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Besuch vom verstorbenen Onkel

SpiritismusEine Zeichnerin porträtiert einen Verstorbenen. Der skeptische Journalist an der spiritistischen Sitzung in Neuenegg fragt sich: Wie konnte die Porträtistin den Mann so präzis abbilden? Sie hat ihn nie gesehen.

«Er ist 185 gross. Ich sehe, dass er seine Hemden gerne bis oben zuknöpft. Ich spüre, dass er leidet, weil er seine Kreativität nicht ausgelebt hat.» Susanna Meier sagt das. Die unauffällig gekleidete Frau ist ein Medium. Sie habe Kontakt mit einem Verstorbenen aufgenommen, sagt sie. Sie sehe ihn, spüre ihn, transportiere, was er ihr erzähle und was er denke. Humbug? Vielleicht. Oder ein Fenster in eine immaterielle Welt? Vielleicht. Realität ist, dass Raymond Klaus, seine Ehefrau Barbara und Medium Susanna Meier zu einem spiritistischen Abend in den Bären in Neuenegg eingeladen haben. 14 Frauen und 3 Männer sitzen in einem Säli mit den üblichen Zutaten des helvetischen Vereinslebens: Pokalen, Fahnen, karierten Tischtüchern. Der Verblichene zupft am Ohr Mediale Porträts, Jenseitskontakte und geistiges Heilen haben die drei versprochen. So funktioniert es: Barbara Klaus zeichnet Porträts von Verstorbenen – ohne vorher Bilder von ihnen gesehen zu haben. Susanne Meier tritt mit diesen Toten in Kontakt und vermittelt deren Botschaften ans Publikum, vor allem an jene Menschen im Saal, welche die Dahingeschiedenen gekannt haben. Raymond Klaus tritt nur am Rand auf und überträgt Heilenergie in Kurzsitzungen. Als Erstes tritt der zugeknöpfte gross gewachsene Verstorbene medial ins Bären-Säli. Barbara Klaus zeigt das von ihr vorher in einer Viertelstunde gezeichnete Porträt. Nun übernimmt Susanna Meier den Toten. Sie sehe ihn, sagt sie. Ja, er sei hier. Er bewege sich, zupfe am Ohr. Er spreche. Über das Medium erfahren wir, dass er in einem alten Holzhaus gelebt habe und dass er bedaure, dass sein Leben viel zu geordnet verlaufen sei. Jetzt meldet sich ein Mann aus dem Publikum. Nennen wir ihn Walter. «Ich kenne diesen Mann», sagt Walter. Ein Onkel sei es. «Er spricht zu dir», fährt Meier fort. «Er sagt, dass du deine Kreativität nützen sollst.» Walter nickt. «Er möchte, dass dir nicht das Gleiche widerfährt wie ihm», ergänzt Meier. Walter nickt nochmals. «Auch ich leide unter meinem Ordnungsdrang.» Dahingeschiedene sind eitel Wir, das Publikum, lernen: Verstorbene sind eitel. «Sie zeigen sich uns nicht so, wie sie gestorben sind, sondern Jahre oder Jahrzehnte früher, als sie noch besser aussahen», sagt Susanna Meier. Diese Eitelkeit zeigt sich bei den nächsten vier Kontakten. Eine Frau, die gemäss Meier gerne Guetsli verteilt hat, tritt auf. Walter scheint besonders eng mit dem Jenseits verbunden zu sein. Er meldet sich nochmals und ahnt jemanden aus seinem Dorf. Medium Meier hat Verbindung mit einer Frau, die gerne schöne Kleider getragen hat. Die schick angezogene Gabi fühlt sich angesprochen und kann die Dame ihrem Bekanntenkreis zuordnen. Am Schluss lernen wir einen tödlich verunfallten 30-Jährigen und einen früh verstorbenen Velofahrer kennen. Beim Letzteren klappt die mediale Verknüpfung nicht so recht. Aus dem Publikum meldet sich Ingrid. «Es könnte ein Bekannter gewesen sein – nein, doch nicht», sagt sie zaghaft. «Er arbeitete im Versandhandel», präzisiert das Medium. «Er will dir etwas senden.» Na ja. Bloss Deko aus dem Jenseits? Alles Humbug? Allerweltsberatung mit Deko aus der Geisterwelt? Die Charakterisierungen der Verstorbenen passen auf viele Leute. Der Journalist spürt: Das Publikum ist bereit, in den Toten Bekannte zu erkennen. Die meisten Anwesenden waren schon mehrmals an solchen Sitzungen. Alles Habakuk also? Wenn da nicht die auf dieser Seite gezeigten Porträts wären. Barbara Klaus hat sie an früheren spiritistischen Demonstrationen gezeichnet. Nachher haben ihr die Leute, die jemanden zu kennen glaubten, Bilder dieser Verstorbenen geschickt. «Nachher», versichert Barbara Klaus. Man muss und kann ihr glauben. Die Übereinstimmungen zwischen Foto und Zeichnungen sind verblüffend. Peter Steiger Raymond und Barbara Klaus führen an der Dorfstrasse 52 in Gümligen ein Zentrum für Geistheilung und mediales Porträtieren. Telefon 031 3521040; www.derkanal.ch. >

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