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Der 15. März 1976 hat ihr Leben verändert

BärauJedes Jahr ehrt die Heimstätte die langjährigen Bewohnerinnen und Bewohner. Sie haben eindrückliche Lebensgeschichten zu erzählen. Zum Beispiel Maja Siegenthaler, die vor 35 Jahren nach Bärau kam – und als «Hosenpilot» bekannt geworden ist.

«Hei, war das ein schöner Tag!» Auch wenn es über 20 Jahre her ist, erinnert sich Maja Siegenthaler noch genau an jenen Tag, an dem sie über die Schweiz fliegen durfte. Immer wieder huscht ein Lachen über ihr Gesicht, wenn sie von der Bus- und Bahnreise nach Zürich-Kloten erzählt, vom Prozedere am Flughafen, von den Flugzeugfenstern – «so klein waren die», deutet sie an –, vom Schweben über den Wolken, von den Hostessen, die mit Orangenjus vorbeikamen, und schliesslich von der Landung in Genf. «Wäre ich bei den Bauern geblieben, hätte ich das nie erlebt», sagt sie. Als Magd habe sie dort vor allem «gwärchet». Maja Siegenthaler wurde 1938 in der Stadt Bern geboren. Sie war erst fünfjährig, als ihre Mutter an Tuberkulose starb. Die fünf Kinder wurden verdingt, Maja Siegenthaler kam nach Dürrenroth. Später arbeitete sie bei Bauernfamilien in der Gemeinde Sumiswald. Zuletzt hatte sie ihr Zimmer neben der Heubelüftung, die – wegen des günstigeren Nachtstroms – im Sommer jeweils nächtelang lief. «Ich konnte nicht mehr schlafen, war komplett fertig», berichtet sie. So kam sie im Alter von 38 Jahren in die Heimstätte Bärau. Dass sie das Eintrittsdatum – 15.März 1976 – noch heute weiss, lässt erahnen, wie wichtig dieser Schritt für sie war. Zweier- statt Sechserzimmer In der Heimstätte Bärau fühlt sich Maja Siegenthaler wohl. «Hier nennen mich alle ‹Hosenpilot›.» Jeden Dienstag und Freitag verteile sie nämlich die frisch gewaschenen Hosen der Bewohner in die verschiedenen Häuser. «Wenn ich nicht zu lange auf die Lifte warten muss, schaffe ich es in einer Stunde», sagt sie. Bis zur Pensionierung half sie zudem täglich in der Küche. 35 Jahre, praktisch ihr halbes Leben, hat die aufgestellte Frau bereits in der Heimstätte verbracht. Gestern Nachmittag wurde sie nun wie alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner, die ein Jubiläum zu feiern haben, zur Ehrung nach Trub eingeladen. Gewiss hätten alle eine spannende Lebensgeschichte zu erzählen, aber nicht alle können sich noch so gut erinnern wie Maja Siegenthaler. «Als ich 1976 in die Heimstätte kam, wohnten wir noch in Sechserzimmern», sagt sie. Geschlafen habe man damals auf einem Eisenbett mit Stahlfedern und einer unkomfortablen Matratze, einem «Hudumatratzli». Mittlerweile lebt sie in einem Zweierzimmer. Auch die Aktivierungs- und Freizeitangebote der Heimstätte hätten sich im Laufe der Zeit vervielfacht, berichtet Maja Siegenthaler. So ging sie regelmässig ins Schwimmen und ins Chalet Bonderli am Brienzersee in die Ferien, war an der Basler Fasnacht und dem Volksmarsch Zäziwil–Mirchel–Grosshöchstetten und, und, und. Lieber in der Gegenwart Früher hat Maja Siegenthaler zudem viel gestickt. Sofakissen waren ihre Spezialität. Auch ein befreundeter Mitbewohner habe sich damals ein solches gewünscht – und liess sie als Lohn zwischen Bargeld, einem Kilo Honig und einem Wandteller aus Holz auswählen. Aus aktuellem Anlass entschied sie sich für einen Teller mit eingeschnitztem Schriftzug «Zum 65. Geburtstag». Doch noch bevor dieser fertig war, sei der Mann gestorben. «So ist das Leben», sagt sie. Für einen Moment wird ihre Miene nachdenklich. Selber war Maja Siegenthaler nie verheiratet, blieb, wie viele andere mit ähnlichem Lebenslauf, bis heute bevormundet. Als ihr Vater starb, konnte sie nicht an die Beerdigung. Trotz allem mag sie auch jetzt, wo das Thema Verdingkinder in aller Munde ist, nicht hadern. «Wissen Sie, ich spreche lieber über die Gegenwart als über die Vergangenheit», erklärt die 73-Jährige. Und beginnt zu erzählen, wie sie von ihren Schulkolleginnen, ihrer Dürrenrother Bekanntschaft und ihrer Schwester noch heute Besuch bekomme. Dann hält Maja Siegenthaler einen Moment inne, schaut auf die Armbanduhr. Halb sechs. Es sei allmählich Zeit für das Nachtessen, sagt sie, danach gehe sie bald schlafen – «schliesslich will ich morgen wieder fit sein». Markus Zahno>

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