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Das Skelett eines Wales geht auf Reisen

Sabrina Beutler aus Arni betreibt in Grosshöchstetten eine Werkstatt für Tierpräparation. Nun gelang ihr ein grosser Fang, sie kann für das Hessische Landesmuseum in Darmstadt ein altes Walskelett restaurieren.

Mit Muskelkraft und Geschick zieht Sabrina Beutler den Schädel eines Zwergwales vom Eingangsbereich ihrer Werkstatt in Grosshöchstetten in den angrenzenden Arbeitsraum. Der rund 90 Kilogramm schwere Kopf liegt auf zwei Rollwägelchen und scheint immer wieder im Türrahmen anecken zu wollen. Aus den Knochen bröseln kleine graue Teilchen. «Das ist Bauschutt», kommentiert die Tierpräparatorin. Denn während des 2.Weltkrieges wurde das Hessische Landesmuseum in Darmstadt, in dem der Zwergwal seit 1920 hing, bombardiert. Die Spuren des Krieges wurden so gut wie möglich retouchiert, dennoch sind auf dem Schädel die geflickten Löcher erkennbar. Auch fehlt auf der linken Kieferseite die Barte, mit der der lebende Wal Plankton und Krebse aus dem Meerwasser filterte. Zugesetzt hat dem Säugetier auch der Zahn der Zeit. Das Skelett hat sich graubraun verfärbt, und heraussickerndes Fett malte schwarze Flecken auf die Knochen. Wal hat rund 190 Knochen Auf die diplomierte Tierpräparatorin, die ihre Ausbildung in der Präparatorenschule im deutschen Bochum absolviert hat, wartet viel Arbeit. Als erstes entfernt sie mit einem Staubsauger den gröbsten Schmutz am Schädel. «Weil die Knochen voll mit Tran sind, darf ich kein Wasser benutzen», erklärt Beutler. Ansonsten würden diese zerfallen. Stattdessen verwende sie zur Reinigung Lösungsmittel wie Azeton. Alleine die Säuberung der Knochen wird einige Wochen in Anspruch nehmen. Denn neben dem Schädel des Zwergwals sind einige Schritte vom Atelier entfernt in einem Lagerraum zehn Holzkisten gestapelt. In denen befinden sich die restlichen Teile des rund 10 Meter langen und 400 Kilogramm schweren Tieres. «Schätzungsweise verfügt das ganze Skelett über 190 Knochen», sagt Beutler, die ihren Wohnsitz in Arni hat. Mit einem Lastwagen wurden die Holzkisten von Deutschland nach Grosshöchstetten gebracht. Knapp anderthalb Reisetage liegen hinter dem Transporter. Mit dabei in der Führerkabine war auch Sabrina Beutler, die für einige Tage nach Deutschland fuhr, um weitere Besprechungen mit der Museumsdirektion abzuhalten und die Fracht zu begleiten. Dank der guten Vorbereitungen habe die Grenzüberquerung kein Problem dargestellt; lediglich zwei Kisten hätten die Beamten des Artenschutzes geöffnet, berichtet die Fachfrau. Aber wie findet ein Walskelett ausgerechnet den Weg in ein Binnenland? «Ich habe im Februar dieses Jahres einem Kollegen im Naturhistorischen Museum Basel geholfen, einen Zwergwal zu restaurieren.» Das habe sie an einer Fachtagung in Deutschland erzählt und wurde prompt angefragt, eine Offerte zu erstellen. «Und nun ist das Skelett hier», freut sich die 25-Jährige. «Dynamisches» Skelett Nebst den Restaurierungsarbeiten müssen auch die Aufhängemontagen erneuert werden. Bis anhin hing der Wal schnurgerade im Museum. Nun soll Beutler dem Skelett Dynamik verleihen, indem sie den Wal «abtauchen» lässt. Weiter müssen anatomische Fehler, wie beispielsweise die Stellung des Unterkiefers, korrigiert werden. Die Tierpräparatorin wird ihr Wissen erweitern, indem sie eingehend Fotos und Zeichnungen von Walen studiert, Filme anschaut und sich mit Meereswissenschaftlern austauscht. Sämtliche Erkenntnisse werden dann in einem Plan eins zu eins festgehalten. «Die weiteren Zeichnungen fertige ich jedoch in einem kleineren Massstab an», schmunzelt die junge Frau. Jagdzeit ist Hauptsaison Die Arbeiten am Skelett werden im Baukastensystem erledigt, und Beutler erläutert, dass sie jeweils Teilmontagen anfertigen werde. Den restaurierten Wal in voller Grösse wird die Tierpräparatorin erstmals im Landesmuseum Darmstadt zu Gesicht bekommen. Und das wird in rund eineinhalb Jahren der Fall sein. «Das Landesmuseum wird zurzeit umgebaut», begründet sie die Zeitspanne. Nach der Fertigstellung des Gebäudes wird sie mit den zehn Kisten nach Deutschland zurückfahren und das Skelett in der neuen Ausstellung eigenhändig montieren. «Doch bis dahin habe ich noch viel Zeit.» Denn momentan habe nicht die Arbeit am Walskelett erste Priorität, sondern die einheimischen Tiere. «Die Jagdzeit ist die Hauptsaison der Tierpräparatoren», erzählt Sabrina Beutler. Und das ist augenscheinlich: Im Atelier liegen nebst präparierten Füchsen, Vögeln, Schlangen und Mäusen auch zahlreiche Hörner und Geweihe von erlegten Tieren. Jacqueline Graber >

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