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Die Jagdsaison eins nach dem Oscar

Jagd frei auf die Delfine. Seit dem 1.September sind in Japan wieder

Ich traue meinen Augen nicht, als ich auf meiner «Patrouillenfahrt» bei der Bucht von Taiji ankomme. Schon von weitem ist eine ganze Reihe von Leuten zu sehen, die oben am Geländer stehen und zum Wasser hinunterblicken. Bereits aus dem fahrenden Mietwagen heraus kann ich nach wenigen Sekunden erkennen, dass die berüchtigte kleine Bucht in Südjapan, wo jährlich Tausende Delfine abgeschlachtet werden, mit Netzen abgeriegelt ist. Darin gefangen schwimmt eine grössere Delfinschule nahe an den Netzen völlig gestresst hin und her. Die Tümmler scheinen noch immer nicht zu begreifen, wie ihnen geschehen ist. Die Lärmmauer Früh am Morgen wurden sie im Pazifischen Ozean vor der Küste von Taiji von einer ganzen Reihe von Booten der Delfinjäger abgefangen. Die Jäger hämmerten auf massive Metallstangen und erzeugten eine Art Lärmmauer, welche die akustische Verständigung der Delfine unter Wasser verunmöglichte. Die verschreckten Tiere gerieten in Panik, sie wollten dem Lärm entfliehen. Das nutzten die Jäger geschickt aus. Mit ihren Schnellbooten trieben sie die Delfine vor sich her – immer näher gegen die Küste. Bis die Meeressäuger schliesslich völlig erschöpft in der kleinen Bucht endeten, gefangen in den Netzen. So funktioniert die Delfintreibjagd in Japan. Heute waren die Jäger besonders effizient und früh dran. Rund sechzig Tümmler haben sie eingefangen, so schätze ich. Das ist jene Art, die sich für Delfinarien am besten eignet. Sie sind besonders lernfähig, friedfertig und vor allem zäh. Sie überleben unter den schrecklichen Bedingungen, die in jedem Delfinarium herrschen, am längsten. Was wird geschehen? Nun heisst es abwarten. Die verstörten Tiere bleiben bis am kommenden Morgen hinter den Netzen eingepfercht. Dann kommen die Delfintrainer und -händler. Sie werden die geeigneten Tiere für Delfinarien aussuchen; es werden vor allem jüngere Weibchen sein, die noch wenig Narben tragen und friedfertiger sind als ihre männlichen Artgenossen. Die sozialen Tiere werden den traurigen Rest ihres Lebens in winzigen Betonbecken fristen müssen, entrissen aus ihrer natürlichen Gemeinschaft, der Delfinschule. «Walfang mit verzögerter Todesfolge.» So bezeichnet Sigrid Lüber, Präsidentin von Ocean-Care, der Schweizer Organisation zum Schutz der Meeressäuger und ihrer Lebensräume, diese Art von Delfinfang. Meist sterben die Delfine, welche zu den kleinen Zahnwalen gehören, in Gefangenschaft viel früher als frei im Ozean. Am kommenden Morgen stehen wir um 5.30 Uhr wieder an der Bucht. Niemand behelligt uns. Es ist erstaunlich ruhig. Unten am Strand aber warten an die dreissig Delfintrainer auf ihren Einsatz: die Auslese. Dann geht es los, Motorbootlärm zerreisst die gespenstische Ruhe, in der man sogar das gepresste Atmen der angstvollen Meeressäuger hört. Die Trainer werden in die Todesbucht hinübergefahren, einen nicht einsehbaren Seitenarm der Bucht, wo die Auslese stattfindet. Das dauert Stunden. Was wird mit den restlichen Tieren geschehen? Werden sie wie in früheren Jahren abgeschlachtet? Leise Hoffnung Das bange Warten ist fast unerträglich. Boot um Boot verlässt die Bucht mit lebender Fracht – Delfine, zu beiden Seiten des Boots in enge Bahren gezwängt – und schleppt diese zu den Delfingehegen im schmutzigen Hafenwasser von Taiji. Dann plötzlich verlassen alle Trainer die Bucht. Es ist wieder so ruhig, dass man das Atmen der restlichen Tümmler hören kann, die nicht zur Auslese kamen. Jetzt kehren die Delfinjäger zurück – und sie öffnen die Netze. Tatsächlich lassen sie die Delfine frei. Erleichtert atme ich auf. Wäre es nicht um unserer Anwesenheit und der Aufmerksamkeit willen, die der oscarprämierte Enthüllungsfilm «Die Bucht» erzeugt hat, wären diese Tiere jetzt alle tot. Eine leise Hoffnung keimt in mir auf. Doch, es macht einen Unterschied, dass ich da bin und ein Auge auf das Geschehen hier behalte. Aber es bleibt viel zu tun. Sehr viel. Der Delfinverband, der jetzt ins offene Meer zurückflieht, ist sozial zerstört. Und die Jagdsaison dauert noch bis im Februar 2011. Ab Oktober soll es rauer werden. Dann beginnt das Töten, so höre ich gerüchteweise. Vielleicht warten die Delfinjäger nur ab, bis sich die lästigen «westlichen» Beobachter zurückgezogen haben. Doch wir werden stets jemanden vor Ort behalten. Hans Peter Roth Hans Peter Roth ist freier Journalist aus Schwanden/Sigriswil und gemeinsam mit Richard O’Barry Co-Autor des Buches zum Film «Die Bucht» (erschienen beim Delius-Klasing-Verlag). Zurzeit ist er in Japan und schreibt für den BO sporadisch über das Geschehen vor Ort. Siehe auch www.diebucht.ch und www.oceancare.org. >

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