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Diesmal spiele ich das Opferlamm

Claude Hämmerly

Das Prozedere läuft eigentlich immer gleich ab: Am Telefon stellt sich eine fremde Stimme vor, eher in gehetztem Tempo, meistens zu einer Zeit, da der Suppenlöffel gerade zum dritten Mal den Weg in den Mund gefunden hat. Nicht schon wieder! Im Hintergrund hört man gedämpft viele weitere Stimmen. Es gehe nur etwa 7 Minuten, aber er wäre eigentlich dankbar, wenn er mir einige Fragen stellen dürfe. Ich könne versichert sein, dass die Angaben vertraulich behandelt würden. Mir kommt in den Sinn, wie ich als Student jedem Rappen, den Äpfeln, die niemand mehr wollte und den Kartoffeln nachgelaufen bin, um wenigstens so unser löcheriges Budget aufzubessern. Vielleicht ist der Anrufer in der gleichen Situation und verdient sein Semestergeld mit Marktforschung, item: Diesmal spiele ich das Opferlamm und lasse mich mit indiskreten Fragen durchlöchern. So stelle ich mir vor, müsse es nach einem Gewaltverbrechen bei einer polizeilichen Befragung zu- und hergehen. Wie viel ich verdiene, wie manches Kind an unserem Tisch mitesse, ob ich zwei oder drei Male im Jahr ins Ausland in die Ferien gehe, wie viel ich jährlich für gemeinnützige Organisationen ausgebe, wie alt das Auto sei. Ich bereue meine Bereitschaft zutiefst, mich in den Telefonschraubstock eingespannt haben zu lassen. Das Gespräch zieht sich zum Leidwesen meines anonymen Gesprächsgegenübers wohl ungebührlich in die Länge: Der Ärmste muss nämlich auf die kompliziertesten Fragen immer nur die kümmerlichen Antworten entweder Ja oder Nein ankreuzen. Die Suppe wird kalt, das wird mir langsam klar. Mit den Ferien sei es doch so, dass wir im benachbarten Ausland zwei Wochen einem Freund bei einer Dachreparatur mithelfen würden, ich weiss beim besten Willen nicht, ob das «Nurferien» sind oder nicht. Der Kerl wird nervös, zunehmend nervöser. Er weiss nicht, was ankreuzen. Und mit dem Nastuch sei es eben gerade so, dass ich einmal ein Stoff-, danach ein Papiernastuch benutze, je nach Schnupfen. Ob denn in seinem stupiden Fragenkatalog der Schnupfen einfach ausgeblendet wird. Und überhaupt interessiert mich, mit welcher Automarke er denn durch die Welt fahre. Der Teufel reitet mich: Mich beschäftigen auch die Vornamen seiner Kinder, ich erkläre ihm die ursprünglich griechische Bedeutung von Andreas und Irene. Ober er überhaupt verheiratet sei, denn, wenn er für ein Abzockermarktforschungsdingsbums meine Privatsphäre durchschnüffle, interessiere ich mich für sein soziales Umfeld, schliesslich bin ich Seelsorger. Auf meine Frage, wie viel er von der Auftragsfirma pro ausgefüllten Bogen verdiene und was er mit dem Geld gedenke, zu machen, gibt er keine Auskunft. Plötzlich bedankt sich mein Partner, der mir mittlerweile gar nicht so unsympathisch ist, bedankt sich mit offensichtlich zerknirschter Stimme und hängt auf. Warum hat der es plötzlich so eilig, ich verstehe die Welt nicht mehr? Meine Frau wärmt die Suppe und erkundigt sich, wer angerufen habe. Lästermäuler behaupten, meine E-Mail-Adresse, nämlich claudehy, sei einem Kriegsruf nicht unähnlich. Dabei setzt sich die Adresse einfach aus meinem Vornamen und dem ersten und dem letzten Buchstaben des Familiennamens zusammen, hat also überhaupt nichts mit dem Antreiben eines ermatteten Ackergauls zu tun. Offensichtlich sind sich da diverse Firmen nicht einig. Die Telefonattacken haben etwas nachgelassen. Ich stelle mir in einem wüsten Albtraum vor, dass der Interviewer mit dem ausgeblendeten Schnupfen auf dem Formular mein Konsumentenprofil weiterverkauft hat: ans Internet. Jetzt muss ich mit Ananassaft abnehmen, sofort Geld in einen Fonds einbezahlen, Bücher ohne Porto kommen lassen, und vor drei Tagen habe ich dank meines Schlachtrufes und dessen geheimer Auslosung in Spanien 1,5 Millionen Euro gewonnen. Sie schleichen durch die elektronische Abwehr, diese grob gezimmerten Würgeschlingen und Fallen. Endgültig wütend werde ich, wenn claudehy vorgehalten wird, dass er entweder mit afrikanischen Wurzeln oder schnödem Viagra dem Eheleben eine akzelerierte Dimension verleihen muss. Und jetzt weißt du, lieber Leser, liebe Kassenfrauen- und Männer auf der ganzen Welt, warum ich keine Cumulusprofitprozentreduktionstreuekarte will, nie und nimmer. Claudehy bittet, tatsächlich schon ein wenig ermattet, dass man ihn in Ruhe lässt. E-Mail: claudehy@gmx.ch redaktion-bo@bom.ch>

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