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Der Schotte, der keinen Whisky trinkt

tennisAndy Murray, gestern am ATP-Final 4:6, 5:7-Verlierer gegen David Ferrer, wirkt oft mürrisch und unnahbar. Der Versuch einer Annäherung an den Schotten mithilfe

Andy Murray wirkte gestern auf dem Centre-Court alles andere als lustvoll. Mit ernster Miene ging er seiner Arbeit nach – und diese Arbeit war hart und schmerzhaft, zumal er an Leistenbeschwerden leidet. Der Schotte (ATP 3) unterlag am ATP-Finalturnier in London dem spanischen Dauerläufer David Ferrer (ATP 5) 4:6, 5:7 und erzählte danach, es sei nicht sicher, ob er am Mittwoch den nächsten Match bestreiten könne. Die Leistung Murrays war unterdurchschnittlich, sein Auftritt hingegen nicht ungewöhnlich. Sein Benehmen erscheint zuweilen rüpelhaft, obwohl er nicht unsympathisch ist. Das dürfte damit zusammenhängen, dass sich der 24-Jährige in seiner Rolle nicht immer wohlfühlt. Einerseits ist er kein Showman wie Novak Djokovic, anderseits steht er unter Druck wie kein anderer Tennisprofi. Grossbritannien wartet seit 1936 auf einen Grand-Slam-Sieger, und die vielen sich konkurrenzierenden Zeitungen auf der Insel sorgen dafür, dass die Erwartungen an den Hoffnungsträger ins Unermessliche steigen. Weil sich Murray oft missverstanden fühlte, liess er schon 2008 eine Autobiografie veröffentlichen, die später noch aktualisiert wurde. Anhand von Zitaten aus diesem Buch lässt sich aufzeigen, dass Andy Murray kein Tennisprofi wie jeder andere ist. «Als Junior war ich manchmal mit britischen Teams unterwegs, und die anderen Briten wollten, dass ich verliere.» Nachdem sein älterer Bruder Jamie an einem Stützpunkt schlechte Erfahrungen gemacht hatte, ging Andy Murray einen anderen Weg: Er dislozierte nach Barcelona, wo er grosse Fortschritte machte. Der Neid seiner Kollegen war der Dank für die harte Arbeit. «Ich weiss, es ist schlimm – zwei kleine Mädchen, und ich konnte sie nicht gewinnen lassen.» Der Ehrgeiz des Schotten ist, so gibt er in der Autobiografie zu, beinahe krankhaft. Selbst den Töchtern seines früheren Coachs Mark Petchey liess er auf einem Kindervelo nie den Vortritt. Bruder Jamie liess ihn, dem Frieden zuliebe, beim Monopoly meistens gewinnen. «Meine Mutter wurde einmal als Juniorin disqualifiziert, Grossmutter war derart empört, dass sie ohne meine Mutter nach Hause fuhr. Den Jähzorn gibt es also definitiv in meiner Familie, aber man muss ihn unter Kontrolle halten.» Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Dass Judy Murray über viel Temperament verfügt, wird immer wieder ersichtlich, wenn sie im Fernsehen nach einem Punktgewinn ihres Sohnes eingeblendet wird. Im Bereich der Selbstkontrolle hat die Nummer 3 der Welt freilich grosse Fortschritte erzielt; die Wutausbrüche auf dem Tennisplatz sind rar geworden. «Für mich ist Dunblane immer noch einer der sichersten Orte der Welt. () Ich denke, ich habe Glück, dass ich mich nicht ans Massaker erinnere.» Murray war noch nicht 6-jährig, als ein geistig fehlgeleiteter Mann an der Primarschule in Dunblane 16 Kinder und eine Lehrerin erschoss. Der Tennisprofi äussert sich nicht mehr zu diesem traurigen Ereignis, an das er anders als sein Bruder keine prägende Erinnerung hat. «Ich spiele nicht Tennis, um populär zu sein. () Wenn es in einem Haus einen roten Teppich hätte, würde ich wohl um ihn herumgehen.» Den Prominentenstatus betrachtet Andy Murray als Bürde, Auftritte abseits des Courts als Pflichttermine. Immerhin: An die Interviews hat er sich gewöhnt – obwohl er glaubt, die langweiligste Stimme in Grossbritannien zu haben. Anders als Roger Federer sucht der Gewinner von 21 ATP-Turnieren nicht die Nähe anderer Stars. Er ist stolz darauf, immer noch dieselben Freunde zu haben wie früher. «Das Letzte, was ich tun will, ist, auszugehen und nach Frauen Ausschau zu halten.» Er sagt dies im Wissen, dass er sich in dieser Hinsicht von vielen Gleichaltrigen unterscheidet. Murray, dessen Eltern geschieden sind, ist seit langem mit Kim Sears liiert, und diese Beziehung will er nicht aufs Spiel setzen. «Ich hasse den Geschmack von Alkohol. Ich mag nicht einmal Champagner. Für mich ist Bier eklig, und Whisky habe ich noch nie versucht.» Für einen Schotten gehört Mut dazu, dies zu sagen. Daran fehlt es Andy Murray nicht. Er scheut sich auch nicht, den britischen Verband und Profis aus der Heimat zu kritisieren. Doch meistens schaut er nur auf sich und arbeitet für das grosse Ziel, einen Grand-Slam-Titel zu holen. Den Glauben, es erreichen zu können, hat er seit dem ersten Sieg gegen Federer. Dem Druck hat er an den Topevents freilich bisher nicht standgehalten. Auch gestern schien ihn der Heimvorteil zu hemmen. Er wollte es wohl zu gut machen, denn: «Ich bin einer der patriotischsten Menschen – für Schottland und für Grossbritannien.» Adrian Ruch, London>

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