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Des Gesslers Bild im Pfeilhagel der Kadetten

Ich bin Gessler. Oder besser gesagt sein Abbild. Normalerweise werden Bilder angeschaut. Doch ich bin in dieser Hinsicht etwas speziell. Ich werde zuerst beschossen, und dann erst angeschaut. Beim Täntsch gegenüber dem Knabenschützenhaus harre ich meines Schicksals. Es wird besiegelt durch die Armbrustschützen des Thuner Ausschiessets. Unablässig nehmen sie mich zuerst ins Visier und dann unter Dauerbeschuss. Ihr Ziel: die Medaille auf meinem Herz. Vor mir auf der Burgstrasse johlen Hunderte. Der Fulehung verteilt ein letztes Mal Schläge, bevor es mir an den Kragen geht. Im Knabenschützenhaus wandern die Köpfe hin und her. Die erste Schützin tritt mit gespannter Armbrust ans Fenster. Es ist so weit. Die Menschenmasse giert nach Volltreffern. Nur ein löchriger Gessler ist ein guter Gessler, lautet ihr Motto. Wilhelm Tell hat den Gessler vor über 700 Jahren in der Hohlen Gasse bei Küssnacht am Rigi mit einem Pfeil aus seiner Armbrust erschossen. Seither geistert die Legende des unbeliebten Reichsvogts durch die Köpfe der Menschen. «Gab es ihn wirklich», so fragen sie, «diesen Gessler, diesen Bösewicht und Feind der Eidgenossen?» Die Historiker streiten sich noch heute darüber, ob er je real existiert hat. Sympathischer bin ich den Leuten seit Gesslers vermutetem Tod jedenfalls nicht geworden. In Thun bin ich heute immer am letzten September-Dienstag des Jahres die Zielscheibe der Schiesslustigen und der Verfechter (extrem) später Rache. Die Pfeile fliegen auf mich zu und treffen mich in Kopf, Körper und Beine. Der Tell tigert mit Walterli vor mir hin und her und fuchtelt mit Tafeln. Schwarz auf weiss zeigt er, wenn mein Pferd einen Pfeil kassiert. Ein weisses Kreuz auf rot mit hastiger Auf-und-ab-Bewegung bedeutet für mich Aufatmen: Der Schuss ist danebengegangen. Ein weisses Kreuz auf rot mit der genauen Einschussstelle wird angezeigt, wenn, naja, Sie wissen schon Eine Verschnaufpause wird mir gegönnt, als sich plötzlich eine TV-Reporterin in die Schussbahn zwischen Schützenhaus und Täntsch begibt. Die Gute hätte von mir aus gern noch ein paar Minuten länger dort bleiben können. Aber nein, der Schwyzermaa muss sie ja mit seinem penetranten Blashorn gleich vertreiben. So kommt es, dass ich den exakt 100 Armbrustschützen weiterhin schutzlos ausgeliefert bin. 78 Pfeile habe ich bis jetzt gezählt. Bleiben 22, bis der Beschuss ein Ende nimmt. Jetzt ist eine junge Dame an der Reihe. Sie trifft mich so genau, dass Schützenleiter Markus Wind und der Tell mich ganz genau unter die Lupe nehmen müssen. Im Knabenschützenhaus, so hört man munkeln, werden Zehnernoten verteilt. Die Sofortbelohnung gibts für jene, die eine Mouche schiessen. Wer in die Nähe meines Herzens kommt, kann also schnelles Geld verdienen. Viele schaffen es nicht. Noch einmal aber wirds kritisch. Aus den letzten zehn Schützen wollen es zwei von ihnen wissen: Anna-Katharina Egli und Max Bögli. Ich höre aus 30 Meter Entfernung den Jubel des Letztgenannten. Nun, ich hoffe für ihn, dass er sich nicht zu früh gefreut hat. 100 Pfeile sind geschossen. Aus, Ende, vorbei. Der Schwyzermaa bläst fünfmal ins Horn, die Schaulustigen spenden einen herzhaften Applaus. Ich warte unterdessen – völlig durchlöchert – dort, wo ich vor dem Armbrustschiessen montiert worden bin: am Täntsch. Ein paar Minuten später schreiten sie alle auf mich zu: der Fulehung, der Schwyzermaa, der Schwyzerbueb, der Tell und der Walterli. Zusammen mit all diesen Schurken posiere ich jetzt noch für ein Foto mit der Siegerschützin Celine Stump (14). Ach, wie tut mein Herz so weh, wenn ich den Pfeil dort drinnen seh! Der Ausschiesset 2010 ist vorbei. Fast. Celine nimmt mich mit an den Schlussumzug, der durch die Hauptgasse, übers Bälliz bis auf den Rathausplatz führt. Ein letztes Mal werde ich durch die Massen getragen, die mich vom Strassenrand aus bejubeln. Wohl weiss ich, dass ihre Aufmerksamkeit nur bedingt mir gilt. Aber immerhin, sagt des Gesslers Bild. Mein letzter Stolz im Rampenlicht, bevor ich ein Schattendasein an einer Stubenwand antrete. Mein Platz am Täntsch gehört meinem Nachfolger, dem es 2011 hoffentlich nicht viel besser ergehen wird. Dino Dal Farra>

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