So kämpfte er – erfolgreich – an vorderster Front gegen den Teilverkauf der Localnet AG und – weniger erfolgreich – für die Lancierung eines autofreien Sonntags in Burgdorf. «Schade, hat diesem Vorstoss die breite politische Unterstützung gefehlt; indem wir Festivitäten zum Thema durchgeführt haben, ist das Anliegen aber wenigstens wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt.» Martin Aeschlimann ist, daran zweifelt niemand, der ihn im Ratsbetrieb erlebt, eine Kämpfernatur. Was er sicher nicht ist: ein weltfremd schwebender Exponent von Frömmigkeit und innerer Einkehr, obwohl das «E» in seiner Partei für «evangelisch» steht. Die christlichen Grundwerte und die Politik führt er so zusammen: «Ich politisiere, wie viele andere Leute in der Partei, auf der Basis einer liberalen christlichen Ethik, aber wenn ich für die EVP rede und handle, bin ich in erster Linie Politiker und nicht Glaubensvertreter», sagt der Architekt und vierfache Familienvater. Radio Moskau empfangen Schon als älterer Schüler zeigte er sich an der Politik interessiert, damals allerdings noch weniger in ihren lokalen als in ihren globalen Zusammenhängen. «Die Diskussionen auf dem Pausenplatz und in der Freizeit rund um Kapitalismus und Kommunismus wurden zum Teil sehr engagiert geführt», erinnert er sich. Er sei damals ein Tüftler gewesen, habe an Radios und Verstärkern gebastelt und damit unter anderem die deutsche Version von Radio Moskau empfangen. «Es war sehr aufschlussreich, den Falklandkrieg, der damals gerade in Gang war, nicht nur aus westlicher, sondern auch aus sowjetischer Sicht kommentiert zu bekommen.» Zweierlei Dialekt Martin Aeschlimann spricht Berndeutsch nach lupenreiner Burgdorfer Art – man hält ihn ohne Weiteres für einen gebürtigen Einheimischen. «Ich kann allerdings auch Ostschweizerisch reden», verkündet er mit einem Lachen. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist er nämlich in Appenzell Ausserrhoden. Seine Ausbildung zum Architekten wollte er jedoch im Kanton Bern, dem Herkunftskanton seiner Eltern, absolvieren. So kam er an die Fachhochschule nach Burgdorf. In der Emmestadt schlug er Wurzeln; hier heiratete er, hier wurde er Mitgründer und Inhaber eines Architekturbüros, und hier stieg er auch in die Lokalpolitik ein. Welche Partei soll es sein? Die Wahl einer Partei gestaltete sich für ihn nicht so einfach – «eigentlich gab es keine politische Gruppierung, zu der ich mich spontan und auf der ganzen Linie zugehörig gefühlt hätte», berichtet er. Er habe sich gedanklich zuerst einmal im Bereich von FDP oder SP zu positionieren versucht und dabei festgestellt, dass er nicht ausschliesslich sozialstaatlich denke, aber auch nicht nur den freien Markt hochleben lasse. Also habe er sich für eine Partei in der Mitte entschieden und sei 1998 gleich in der Funktion des Präsidenten der EVP beigetreten. 1999 kam er in den Stadtrat, den zu präsidieren er nun die Ehre hat. Hans Herrmann>

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