Zum Hauptinhalt springen

Das Selve-Quartier als Künstlerviertel

Er ist Galerist und Künstler mit Leib und Seele: Wilfried von Gunten reist mit seinen Galerien in Thun immer jenen Stadtteilen voraus, die gerade am entstehen sind. Im Gespräch erklärt er, warum dem so ist und wie er die Selve in fünf Jahren sieht.

Wilfried von Gunten, wenn man Ihre bisherigen Galerienstandorte anschaut, hat man den Eindruck, dass Sie den neuen Stadtteilen von Thun jeweils vorausreisen. Täuscht das? Das hat tatsächlich etwas. Angefangen hat das seinerzeit mitten in der Stadt mit der Mühle, die später abgerissen und zu einem Platz umfunktioniert wurde. Ich habe mit meinen Kunsträumen mitgeholfen, das jeweilige Quartier zu prägen. Das war mit der Mühle so, später mit dem Oelegässli, dann mit dem Künstlerhaus im Thuner Ruag-Areal und jetzt in der Selve. Auch hier bin ich mit Kulturinteressierten bereits daran, dem Quartier einen eigenen Stempel aufzudrücken. Was macht für Sie die Spannung aus, ständig an einem anderen Ort neu anzufangen? Ein Urbedürfnis von mir ist, dass ich den Zeitgeist nicht nur vermitteln, sondern auch selber erleben möchte. Dazu gehören sich ständig verändernde Kontexte. Ich will etwas Avangardistisches nach Thun bringen, etwas, das dauernd in Bewegung ist. Sind Sie ein unruhiger Mensch? Nein, mein Leben als Galerist und Künstler ist zwar ständig in Bewegung. Aber ich selber bin sehr ruhig dabei. Ich wechsle Standorte und Konzepte ganz bewusst und sehr durchdacht. Nur finde ich, dass man gerade als Galerist offen bleiben muss. Sonst sieht man ziemlich schnell ziemlich alt aus. Wobei ich betonen muss: Das Streben nach ewiger Jugend ist gar nicht mein Ding. Nur der Geist soll jugendlich und beweglich bleiben. Können Ihre Künstler und Ihr Publikum überhaupt mit Ihnen Schritt halten? Ja, in bescheidenem Mass. Ich spüre natürlich das Behäbige, das in Thun herrscht. Und es ist auch nicht so, dass die halbe Schweiz eigens für solche Galerien nach Thun reist. Das war allerdings auch nie mein Ziel. Ich bin nicht der grosse Galerist, der in alle Welt grosse Namen verkauft und in den mondänen Städten dieser Welt eine Niederlassung hat. Was spricht dagegen? Das liegt an meinem Werdegang. Meine erste Galerie war eine Produzentengalerie im alten Mühlebau von Thun. Erst dann folgte einige Jahre die klassische Galerie mit Verkaufsgeschäft, regelmässigen Vernissagen und einer Ausrichtung auf klassisch-moderne Kunst. Das hat mir auch den Weg zur interimistischen Leitung des Thuner Kunstmuseums geebnet – ein Highlight in meiner Tätigkeit. Widerspricht das nicht Ihrem Bestreben, in eine Institution eingebunden zu sein? Da hatte ich ein Team, konnte gemeinsam mit meinen Mitarbeitern, der Kulturkommission und der städtischen Kulturabteilung einen guten Nährboden pflegen, auf dem die späteren Direktorinnen aufbauen konnten. Danach war ich reif für den Off-Raum: Ich wollte völlig unkommerziell Künstlern aus dem In- und Ausland die Möglichkeit geben, einen Schaufensterraum in der Thuner Innenstadt experimentell zu bespielen. Gleichzeitig eröffnete ich im sogenannten Künstlerhaus auf dem Ruag-Areal mein Atelier. Die Selve mit dem neu entstehenden Stadtteil ist wiederum eine ganz neue Herausforderung. Was macht diese neue Galerie aus? Ich verbinde Wohn- und Galerienraum; da, wo ich privat lebe, arbeite ich auch. Dabei habe ich bewusst keine fixen Öffnungszeiten. Das Konzept ist erst im Wachsen begriffen. Aber ich stelle mir beispielsweise vor, dass ich statt einer einzigen Eröffnungsvernissage mehrere Vernissagen gebe – jeweils auf Voranmeldung und für eine beschränkte Teilnehmerzahl. So können sich Besucher und Künstler in privatem Rahmen treffen, kennen lernen und sich austauschen. Dieser Austausch ist mir enorm wichtig; das möchte ich hier in der Selve fördern. Gehen Sie damit in Konkurrenz zur Ihrem einstigen Arbeitgeber, dem Kunstmuseum? Das Kunstmuseum hat den Auftrag, öffentlich zu sein und den Austausch zu fördern. Meine Galerientätigkeit in der Selve sehe ich eher in Form der Salonkunst des 19. Jahrhunderts: Der Galerist, der seine Besucher in privatem Rahmen empfängt, ihn bewirtet und ihm die Kunst auf diese Art zu vermitteln sucht. Können Sie sich das als Galerist in der kleinen Stadt Thun leisten? Man kann es sich leisten, wenn man genug Werke verkauft. Vielleicht ist das eine Alterserscheinung, aber ich bin nicht mehr bereit, ständig allem und jedem hinter her zu rennen. ich bin mir nicht zu schade, als Künstler einen Auftrag anzunehmen oder bei einem zeitlich begrenzten Projekt eines Kunstmuseums mitzuarbeiten. Das A und O eines Galeristen sind ohnehin die Kontakte, die er im Laufe seiner Tätigkeit schliesst und pflegen muss. Mittlerweile erhalte ich Anfragen von Kaufinteressenten, die über mich versuchen, ein bestimmtes Werk zu erstehen. Dafür brauche ich keine klassische Verkaufsgalerie mehr. Wie grenzen Sie sich ab, wenn Sie privaten Wohnraum mit öffentlicher Galerie vermengen? Die Kunstszene ist mein Leben. Seit ich Kind war, hat immer mindestens ein Künstler am Mittagstisch gegessen und diskutiert. Genau dieses Modell will ich hier in der Selve realisieren. Indem ich die Öffnungszeiten und Termine selber bestimme, habe ich den nötigen Freiraum. Was raten Sie einem jungen Kunstinteressierten, der sich als Galerist etablieren möchte? Lerne alle Ateliers von Künstlern kennen, suche das Gespräch mit ihnen und prüfe, ob sie in ihrem Denken und Schaffen Qualität bieten können. Und wenn du ein paar junge Künstler gefunden hast, an die du ernsthaft glaubst, dann fang an. Denn der Wille, «seine» Künstler zu verstehen, mit ihnen zu wachsen – das macht das Herzblut eines Galeristen aus. Wie sieht das Selve-Areal in fünf Jahren aus? Darauf bin ich selber gespannt! Ich stelle mir vor, dass wir hier einen kulturellen Geheimtipp aufbauen können. Ich bin ja nicht der einzige aus der Kunstszene, der sich in der Selve bereits niedergelassen hat, während nebenan noch gebaut wird. In und um die Halle 6 werden wir mit Galerien, Künstlerateliers, einem Theater, Design und Architektur gewisse Themen besetzen und entwickeln können, die dann wie selbstverständlich zu diesem neu entstehenden Quartier gehören. Die Vision dieser Ausstrahlung als kulturelles Zentrum muss national, wenn nicht sogar international sein. Was bringt das der Stadt Thun? Allein regionales Kunstschaffen zu unterhalten, funktioniert auf Dauer nicht. Es braucht den Austausch, um Impulse zu gewinnen – und um die kritische Grösse zu überschreiten. Wenn es uns gelingt, die Selve als kulturelles Stadtquartier zu etablieren, kann sich Thun gegenüber anderen Städten in derselben Grössenordnung in einem wichtigen Bereich als Leader positionieren. Es wäre eine Anmassung, wenn das Selve-Quartier mit den Künstlervierteln in Paris oder New York verglichen würden. Aber deren Lebendigkeit und Vorwärtsbewegung liegt unserer Vision der Selve von morgen durchaus zu Grunde. HeinerikaEggermann Dummermuth Die Eröffnungsausstellung «Ruag goes Selve» mit sämtlichen Künstlern des Thuner Atelierhauses auf dem Ruag-Areal läuft noch bis zum 12. November. Öffnungszeiten: Samstag 10 bis 16 Uhr, Donnerstag 18 bis 21 Uhr oder auf Voranmeldung an der Scheibenstrasse 6 (1. OG) im Thuner Selve-Areal. •www.vongunten-kunst.ch >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch