Zum Hauptinhalt springen

Die Unterstützung durch die Eltern ist meistens ziemlich bescheiden

kindergartenWenn Kinder aus anderen Sprachräumen

«Frau Jost, kommen Sie bitte! Maja lässt immer den Rollladen herunter» – «Frau Jost, Maxi schlägt Luca immer auf den Kopf». Trotzdem sagt Barbara Jost, die seit drei Jahren am Kindergarten Lengnau unterrichtet: «Das soziale Zusammenleben funktioniert in diesem Jahr sehr gut.» Das ist nicht immer so. Im letzten Jahr hatte sie 18 Kinder in ihrer Klasse. «Ein Mädchen brauchte Dauerbetreuung mit Körperkontakt», beschreibt die Kindergärtnerin eine besondere Behandlung – «ich musste dem Mädchen die Hand auf die Schulter legen.» Zwei Drittel der Kinder in dieser Klasse hatten Mühe mit dem Umgang. Anspucken und gegenseitiges Aufwiegeln waren alltäglich. «Ich war ständig am Schlichten und konnte mich nicht mehr hundertprozentig auf den Unterricht konzentrieren», erinnert sich Barbara Jost und ergänzt: «Ein Kind, das ‹zleid wärched›, genügt, um eine ganze Klasse unführbar zu machen.» Nach dieser Erfahrung bat die Kindergärtnerin um Unterstützung. Der Hilferuf Den Hilferuf habe man bei der Schulleitung nicht nur gehört, sondern es wurde gehandelt. Rasch und unbürokratisch sei die Hilfe erfolgt. «Dafür muss ich der Gemeinde Lengnau ein Kränzchen winden», lobt Barbara Jost, die 1999 am Seminar Solothurn diplomiert worden ist. Wäre sie von den Schulbehörden der 4600-Seelen-Gemeinde Lengnau über längere Zeit allein gelassen worden, hätte sie sich den Wegzug überlegt. Die SOS-Lektionen Eine zweite Kindergärtnerin zu Beginn der Schulzeit, beispielsweise für das erste Quartal, würde Jost begrüssen. Als Hilfsperson bei besonders schwierigen Klassen würde sie sich einen Kollegen wünschen, «denn etliche der Kindergärteler wachsen ohne Vater auf.» Auch Senioren als Betreuer könnte sich die Lengnauer Schulleiterin Marianne Furer vorstellen; allerdings nur wenn diese «gut eingearbeitet und entlöhnt werden». Eine Lösung wäre für sie auch eine Ausdehnung der SOS-Lektionen, sodass zu Beginn des Schuljahres vermehrt Unterstützungspersonal eingesetzt werden könnte. Die Eltern Aktuell betreut Barbara Jost in ihrer Klasse, welche zwei Jahrgänge umfasst, 19 Mädchen und Knaben; fremdsprachig sind 13 Kinder. Sie heissen zum Beispiel Aslim, Kalyiana, Daria, Raffa, Onur, Ernesto, Maja, Michelle, Nick, Agnesa, Giulia oder Yannick. Trotz verschiedenen Nationalitäten funktioniert das soziale Zusammenleben meist gut. «Etliche dieser Kinder müssen sich jedoch zuerst in unsere Kultur einleben», erklärt Kindergärtnerin Barbara Jost. Kinder mit hohem Migrationshintergrund sind in den Klassen ebenso vertreten wie traumatisierte Mädchen und Knaben. Traumatisierte werden zur Abklärung an die Erziehungsberatung überwiesen, «falls die Eltern dazu Ja sagen». Doch leider habe die Unterstützung durch die Eltern oft an einem kleinen Ort Platz, wissen Furer und Jost aus Erfahrung. Die Traumatisierung Kinderleicht ist die Arbeit der Lehrkraft auf der ersten Stufe der obligatorischen Schulzeit nicht. Ein Mädchen aus einem andern Land, das erst seit wenigen Wochen in Lengnau wohnt, braucht eine besonders intensive Betreuung. Das Kind ist kriegstraumatisiert. Andere Kinder tun sich selbst weh, indem sie etwa absichtlich gegen die Wand laufen. «Manche Kinder machen noch in die Hose, weil sie nicht gewohnt sind, allein auf die Toilette zu gehen», erklärt Barbara Jost. Wenn ich dann mit diesem Kind zur Toilette gehe, muss ich den Rest der Klasse alleine lassen – «ich höre die Kinder, aber ich sehe sie nicht». Da kann es schon mal passieren, dass eine Situation eskaliert. «Weil in einer Klasse ein Kind einem anderen mit einem Farbstift dermassen heftig in den Finger gestochen hatte, mussten wir zum Arzt», erzählt die Kindergärtnerin. Meist bleibt es bei Sachschäden – ein Knabe hat bei den Schuhen eines Kollegen das Fell abgeschnitten. Der Spezialunterricht Probleme kennt Barbara Jost zwar auch mit gebürtigen Schweizer Kindern, doch die Arbeit mit den fremdsprachigen ist ungleich aufwendiger. «Einige wollen nicht verstehen. Wenn ich sage: ‹Steh auf›, schaut mich das Kind nur an, reagiert aber nicht. Erst mit Handzeichen klappts», erzählt Jost. Mit ein Grund, weshalb die Lehrerin Kindern Verantwortung überträgt. Einige Kinder übernehmen die Verantwortung mit natürlicher Autorität. Ein Mädchen nimmt ein anderes bei der Hand, weil dieses nicht Deutsch kann und deshalb den Auftrag der Lehrerin nicht verstanden hat. Übrigens: Die fremdsprachigen Kinder erhalten jede Woche viereinhalb Stunden Deutschunterricht. «Zum Teil besuchen aber auch Schweizer Kinder diesen Spezialunterricht», ergänzt die Kindergärtnerin. Das Zusammenleben Dass Barbara Jost den Unterricht in zwei Räumen führt, hat pädagogische, soziale und praktische Gründe. Das Verhalten und der Wissensstand der 19 Kinder differiert stark. Noch vor zehn Jahren konnten die Kindergärteler annähernd gleich viel, als sie in den Kindergarten eintraten, Heute sind die Unterschiede enorm: Die einen können bereits lesen und schreiben, die andern haben noch Mühe, einen geraden Strich zu zeichnen. Gruppenarbeit bringt Ruhe in die Klasse. Fünf Mädchen sind an einem Tisch mit Basteln beschäftigt; sie arbeiten ruhig und konzentriert. «Wenn ich mit den Kindern allein bin und Ruhe haben will, muss ich Gruppen zusammenstellen, die harmonieren», erklärt Barbara Jost. Ein Mädchen sitzt allein an einem Tischchen und spielt Lego. Eine Vierergruppe arbeitet zusammen an einem Auftrag, der nicht von allen gleich verstanden wurde. Doch eine längere Diskussion bringt Klarheit. Etliche Kinder lernen erst im Kindergarten, was soziales Zusammenleben ist. Urs EgliAnmerkung der Redaktion: Die Namen der Kinder in diesem Text sind frei erfunden. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch