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«Beruf: Bauer» – eine verpasste Chance

Kunstmuseum ThunDie neue Sammlungsausstellung widmet sich dem Beruf des Bauern. Währschaft wird sie heute Vormittag mit einem Brunch eröffnet. Über das Leben der Bauern von heute und seine aktuellen Probleme erfährt der Besucher jedoch zu wenig.

«Beruf Bauer» – so lautet der Titel der diesjährigen Sammlungsausstellung im Thuner Kunstmuseum. Wer sich auf eine differenzierte Reflexion über den Bauernstand in der Region und der Schweiz allgemein freut, sieht sich jedoch nur teilweise belohnt: Die Ausstellung bietet einen toll gestalteten Bogen vom romantisierten Bild des Bauernstands im ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Auseinandersetzung im Jahr 2011. Insofern ist der Anspruch, den die Direktorin Helen Hirsch formuliert hat, weitgehend erfüllt: «Den Menschen, die in unserer Region leben und wirken, soll diese Sammlungsausstellung gewidmet sein.» Denn das Leben als Bauer sei längst kein Beruf mehr, sondern eigentliche Berufung. Kunst allein ist zu wenig Genau diese Berufung, das Spannungsfeld zwischen ländlichem Leben und stetig strenger werdenden Auflagen, aktuellen politischen und sozialen Diskussionen um Marktöffnung, Preiszerfall, Milchüberproduktion und Abschied nehmen vom Leben als Bauer wird kaum ausgeleuchtet. Nun kann man mit gutem Gewissen die Position vertreten, einem Kunstmuseum obliege die vertiefte Auseinandersetzung und klare Stellungnahme mit soziopolitischen Themen nicht; vielmehr gehe es um die rein künstlerische Auseinandersetzung mit einem gewählten Thema. Dieser Ansatz greift allerdings zu kurz: Wo, wenn nicht im Kunstmuseum, können Spannungsfelder ausgeleuchtet, umgedeutet und mit überraschenden Positionen angereichert werden? Hinschauen und reflektieren In der Thuner Ausstellung «Beruf: Bauer» gelingt das nur ansatzweise. Fast erweckt die nostalgisch anmutende Schau den Eindruck, als hätten sich die Verantwortlichen vor allzu deutlichen und vielleicht auch mutig provozierenden Positionen gefürchtet. Dabei böten die Sammlungswerke mehr als genug Ankerpunkte. So etwa die Schwarzweissfotografien des Wanderfotografen und Viehzüchters Arthur Zeller, der zwischen 1900 und 1925 das bäuerliche Leben im Simmental festgehalten hat. Denn das Simmentaler Fleckvieh war damals ein weltweiter Exportschlager, geliebt für die besonders feine Milch und das gute Fleisch. Doch statt das Politikum über die Viehhaltung aufzunehmen, ist als künstlerische Position der Gegenwart die zwar witzige, aber diesbezüglich wenig aussagekräftige Installation «Schwarm» zu sehen. Gabriela Gerber und Lukas Bardill greifen das Thema der lästigen, surrenden Fliegen auf, die sie in edlem Silber abgegossen in einer Ecke gegenüber Zellers Bildern aufgehängt haben. Den Blickwinkel der Kuh, die mit einer Kamera ausgestattet dem Menschen aufzeigt, wie sie ihre Umwelt auf der Weide wahrnimmt, wählte Bernhard Huwiler in seinem 20-minütigen Film «Mission Kuh». Sowohl bei ihm als auch bei Reto Leibundguts Installation mit zwei Kühen ohne Köpfe, Euter und Schweif an einem leeren Futtertrog wird die Reflexion über den Wert des Tieres offensichtlich; vertieft hingegen wird sie nicht. Gefahr der Modernisierung Weitaus besser gelingt dies mit dem Gegensatz der Sammlungsbilder von Amiet, Brügger, Hodlers «Mäher» von 1921 oder Klara Borters «Gemüsefrau» und Helen Hirschs Entdeckung, dem Fotografen Peter Ammon mit Fotografien, die an Anker-Bilder erinnern und dennoch irritieren. Noch stärker ist der Gegensatz mit der kalt-sachlich gehaltenen Arbeit des dänischen Künstlers Tue Greenfort: Er widmet sein Werk der rasanten Modernisierung Osteuropas als Kornkammer der EU. Statt ländlicher Idylle finden sich Bauernhöfe, Weideland und Maschinen im Internet zum Verkauf angeboten – an Makler, Immobilienspekulanten und Grossunternehmen. Im selben Zeitraum widerspiegeln die Fotografien Oliver Gempelers die Verwilderung der Natur, Bauruinen einstiger Bergbauernhöfe im Calancatal, das seit den 50er-Jahren vergeblich gegen die Abwanderung und den Zerfall kämpft. Iselis aus Zwieselberg «Ich bin gerne Bauer und möchte es gerne bleiben», lautet der Titel eines 35-minütigen Films von Antje Schiffers und Thomas Sprenger, der erst gestern fertig geworden ist. Dokumentiert wird dabei – nebst Landwirtschaftsbetrieben in Grossbritannien, Rumänien und Mazedonien – das Leben der Zwieselberger Bauernfamilie Iseli. Im Gegenzug hat die Künstlerin ein Bild des Bauernhofs für Iselis gemalt. Und im Kinderworkshop kommt sie dann doch noch zum Tragen, die Auseinandersetzung von Stadt und Land: Kinder werden auf dem Hof der Iselis ihre eigenen Fotografien machen und eine kleine Ausstellung gestalten. «Wir haben durch das Filmprojekt Einblicke in einen Bereich erhalten, der uns vorher wenig bekannt war», resümiert Jürg Iseli. Und er weiss auch bereits, wo das Bild, das Schiffers von seinem Hof gemalt hat, dereinst hängen soll: «Im Partyraum, damit unsere Besucher das Werk betrachten können.» HeinerikaEggermann Dummermuth«Beruf: Bauer»: Die Sammlungsausstellung im Kunstmuseum Thun wird heute um 10.30 Uhr mit einem Bauernbrunch eröffnet und dauert bis 3. April. Im Rahmenprogramm sind zwei Vorträge vorgesehen: Am 23. Februar um 18 Uhr Toni Parpans Projekt «Z(orten) – Kunst auf dem Land» und am 3. April um 11.15 Uhr ein Referat zum Vieh- und Wanderfotografen Arthur Zeller. www.kunstmuseumthun.ch >

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