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Dünne Luft, dünnes Eis, dünne Haut

peter wenger

Eigentlich ist die heilige Zeit vorbei, Weihnachten vorüber, der Ausverkauf durchwühlt, und die Osterhasen warten noch in den Kühlräumen auf wärmere Zeiten. Und doch liegt irgendwie Spannung in der Luft. Das Eis ist glitschig und dünn, so dünn wie die Haut vieler Menschen. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, Sätze vorsichtig formuliert, komplizierte Redewendungen zu Hilfe genommen. Die Situation erinnert an die Jahresabschlussgespräche, Qualifikations- oder Motivationstermine. Selbst ich spüre, dass meine Sprüche nicht so ankommen wie gewöhnlich, selbst ich komme ins Grübeln, wenn «träfe» Antworten etwas bissiger zurückkommen. Wird auch meine Haut dünner? Dabei bereite ich mich weder auf einen Wahlkampf vor, noch stehen bei mir grosse Investitionen an. Und meine Projekte wachsen kaum so hoch in den Himmel, dass die Luft dünn würde. Ich habe zwar einen grossen Estrich und Keller mit einigen voluminösen Erinnerungen, die darauf warten, von meinen Kindern als Sperrmüll entsorgt zu werden. Leichen aber finden sich keine darunter. Wie kommt es, dass wir so empfindlich geworden sind? Auf Kleinigkeiten reagieren wir, wie wenn es uns dabei ans «Läbige» gehen würde. Eigentlich sollten wir durch die ständige Flut von üblen Nachrichten einen sicheren Schutzwall um uns aufgeschichtet haben. Auf Erdbeben, Sturmfluten reagieren wir mit Spenden, die Terrorbekämpfung überlassen wir den Grossmächten, und die globale Klimaveränderung scheint uns noch weit weg zu sein. Gegen all dies schützt uns eine Haut wie die von Lederstrumpf, zäh und undurchdringbar scheint sie zu sein. Doch kaum geht es um unsere Person, wird die Haut dünn und porös. Wie Nadelstiche gehen oft belanglose Redensarten unter die Haut, wecken Widerstand, wo keiner nötig wäre. Sie arten zu Wortgefechten aus, die verletzen und Wunden aufreissen, die schwer vernarben. Da hilft keine Coolness mehr, keine faltenglättende Salbe, keine kosmetische Chirurgie. Partnerschaften werden plötzlich in Frage gestellt, enge Beziehungen verkommen zu unpersönlicher Sachlichkeit. Kinder sind trotz ihrer zarten Haut viel robuster. Beim Schneemannbauen sind sie sich nicht immer einig, und bei einer Schneeballschlacht geht es alles andere als zimperlich zu und her. Ihr Wortschatz wird klar und deutlich angewandt und ersetzt oft die mangelnde Treffsicherheit. Zerbricht dabei mal eine Scheibe, so bleibt doch die Seele heil. Was sich noch vor Minuten zu lauten Gefechten entwickelte, ist schneller, als die Gemeindemannen den Matsch von den Trottoirs gewischt haben, Schnee von gestern. Kinder fühlen sich kaum als Verlierer. Irgendwie schaffen sie es immer, als kleine Sieger vom Platz zu gehen, Kraft zu tanken für das nächste Spiel. Wir Erwachsenen spielen selten oder gar nicht mehr. Aus Spielen sind Herausforderungen, Projekte, Karrieren geworden. Hier darf man nicht unterliegen, gewinnen gehört zur Existenzfrage. Persönlicher Erfolg wird zur klaren Vorgabe. Kein Ziel ist zu hoch gesteckt. Die Luft wird dünner, die Chancen kleiner, und manch einer bewegt sich auf dünnem Eis und ist erstaunt, wenn dieses knackend Sprünge bekommt. In solchen Momenten braucht es nur wenig, und die dünne Haut wird durchlässig wie ein «Gaffeesibli». Wird dann ein bestimmtes Ereignis noch in aller Öffentlichkeit diskutiert oder kommentiert, ist es endgültig um das intakte Immunsystem geschehen. Von nun an wird zurückgeschossen, es werden Gegendarstellungen verlangt, Leserbriefe platziert, Rundmails machen sich auf die virtuelle Reise, der Rechtsweg wird angedroht. Furcht vor Konsequenzen sollte uns nicht davon abhalten, unsere Meinung kundzutun. Ehrlichkeit kann nur verletzen, wenn es ihr an Anstand und Achtung fehlt. Doch ganz so einfach ist es in der Praxis trotzdem nicht. Oft sind wir nicht bereit, andere Ansichten anzuhören, Kritik einzustecken. Als mich meine Tochter – beim «Zappen» sind wir bei der uralten Fernsehsendung «Ein Herz und eine Seele» hängen geblieben – mit dem Ekel Alfred verglich, war es auch bei mir mit all den Vorsätzen vorbei E-Mail: peter.wenger@quicknet.ch redaktion-bo@bom.ch>

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