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Das «Gekritzel» des wilden Berners

Die erste Einzelausstellung in der Heimatstadt: Das Kunstmuseum würdigt das Schaffen des 75-jährigen Berner Malers Rolf

«Vernagleti Bire» lautet der Titel eines Werkes aus den Siebzigerjahren. In der Lithografie ist vor lauter «Nägeln» das Gesicht der abstrahierten Figur nicht mehr zu erkennen. Mit vernagelten Köpfen hatte der Berner Künstler Rolf Iseli (geboren 1934) bereits früh in seiner Karriere zu tun. In den Fünfzigerjahren provozierten seine, von den neuen, internationalen Strömungen geprägten Arbeiten das unbedarfte Bern. Empört sei man gewesen, dass der Bund ihm für sein «Gekritzel» ein Stipendiengeld zahlen wollte. Einige schmierten sogar mit Kugelschreiber auf seine Leinwände, weil sie damit zeigen wollten, dass sie das auch könnten. Tempi passati: Das Kunstmuseum Bern widmet dem Künstler nun mit «Zeitschichten» endlich eine Einzelausstellung. In Zürich erhielt er diese bereits in den Siebzigerjahren. Hommage an einen Baum Der Kurator Simon Oberholzer hat die Ausstellung nicht chronologisch, sondern thematisch angelegt. Diese Präsentation legt umso deutlicher offen, was die Leitmotive des Künstlers sind: Figuren und Landschaften. Am eigenwilligsten sind seine Erdbilder, für die Iseli Fundstücke aus der Natur in seiner Wahlheimat St.Romain im Burgund verwendet, wo er seit den Sechzigerjahren lebt. Viele seiner Werke seien als Kommentar zum Umgang des Menschen mit der Natur zu verstehen, führt er aus. So tat es ihm leid, als Weinbauern in St.Romain einen prächtigen Baum niederbrannten. Aus den Resten, aus Erde, Kohle und Dornen, kreierte er das Bild «Hommage an einen verbrannten Nussbaum». «So gab ich dem Baum ein wenig Leben zurück», erklärt Iseli. Die Einflüsse auf Iseli während seiner fünfzigjährigen Schaffenszeit sind deutlich sichtbar. Die Werke von den Informellen, den abstrakten Expressionisten in Amerika und der Arte Povera stimulierten ihn ebenso wie Diskussionen mit Malergrössen wie Mark Rothko oder Barnett Newmann. Von Menschen und Pilzen Das Eindrücklichste an der Berner Ausstellung sind die Themenräume «Urwesen» und «Metamorphosen», die im letzten Saal unter dem Titel «Persönliche Mythologie» zusammengefasst werden. Iselis Figurenwelt präsentiert sich verspielt und grotesk. Sein «Homme champion» von 1975 beispielsweise ist halb Pilz, halb Mensch. Während viele seiner Figuren einfach «Schatten» sind, in die sich allerlei – vom Selbstporträt bis zum Doppelgänger – hineininterpretieren lässt, gibt es auch deutlich als Männer oder Frauen erkennbare Gestalten. Als Symbol der Weiblichkeit wird etwa der Bauch der «Femme gallo-romaine d’Orches» von 1998 von einer Bienenwabe gebildet. Eine andere Gestalt hat einen Kopf aus Schilfgras-Stängeln. «Wiude Siech» lautet der Titel dieses Bildes. Könnte das nicht auch Bacchus, der Weingott sein? Immerhin brauchen die Weinbauern in St. Romain die Schilfgräser zum Befestigen der Reben. Iseli gestaltete auch Objekte aus Eisen, wie seine berühmten «Isestockschwümm», die in dieser umfangreichen Ausstellung aus den Museumswänden spriessen. Helen LaggerAusstellung: bis 21.März, Kunstmuseum Bern, Hodlerstr. Vernissage: heute, 18.30 h. >

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