Zwei Versionen, ein tragisches Ende

Thema am Regionalgericht war der Tod eines damals 52-jährige Mannes nach einer Routineoperation: Am Mittwoch ging die Verhandlung weiter, die wegen neuer Beweisanträge der Verteidigung vor einem Jahr abgebrochen worden war.

Die Staatsanwaltschaft behauptet, dass der Radiologe das Computertomogramm (CT) beim später verstorbenen Patienten falsch interpretiert habe (Symbolbild)

Die Staatsanwaltschaft behauptet, dass der Radiologe das Computertomogramm (CT) beim später verstorbenen Patienten falsch interpretiert habe (Symbolbild)

(Bild: Keystone)

Eine Geschichte, zwei Versionen und ein toter Patient. Die Staatsanwaltschaft wirft einem Radiologen und einem Chirurgen fahrlässige Tötung vor. Der Prozess wurde am Mittwoch nach einem Jahr Pause wieder aufgenommen. Gerichtspräsident Sven Bratschi hatte in dieser Zeit neue Beweisanträge der Verteidigung zu prüfen. Er hat sie abgelehnt.Die Geschichte ereignete sich im August 2010, also vor gut sechs Jahren.

In einem Berner Privatspital wurde einem 52-jährigen Patient aus der Region ein Stück Dickdarm entfernt. Schon bald klagte der Patient über starke Schmerzen. Ihm wurden darum zusätzliche Schmerzmittel verabreicht. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrmals. Am dritten Tag nach der Operation wurde eine Computertomografie gemacht. Gesichert ist, dass der Patient in der folgenden Nacht gestorben ist.

Todesursache war Herversagen infolge einer Bauchfellentzündung. Doch Grund allen Übels war ein Leck in der Darmnaht, durch das kotige Flüssigkeit in den Bauchraum ge­langte. Darüber, wie es so weit kommen konnte, ohne dass ein Arzt eingegriffen hätte, gibt es verschiedene Versionen.

Verletzte Sorgfaltspflicht?

Staatsanwalt Roman Sigrist erklärte am Mittwoch in seinem Parteivortrag, dass der Radiologe das Computertomogramm (CT) falsch interpretiert habe. Er stützt sich dabei auf ein Gutachten, das besagt, dass der Radiologe die grosse Menge freier Luft im Bauchraum des Patienten stärker hätte gewichten sollen. Und vor allem, dass er den Chirurgen explizit darauf aufmerksam hätte machen müssen. Der Chirurg sei seiner ärztlichen Sorgfaltspflicht ebenfalls nicht nachgekommen. Er habe den Patienten nicht ernst genommen und sein Handeln einem festgeschriebenen Kriterienkatalog unterstellt.

«Das Sterben des Mannes ist nicht still und leise vor sich gegangen», sagte Sigrist. Es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben zu handeln: Um 16 Uhr untersuchte der Chirurg seinen Patienten, dieser hatte wieder grosse Schmerzen. Nach dem CT beruhigte der Chirurg den Mann, den er als sehr ängstlich beschreibt. Dann ging der Chirurg nach Hause, wo er um 21 Uhr einen Anruf der Pflege erhielt, dem Patienten gehe es schlecht.

Wieder ver­ordnete er Schmerzmittel und sprach per Telefon mit seinem Patienten. «In dieser Zeit hätte noch die Chance bestanden, ein CT mit einer Kontrastflüssigkeit zu machen, den Riss festzustellen und den Mann mit einer zweiten Operation zu retten», so Sigrist. Dies sage das Gutachten aus. Am frühen Morgen starb der Patient. Der Staatsanwalt verlangte Schuldsprüche und Geldstrafen von 60 für den Radiologen und 120 Einheiten für den Chirurgen.

Er habe nach den Kriterien des FIT-Nursing Care gehandelt, erklärte der Chirurg. Der Patient habe nach dieser postoperativen Methode kein Kriterium für eine Nachoperation erfüllt. Gerichtspräsident Sven Bratschi stellt die Frage, ob die starken Schmerzen kein solches Kriterium gewesen seien. «Nein, das waren sie nicht, denn sie waren ja immer wieder mit Schmerzmitteln behandelbar», so der Chirurg.

Urteil folgt am Montag

Der Verteidiger des Radiologen wie jener des Chirurgen verlangten Freisprüche. Man könne den beiden keine Pflichtwidrigkeit vorwerfen. Bei der angewandten Operationsmethode sei die Menge Luft im Bauchraum erklärbar und habe nicht zu einer Reaktion führen müssen. Die Ärzte wie die Verteidigung übten Kritik an den Gutachtern. Sie seien in Bezug auf die angewandte Operationsmethode nicht auf dem neusten Stand und hätten auch keine entsprechenden Erfahrungen.

Gerichtspräsident Sven Bratschi muss nun urteilen. Er wird sein Verdikt am Montag eröffnen. Er brauche noch etwas Zeit, sagte er.

Berner Zeitung

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