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«Progr hat tote Gegend belebt»

Bevor im Progr gefestet wird, treffen sich am 6. September 2008 Experten in der Aula, um über Sinn und Unsinn eines kulturellen Zwischennutzungsbetriebs zu diskutieren. Für die Berner Zeitung sinnierten Progr-Experten schon im Vorfeld.

Eine kulturelle Zwischennutzung wie der Progr in den Räumlichkeiten des alten Progymnasiums am Waisenhausplatz sorgt für hitzige Debatten. Für die einen ist es ein Kultort, für die anderen ein Subventionen fressender Unort. Am Progr-Fest werden heute die Experten darüber diskutieren. Vorab haben dies die Progr-Leiterin Beate Engel, der Progr-Künstler Peter Aerschmann und der Basler Stadtgeograf Matthias Bürgin bereits getan.

Braucht die Stadt solche Zwischennutzungen wie den Progr?

Peter Aerschmann: Das ist die gleiche Frage wie «Braucht es Kultur?» Ja, und diese braucht einen Ort. Früher war für Kunstschaffende klar, dass sie nach der Ausbildung von Bern wegziehen mussten, da es hier keine Szene gab. Eine solche hat der Progr geschaffen. Die Berner Kulturszene wird wahrgenommen. Ich kann in Zürich vom Progr sprechen, und die Leute kennen den Ort.

Matthias Bürgin: Und warum? Weil ein solcher Kulturort Trends setzt und zur urbanen Essenz einer Stadt gehört. Der Boden in der Innenstadt wird teuer verwendet. Solche Zwischennutzungen ermöglichen, dass zu günstigen Optionen Kultur entstehen kann.

Beate Engel: Und diese Orte beeinflussen wiederum das ganze Umfeld. In kürzester Zeit haben sich nach dem Progr in dieser Strasse auch Galerien angesiedelt, und eine tote Gegend ist belebt worden.

Peter Aerschmann: Die Geschäfte an der Aarbergergasse haben plötzlich eine Rückseite und können auch an der Speichergasse ein Take-away betreiben.

Die Liegenschaftsverwaltung erhält vom Kulturbetrieb jährlich 600'000 Franken an Miete. Doch wer bezahlt diese? Kulturschaffende wie der Videokünstler Peter Aerschmann. Tagtäglich muss er sich für sein Progr-Dasein rechtfertigen.

Sitzen die Künstler für die subventionierte Miete einfach rum?

Peter Aerschmann: Kein Künstler sitzt nur rum und wartet auf den Ruhm nach dem Tod. Anstatt vereinsamt irgendwo zu arbeiten, können wir dank dem Progr wichtige Netzwerke schaffen. Meine Ateliernachbarn vertonen etwa meine Videos oder treten an meinen Vernissagen auf. Durch Führungen im Haus ergeben sich wichtige Kontakte. Zum Beispiel mit dem Konzerthausorchester in Berlin, für das ich nun ein virtuelles Bühnenbild gestalte.

Beate Engel: Viele der Eingemieteten sind heute viel professioneller. Zum Beispiel das Team vom Filmfestival Shnit. Dieses hat klein angefangen, und heute muss es auf andere Locations ausweichen. Unternehmerischen Erfolg haben auch die Konzertveranstalter Bee-flat oder die Turnhalle-Bar. So fliesst Geld in die Stadtkasse.

Der Progr ist für viele der In-Treffpunkt. 2009 oder 2010 wird das Kulturzentrum wegen Renovationen geschlossen.

Braucht es ein absehbares Ende, damit das Konzept funktioniert?

Peter Aerschmann: Es braucht dazu keinen Wechsel. Der Progr ist eine Basis und bietet eine Infrastruktur für uns Künstler. Starr würde dieser Ort nie werden, dafür sind die Kulturschaffenden selbst viel zu beweglich.

Matthias Bürgin: Das Hauptmerkmal einer Zwischennutzung ist die Neuinterpretation der Räume. Wenn der Progr wegen der nötigen Renovationen irgendwo einen Neubau erhielte, ginge die Atmosphäre verloren.

Beate Engel: Nein, ich glaube, dass der Progr auch woanders an einem leicht erreichbaren Standort funktionieren könnte. Er ist zu einer Art Label geworden. Und mit einem weiterentwickelten Programm, etwa mit Förderateliers auf Zeit, könnte man auch für einen kreativen Austausch sorgen.

Peter Aerschmann: Mit dem Standortwechsel bin ich nicht einverstanden. Eine Innenstadt braucht auch Kultur, nicht nur Kommerz.

Wenn das Volk Ja stimmt, beginnen 2011 die Umbauarbeiten, und aus dem Progr entsteht ein Gesundheitszentrum. Die Ateliers müssen dann weg.

Wie sieht die Zukunft aus?

Beate Engel: Eine Projektgruppe befasst sich mit dieser Frage. Ich bin überzeugt, dass die Energie, die hier entstanden ist, nicht einfach verpuffen kann. Darum hoffe ich auf die Unterstützung der Stadt, um zusammen mit unseren Künstlerinnen, Künstlern und Institutionen etwas Neues aufbauen zu können.

Peter Aerschmann: Ich habe den Progr an diesem Ort noch nicht aufgegeben, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Erstens braucht es noch einen Volksentscheid, zweitens hoffe ich sehr, dass sich die Stadträte nochmals intensiv mit dem Progr auseinandersetzen.

Matthias Bürgin: Ich glaube, dass ihr euch wie eine Amöbe teilen müsst und dass es an anderen Orten für euch weitergeht.

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