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Ein altes Bild erwacht zum Leben

Dorli Schmezer aus Muri und Irene Reinhard aus Hondrich waren freudig überrascht, als sie auf einer historischen Fotografie in dieser Zeitung ihre Mutter entdeckten. Nun erzählen sie, was aus dem kleinen Mädchen geworden ist.

Die alte Porträtfotografie zeigt ein kleines Mädchen, das an einem Tisch steht und Bilder betrachtet – ein liebliches Wesen, das ernst in die Kamera blickt. Entstanden ist die Aufnahme 1908 im Atelier des Burgdorfer Fotografen Louis Bechstein Vater und Sohn, deren Fotonegative vom Burgerarchiv neulich aufgearbeitet und ins Internet gestellt worden sind. Ein Name, weiter nichts Wir berichteten über diese Arbeiten und publizierten unter anderem auch das Bild der Kleinen am Tisch. «Tochter von Maler Kraus» – das sind alle Informationen, die das Auftragsbuch des Fotografen hergibt. Was mag wohl aus dem Mädchen geworden sein, das einem aus dem noch jungen 20.Jahrhundert so ernst entgegenblickt? Unverhofft hat sich ein Fenster geöffnet – ein Fenster zum Leben des Kraus’schen Töchterchens auf der Fotografie. «Das Mädchen war meine Mutter», meldete sich eine Frau am Telefon. Eine Bekannte habe sie auf den betreffenden BZ-Beitrag aufmerksam gemacht, und tatsächlich – die über 100-jährige Fotografie zeige ihre vor 13 Jahren verstorbene Mutter. Das Bild im Goldrahmen Lokaltermin in Muri, in der Wohnung von Dorli Schmezer-Münger (83), die sich als Tochter des abgebildeten Mädchens zu erkennen gegeben hat. Ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester Irene Reinhard-Münger ist auch da. Erstere stellt ein kleines Bild in einem Goldrahmen auf den Tisch: Es ist ein Originalabzug der Fotografie, die «Maler Kraus» im Jahr 1908 im Atelier Bechstein von seinem Töchterchen anfertigen liess; das Bild wird in der Familie noch immer in Ehren gehalten. Der Name des Mädchens war, wie nun zu erfahren ist, Hedi. Aufgewachsen ist es an der alten Lützelflühstrasse in Rüegsauschachen, wo sein Vater eine Malerwerkstatt betrieb. Fritz Kraus war ebenso Kunstgewerbler wie Flachmaler, denn er wandte sein Können nicht nur an Hausfassaden, Türen und Fensterläden an, sondern auch an Eingangskulissen für den Circus Knie oder als Bühnenbildner in Bern. Ob seine Tochter, das Hedi also, etwas vom Künstlerblut des Vaters und Grossvaters – dieser war ein deutscher Kunstmaler – geerbt hatte? «Mutter hat so schöne Sachen gestickt», sagt ihre Tochter Dorli Schmezer und deutet auf eine Tischdecke, die mit pflanzlichen Ornamenten kunstreich und überaus exakt bestickt ist. In späteren Jahren habe sie sich dann auch noch der Porzellanmalerei zugewandt. Die beiden Schwestern betrachten nochmals die Fotografie im goldenen Rahmen. Beide sind sich einig: Lieblich – dieser Begriff treffe auf das kleine Mädchen wirklich zu. Monsieur wird zudringlich Aus dem lieblichen Mädchen wurde eine liebreizende junge Frau. Dem Monsieur der Familie, bei der sie ihren Welschlandaufenthalt machte, war das nicht entgangen. Das hübsche Emmentaler Meitschi gefiel ihm auf ungebührliche Weise gar wohl; es musste sich seiner Avancen mit einer vor die Schlafstube gestellten Kommode erwehren. «Wenn etwas passiert, gehe ich in die Emme», soll sie ihren Angehörigen daheim im Emmental mitgeteilt haben. Es «passierte» glücklicherweise nichts, aber vor Welschlandjahren blieben ihre Töchter später verschont. «Sie wollte nicht, dass wir dasselbe durchmachen müssen wie sie», berichtet Irene Reinhard. Ihren künftigen Mann lernte Hedi Kraus kennen, als sie in Bern in einer Bäckerei arbeitete. Dort war auch ein gewisser Otti Münger angestellt. Als Bäckermeister wollte er sich selbstständig machen und brauchte zu diesem Zweck eine tüchtige Frau an seiner Seite. Da er an seiner jungen Arbeitskollegin Gefallen gefunden hatte und sie an ihm, stand einer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg. Unter Diplomaten Die beiden heirateten und kauften an der Thunstrasse in Bern ein Haus mit Laden und mehreren Wohnungen. Dass in einer Bäckerei mitten im Botschaftsviertel nicht nur Brotgeruch, sondern auch der Duft der grossen weiten Welt weht, versteht sich von selbst. Viele Aufträge kamen von den Botschaften verschiedenster Nationen, zudem vermieteten Müngers eine Wohnung an Leute im diplomatischen Dienst. Den beiden Töchtern mangelte es so an vielfältigen Eindrücken nicht; noch heute ist ihnen vieles in lebhafter Erinnerung, etwa die polnische Familie jüdischer Abstammung, die nach der Eroberung Polens durch Nazideutschland plötzlich heimatlos geworden war, eine Ägypterin, die vom Geblüt her eine Prinzessin war, oder die Kunst, auf Japanisch bis zehn zu zählen – was sie nach wie vor beherrschen und auch gleich demonstrieren. Unschöne Herrenparty Wer das kleine Mädchen auf der Bechstein-Fotografie genau betrachtet, glaubt um den Mund auch die Andeutungen eines entschlossenen Zugs auszumachen. Für diese Eigenart spricht jedenfalls eine Episode, die sich Ende der 1930er-Jahre zugetragen hatte. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, schickten die in der Schweizer Botschaft tätigen Japaner ihre Frauen und Kinder nach Hause, weil man eine deutsche Invasion befürchtete. «Der Japaner, der nun alleine bei uns wohnte, lud Freunde zu sich ein, um zu trinken und zu festen», berichtet Irene Reinhard. Auch unternehmungslustige Damen hatten die fernöstlichen Herren organisiert. Die Fete wurde zusehends zur Orgie, was die Hausherrin schliesslich veranlasste, bei ihrem Mieter einzuschreiten. Dieser sagte jedoch nur: «Sie nicht reklamieren», schubste die Frau weg und feierte mit seiner Entourage weiter. Hedi Münger aus dem Rüegsauschachen, gewesene Kraus, liess sich das allerdings nicht bieten. Beherzt reklamierte sie beim Militärattaché persönlich. Der Erfolg blieb nicht aus: Der hohe Offizier stauchte seine entgleisten Mannen gehörig zusammen und entschuldigte sich in aller Form bei der Vermieterfamilie. Freiheiten für die Töchter Ein herausragender Wesenszug von Hedi Münger war nach Aussage ihrer Töchter die Grosszügigkeit – eine Qualität, die auch den Vater ausgezeichnet habe. «Wenn wir als junge Frauen privat ein Fest organisieren wollten, standen uns die Eltern nie davor; sie übernachteten einfach woanders und überliessen uns die Wohnung», erzählt Dorli Schmezer. Die beiden Schwestern geraten ins Schwelgen und Schwärmen, wenn sie von den Geselligkeiten berichten, die sie durchführten, und dem «netten Freundeskreis, in dem wir verkehrten». Auch der legendäre Klaus Schädelin, Verfasser von «Mein Name ist Eugen», gehörte dazu. «Einmal kam er als Beduine verkleidet an einen unserer Bälle», sagt Dorli Schmezer. Fürsorgliche Grosskinder So spielte sich der Lebensreigen im Haus an der Thunstrasse in seiner ganzen Bandbreite ab, und als Hedi Münger älter wurde – ihr Mann starb bereits rund 30 Jahre vor ihrem Ableben –, äusserte sie den Wunsch, dereinst zu Hause sterben zu dürfen. Das war ihr vergönnt – nicht zuletzt dank der Grosskinder, die im selben Haus wohnten und sie in ihren späten Lebensjahren begleiteten. Sie starb im Januar 1997 im Alter von 93 Jahren. Geblieben sind Erinnerungen – und eine goldgerahmte Fotografie, die ein kleines Mädchen am Anfang eines langen, ereignisreichen Lebens zeigt.Hans Herrmann>

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