Zum Hauptinhalt springen

Der verlorene Sohn

Christoph Müller

Am vergangenen Montag wurde in Berlin der 20.Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Am Dienstag trat der ehemalige Soziologieprofessor, Nationalrat und UNO-Sonderbotschafter zusammen mit dem Journalisten Erich Gysling an der Krebser-Literatur-Soirée im vollbesetzten Thuner Burgsaal auf (Franziska Streuns ausführlicher und sehr lebendiger Bericht war im TT vom Donnerstag zu lesen). Haben die beiden Ereignisse einen Zusammenhang? Jedenfalls kann ich mir schlicht nicht vorstellen, dass vor 20 Jahren sich in Thun 450 Leute zu einem Anlass mit Jean Ziegler eingefunden hätten. Nicht dass er damals noch weniger bekannt gewesen wäre. Über ihn zu schimpfen war nämlich durchaus verbreitet, aber ihm einen ganzen Abend lang zuhören? Gott bewahre! Dass ausgerechnet ein ehemaliger Thuner Kadetten-Hauptmann solch strube Sachen verbreitete, machte die Sache eher schlimmer, als dass es als mildernder Umstand gewertet worden wäre. Was hat sich geändert? Nun, Jean Ziegler ist 75 geworden, und einem älteren Herrn begegnet man mit etwas mehr Respekt als einem jungen Schnuderi (er war seinerzeit mit 33 der bei weitem jüngste Nationalrat). Seine Ernennung zum UNO-Sonderbotschafter durch den hoch geachteten Generalsekretär Kofi Annan den Schweizern ein Zeichen, dass in diesem Ziegler vielleicht doch etwas mehr steckt als einfach nur ein Nestbeschmutzer. Aber mit demEnde des Kalten Krieges hat die gewachsene Wertschätzung seiner Heimatstadt für Jean Ziegler eben auch etwas zu tun. Dieses war nicht nur das Ende des «real existierenden Sozialismus» und der Berliner Mauer, es war auch das Ende der Mauern in vielen Köpfen. Die Weltsicht im Kalten Krieg war hüben und drüben weitgehend schwarz-weiss bzw. rot-weiss. Anstatt jemandem zuzuhören, wollte man zuerst wissen, in welches Lager er gehörte. Und da schien Jean Ziegler ins falsche zu gehören, obwohl er mit dem Kommunismus osteuropäischer Prägung nie was am Hut hatte (dass er allerdings Kuba aus seiner Kenntnis all der Elendsstaaten der Dritten Welt anders beurteilt als wir aus der Sicht einer gefestigten Demokratie, ändert daran nichts). Einige Linke mussten sich nach dem Kalten Krieg eingestehen, dass selbst ihre sehr beschränkte Solidarität gegenüber «sozialistischen» osteuropäischen Regimes noch fehl am Platz gewesen war. Einige Rechte hingegen mussten feststellen, dass das Ende des Staatssozialismus allein weder die Menschenrechtslage verbesserte noch Schlamperei und Korruption beseitigte. Und dass aus strammen Kommunisten oft genug widerliche Nationalisten wurden, erstaunte wohl beide Seiten. Generell sind sicherdie Gedanken in den letzten 20 Jahren freier geworden, und so kommen 450 Leute (eine unglaubliche Zahl für eine reine Wortveranstaltung), um einem zuzuhören, der erst noch als rotes Tuch galt, obschon er seiner Heimatstadt immer sehr zugetan war. Auch mich hat Jean Ziegler am Dienstag beeindruckt. Selbst wenn er gedanklich in atemraubendem Tempo um die ganze Erde sauste, verlor er den Faden nicht (wobei ihn hier Erich Gysling auch sehr unterstützte). Sein philosophisches und ethnologisches Wissen ist phänomenal. Früher kam er mir gelegentlich als Schwadronierer vor und schien mir gedanklich weniger präzis. Der Publizist Al Imfeld sagte ja einmal (ich zitiere aus dem Gedächtnis), Jean Ziegler sei eben wie ein biblischer Prophet: Wenn in der Bibel stehe, Noah sei 950 Jahre alt geworden, dann wisse jeder, dass das nicht für bare Münze zu nehmen sei. Es bedeute einfach, Noah sei sehr alt geworden. Und wenn Jean Ziegler von 200 Milliarden rede, dann heisse das einfach sehr viel Geld. Mich dünkt zwar, er werde in letzter Zeit weniger wegen falscher Zahlen und Fakten angegriffen. Ich kann mir auch vorstellen, dass er dank dem UNO-Mandat über mehr Ressourcen verfügte, um seine Aussagen richtig zu untermauern. Ich bin längst nicht immer einverstanden mit seinen Argumentationen, und doch bin ich überzeugt, dass die Welt sicherer wäre, wenn man mehr auf diesen Mann hören würde. Für mich ist es nicht die ganze Wahrheit, aber ein wichtiger Teil der Wahrheit eben schon. Ich habe vor drei Jahren hier mal geschrieben, dass man in Europa selber auf grässlichste Weise erfahren habe, wie ein ins Elend getriebenes Volk (die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg) in den Fanatismus abgleiten kann. Diese Lehre hat man nach dem Zweiten Weltkrieg bezüglich Deutschland kapiert. Was den Süden betrifft, ist das immer noch völlig ungenügend der Fall. Deshalb ist es ja wunderbar, dass Thun seinen verlorenen Sohn wieder aufnimmt und anerkennt (das war ja schon mit dem Thun-Preis der Fall, den Jean Ziegler in diesem Frühjahr bekommen hat); aber an der Welt ändert das noch nichts. Doch es ist immerhin ein Anfang. P.S. Ab und zu unterlaufen Jean Ziegler immer noch grobe Fehler. Etwa wenn er behauptet, der schweizerische UNO-Botschafter Peter Maurer stamme aus Hünibach. Dabei ist dieser wie ich im Seefeld aufgewachsen. E-Mail: chmuellerthun@datacomm.chredaktion-tt@bom.ch>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch