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Boltigen ist jetzt Heimat der Familie

Boltigen/GarstattSie steht vor dem Nichts: die neunköpfige Familie Arllati aus dem Kosovo soll innert kürzester Zeit ausgewiesen werden. Dies hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden. Arllatis wohnen seit fast zehn Jahren im Oberland.

«Zu verkaufen» steht auf mehreren Häusern in der Garstatt. Auch das strahlend schöne Wetter und die Aussicht auf das verschneite Simmental können nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, dass die Häuseransammlung zwischen Weissenbach und Grubenwald zur Zeit nicht unbedingt eine bevorzugte Wohnlage ist. Für die neunköpfige Familie Arllati aus dem Kosovo ist Garstatt jedoch vor fast acht Jahren zu einem Stück Heimat geworden. Sie bewohnt die oberen Stöcke des Schulhauses. Lindita Arllati, die 43-jährige Mutter der sieben Kinder, betont immer wieder: «Wir sind in der Schweiz zuhause. Wir gehören nach Boltigen, nicht in den Kosovo, woher wir fliehen mussten.» Die Geschichte der Familie Arllati ähnelt jenen Geschichten, die während dem Krieg auf dem Balkan in den 90er und frühen Jahren des 21. Jahrhunderts zahlreich geschrieben wurden. Arllatis sind Angehörige der Ashkali, einer Minderheitsgruppe im Kosovo (siehe Infothek). Sie werden von den Albanern nicht akzeptiert, erzählt Mutter Lindita. Ihr Haus wurde geplündert, die Kinder konnten nicht zur Schule gehen, weil sie dort verprügelt wurden. 2001 stellten sie in der Schweiz ein Gesuch um Asyl. Noch heute haben alle Mitglieder der Familie den Ausweis N, der ihnen in der Schweiz den Aufenthalt als Asylsuchende gewährt. Nun sollen Arllatis zurück in den Kosovo. Gemäss Annelise Gerber, Rechtsvertreterin der Familie Arllati, begründet das Bundesverwaltungsgericht die Rückweisung des Antrages um Asyl auch damit, dass «die Wahrscheinlichkeit einer konkreten Gefährdung Ashkali im Kosovo alleine aufgrund ihrer Ethnie ausgeschlossen werden könne.» Auch bringe die Familie die Voraussetzungen mit, um sich in ihrer Heimat eine neue Existenz aufbauen zu können. «Die Familie hat gegen das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ein Wiedererwägungsgesuch gestellt. Dieses Verfahren ist noch vor dem Bundesverwaltungsgericht hängig. Aufgrund vom letzten Schreiben der Rechtsvertreterin sind noch Instruktionsmassnahmen notwendig», gibt Andrea Arcidiacono, Kommunikationsverantwortlicher des Bundesverwaltungsgerichtes, Auskunft. Von Albanern verprügelt Fast die gesamte Familie ist an diesem Nachmittag bei herrlichem Winterwetter in die Stube gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Arllatis wohnen seit sieben Jahren im Oberland, zuerst an der Lenk, seit 2003 leben sie in Garstatt. Alle Kinder sprechen Dialekt, die Mutter Hochdeutsch. Nur der Vater hat Schwierigkeiten, sich auf Deutsch zu verständigen. Wenn Latjan Arllati (18), der zweitälteste Sohn, spricht, tut er dies stets mit einem Lachen auf dem Gesicht. Dabei handeln seine Geschichten nicht von unbeschwerter Jugend. Er erzählt, wie er im Kosovo von Albanern in einen Bach geworfen und beinahe ertränkt worden wäre: «Mehrfach wurde ich von Albanern zusammengeschlagen und verletzt.» Im Wohnzimmer der Familie breitet sich für kurze Zeit betretenes Schweigen aus, nur das Geräusch von vorbeifahrenden Autos und Zügen dringt durch die Wände der schmucklosen Wohnung. Als Scheiss-Jugo beschimpft Alle hören zu, wenn Latjan seine Geschichte erzählt. Der junge Mann mit dem leicht gebeugten Rücken ist nur selten zuhause , da den Eltern die Obhut entzogen wurde. Er wohnt in einem Wohnheim in Meiringen, die Ärzte beschreiben ihn als «psychisch schwer traumatisiert». Dies macht Rechtsvertreterin Annelise Gerber in einem Bericht an das Bundesamt für Migration geltend. Nicht nur an seinem Geburtsort litt Latjan unter Rassismus, sondern auch in der Schweiz: «Ich werde auch hier verprügelt und als Scheiss-Ausländer und Jugo beschimpft.» Ein kleines Taschengeld verdient der 19-Jährige bei einem Boltiger Bauer. Auch Ruhe und Freundlichkeit finde er dort, so Latjan. Er hilft regelmässig bei der Arbeit im Stall. «Ich mag Kühe und zeichne sie gern», sagt Latjan – und lächelt wieder. Nicht nur für Latjan war und ist die Situation schwierig. Die Kinder von Dan und Lindita Arllati, vier Töchter und drei Söhne, sind im Alter zwischen elf und 22 Jahren. Tauland (19) spricht Deutsch mit einem leichten Oberländer Akzent und möchte unbedingt Schreiner werden: «Ich hatte diverse Chancen auf eine Lehrstelle und habe bei Holzwerk Rieder in St. Stephan eine Vorlehre gemacht». Eine Lehrstelle konnte er jedoch nie antreten, denn «mit einem Ausweis N habe ich keine Chance.» Er möchte unbedingt etwas lernen, in der Schweiz arbeiten, sich noch besser integrieren. Doch ohne besseren Ausweis bleibe ihm nichts anderes übrig, als vom Geld der Sozialhilfe zu leben, das seine Familie bekommt. 1500 Franken bekommen die neun Mitglieder insgesamt monatlich. Das muss reichen für Essen, Kleider, Taschengeld und Fahrten im öffentlichen Verkehr. Auch Tauland Arllati muss, fast täglich wie er sagt, mit rassistischen Beschimpfungen kämpfen: «Ich werde oft und übel beschimpft. Und das nur, weil ich nicht Schweizer bin, sprich nicht so aussehe wie einer. Dabei will ich Teil von diesem Land sein, hier in Ruhe arbeiten und leben.» Sorgen macht sich die ganze Familie auch um Tochter Albijana (12). Sie leidet seit langem an Epilepsie und wird intensiv am Inselspital Bern behandelt. «Mit Sicherheit hätten weder sie noch Latjan in Kosovo Zugang zu der notwendigen medizinischen Behandlung», sagt ihre Rechtsvertreterin Annelise Gerber. Kein Konflikt mit Gesetz Mutter Lindita Arllati betont: «Wir sind anständige Leute, nicht kriminell und haben guten Kontakt zu unseren Nachbarn hier in Garstatt.» Gearbeitet haben weder sie noch ihr Mann Dan in den letzten zehn Jahren. «Mir gibt niemanden einen Job. Mittlerweile würde ich auch ohne Lohn arbeiten», sagt der 49-jährige Dan. Der Kosovare leidet ebenfalls stark unter der aktuellen Situation: Langeweile, Übergewicht und die Erinnerungen an früher plagen ihn so sehr, dass er psychologisch behandelt werden muss. Er sagt dann auch: «Lieber sterbe ich, als ausgewiesen zu werden.» Seine Frau sagt, ihr Mann habe bereits früher gedroht, die ganze Familie zu erschiessen, würden sie in den Kosovo ausgewiesen. Ihr Blick gleitet nach draussen, wo die Sonne am späten Nachmittag den Talboden nicht mehr zu erwärmen mag. Schlafen kann sie längst nicht mehr: Lindita Arllati befürchtet, dass jede Minute die Polizei vor dem Haus stehen könnte, um sie und die ganze Familie abzuholen. Sarah McGrath-Fogal>

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