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Die letzten Stunden der Jeanne d’Arc

Der Orpheus Chor bringt das Oratorium «Voices of Light» mit dem Stummfilm «La passion de Jeanne d’Arc» zum Klingen.

Da sitzt sie auf ihrem Stuhl, verhöhnt und erniedrigt von den Geistlichen, die ihr den Prozess machen. Ein Geflecht liegt auf ihrem Haupt, das leicht zur Seite geneigt ist. Tränen laufen ihr über die Wangen, der leidende Blick geht ins Leere. «La passion de Jeanne d’Arc», der Stummfilm des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer, dokumentiert das Schicksal des Hirtenmädchens, das zur Märtyrerin wurde. Eine göttliche Vision hatte die Jungfrau von Orleans (1412 bis 1431) ins Getümmel des Hundertjährigen Kriegs geführt, wo sie die Franzosen zum Kampf gegen die englischen Belagerer trieb, bevor sie gefangen genommen und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Dreyers Werk von 1926 legt den Fokus auf den Inquisitionsprozess, erzählt in ausdrucksstarken Grossaufnahmen von der seelischen Zerrüttung der Angeklagten (Maria Falconetti), lädt sie auf mit einer Bild- und Symbolsprache, die den Leidensweg Jesu Christi evoziert. Die 1981 aufgetauchte Originalversion des Films inspirierte den amerikanischen Komponisten Richard Einhorn zu einem Oratorium, unterlegt mit lateinischen und altfranzösischen Texten, die das Passionsgeschehen aus unterschiedlichen Perspektiven reflektieren. Verdienstvolles Projekt Dank Rudolf Rychard, Leiter des Berner Orpheus Chors, ist das Werk «Voices of Light» nun erstmals in der Schweiz zu hören. Der Orpheus Chor, das Orchester Opus und die fünf Solisten Simone Rychard (Sopran), Marysol Schalit (Sopran), Astrid Pfarrer (Mezzosopran), Christoph Metzger (Tenor) und Roger Bucher (Bariton) interpretieren das Oratorium parallel zum Passionsfilm, projiziert auf eine Leinwand in der Französischen Kirche. Ein ebenso aufwändiges wie verdienstvolles Projekt, das Bild und Musik zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk verbindet. Schlichte Harmonik Dass die Aufführung zum Ereignis wird, liegt nicht zuletzt an der Zurückhaltung der Beteiligten. Bereits der Film selbst gibt sich asketisch-streng, ohne je ins Frömmlerische zu verfallen. Dasselbe gilt für Einhorns Musik mit ihrer schlichten Harmonik im Geist der Renaissance. Sie illustriert nicht die Filmszenen, vielmehr schafft sie eine Grundstimmung von meditativer Melancholie, die unter Rychards umsichtiger Leitung noch um einiges dezenter und transparenter erscheint als in der bisher einzigen Einspielung von 1995. Rychards pulsierende Deutung bringt jene seelische Landschaft zum Klingen, die Dreyer einst im Gesicht der Protagonistin aufspürte. Und man lässt sich einnehmen von dieser Musik, auch wenn sie mitunter fast schon irritierend schön wirkt angesichts dessen, was auf der Leinwand zu sehen ist. Oliver MeierWeitere Aufführung: heute um 19.30 Uhr in der Französischen Kirche Bern. >

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