Weniger Heimweh dank Facebook

Bern

Sie lernte rasch Berndeutsch, weil sie das Gefühl des Nichtverstandenwerdens schrecklich fand: Anastasia Weisswange-Dovgaia aus Russland lebt seit 12 Jahren in der Matte und engagiert sich im Quartier.

Blick auf das Schwellenmätteli und die Aare: Anastasia Weisswange-Dovgaia in ihrer Wohnung in der Matte.

Blick auf das Schwellenmätteli und die Aare: Anastasia Weisswange-Dovgaia in ihrer Wohnung in der Matte.

(Bild: Urs Baumann)

Eines ihrer einprägsamsten Erlebnisse in der Schweiz hat nichts mit der Schweiz zu tun: Anastasia Weisswange-Dovgaia wollte gerade ihren 31. Geburtstag feiern – sie war das dritte Jahr in der Schweiz –, als eine Nachricht aus New York ihr und ihren Gästen die Partystimmung gewaltig zerschlug: Es war der 11. September 2001, der Tag der Anschläge auf das World Trade Center. «Noch heute denke ich daran», sagt Anastasia Weisswange, die es mag, wenn sie Nastia genannt wird. «Wenn auch nicht mehr so mit Schaudern. Schliesslich habe ich seither wieder manch schönen Geburtstag erlebt.»

Die 40-Jährige hat Kindheit und Jugend in Sankt Petersburg verbracht. Es waren die Jahre des grossen politischen Umbruchs. Die «wilden» Neunziger hätten ihr die Freiheit gebracht zu reisen, sagt sie. Dabei habe sie auch die Schweiz entdeckt, wo sie 1998 ihren Mann kennen lernte. Schon wenige Monate später heirateten der Psychiatriepfleger und die Absolventin der Sankt Petersburger Kulturhochschule – und zwar in Nastias Heimat: «Feiern, das können die Russen besser als die Schweizer», lacht sie.

Sie schätzt Zuverlässigkeit

Auf die Frage, ob sie sich nie einsam fühle hier in Bern, sagt sie: «Einsam sein, kann man überall. Nicht einsam sein hängt unter normalen Bedingungen von jedem selbst ab.» Spontaneität und Lockerheit, ja, das dürften die Schweizer schon mehr zulassen. Dafür schätze sie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und den geringen bürokratischen Aufwand hier sehr.

Die Wohnung der schweizerisch-russischen Familie ist voller Kunst, Literatur und Gegenstände verschiedener Kulturen. Ein alter, wuchtiger Schrank unterstreicht die jahrhundertealte Matte-Wohnung. Nastia ist Mutter von Dunja, die gerade in die Schule gekommen ist. Nastia möchte, dass ihre Tochter später an einem Wochentag die russische Schule in Bern besucht. «Damit sie sich mit ihrer Oma in Russland unterhalten und später wählen kann, wo sie leben will.»

Die russische Sprache liebkost diejenigen, die sie sprechen. Kein Wunder, dass Nastia nicht auf die melodiöse Sprache verzichten will: Seit einigen Jahren unterrichtet sie ihre Muttersprache an der Solothurner Volkshochschule. Sie spricht zudem sehr gut Berndeutsch. «Als ich neu in Bern war, traute ich mich kaum zu antworten, wenn ich angesprochen wurde», verrät sie. «Ich ging den Menschen aus dem Weg.»

Ein bisschen zerrissen

Das Gefühl des Fremdseins und nicht Verstandenwerdens sei schrecklich gewesen. Dies habe sie schnell Deutsch lernen lassen. «Damit ich endlich antworten konnte, wenn mich jemand auf der Strasse nach dem Namen meines Hundes fragte.» Dass sie an der Volkshochschule unterrichten könne, erfülle sie sehr. Lehren, dass die russische Sprache sechs Fälle hat und wie die Zeichen des kyrillischen Alphabets geschrieben werden, ist dreimal wöchentlich ihr Job.

Sie fühle sich in Bern wohl, sagt Nastia. «Klar, so ein bisschen zerrissen sind alle, deren Heimat woanders liegt als der Wahlwohnort.» Einen weiteren Beitrag zum alltäglichen Glücklichsein leiste der Schrebergarten, den sie gemietet habe. Und die verschiedenen Projekte, für die sie sich engagiere. «Durch Facebook und Skype kann ich mir sogar meine russischen Freunde nach Bern holen.»

Aktiv im «Wöschhüsi»

Schon seit der ersten Zeit hier ist Nastia aktiv: Sie half mit, im Quartierlokal «Wöschhüsi» in der Matte einen Sonntagsbrunch anzubieten. «Schliesslich wollte ich die Menschen kennen lernen, mit denen ich es von nun an zu tun hatte.» Der allererste Job in Bern sei Verkäuferin in der Bäckerei «E Ligu Lehm» gewesen. Deshalb also lernte sie so schnell Deutsch und Berndeutsch. Englisch habe sie auch beherrscht. «Aber», lacht sie, «dass ich gleich noch Brocken des Matteänglisch lernen würde, hätte ich nicht gedacht.»

Berner Zeitung

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