Zwei Esel für die neue Schule

Bolligen

Mit zwei Eseln sind Alice Zbinden und ihr Begleiter durch halb Europa gereist. Heute kommen sie auf dem Ferenberg an, wo die Esel in einer Bauernhofschule eingesetzt werden. Wir haben sie kurz vor dem Ziel besucht.

Beim Kemmeribodenbad: Alice Zbinden und Elizardo Müller mit Pencho und Bobek.

Beim Kemmeribodenbad: Alice Zbinden und Elizardo Müller mit Pencho und Bobek.

(Bild: Raphael Moser)

Es ist Mittag im Kemmeribodenbad, zuoberst im Emmental. Vier Biker kommen auf dem Vorplatz an, parkieren ihre Velos, legen Helm und Brille ab – in Vorfreude auf das Mittagessen, das mutmasslich mit einer währschaften Merängge enden wird. Da taucht auf dem Wanderweg plötzlich ein lustiges Quartett auf: eine Frau, ein junger Mann, je einen Esel führend. Gemütlich zotteln sie über den Vorplatz und ziehen sofort die Blicke der Biker auf sich. «Sind das Maultiere oder Esel?», fragt einer der Biker.

Es sind Esel. Der grössere heisst Pencho, der kleinere Bobek. Die Menschen, die sie am Seil führen, sind Alice Zbinden (56) und Elizardo Müller (17). Seit über zwei Monaten sind sie unterwegs, haben bereits 700 Kilometer unter den Füssen respektive unter den Hufen – von Slowenien quer durch Norditalien und die Schweiz. Nun sind sie kurz vor dem Zielort: Ferenberg oberhalb von Bolligen. Dort haben Zbinden und ihre Leute ein altes Bauernhaus gemietet, wollen eine Bauernhofschule für sozial auffällige Kinder und Jugendliche einrichten. Auf dem Hof sollen die Jugendlichen wieder geerdet werden. Die zwei Esel und weitere Tiere sollen dabei helfen.

Beschwipster Esel

Der Gedanke einer Eselexpedition faszinierte Alice Zbinden seit längerem. Also kaufte sie Pencho und Bobek in Slowenien und brachte sie zu Fuss in die Schweiz. Die Reise dokumentierte sie in einem Blog (www.kerbholz.org), später möchte sie auch Vorträge halten. Denn auf der Reise seien viele Geschichten und Fotos zusammengekommen, sagt die Pädagogin. Pencho und Bobek grasen inzwischen friedlich auf einer kleinen Wiese vor dem Kemmeribodenbad, während die beiden Begleitpersonen in der Gaststube auf das Mittagessen warten.

Immer wieder kommt ihnen eine neue Episode ihrer Reise in den Sinn. Etwa, wie sie mit den Eseln kurz vor Bozen in einen viel befahrenen Strassentunnel gerieten. Die Polizei rückte aus, sperrte den Tunnel und eskortierte die Eselexpedition bis zum Ausgang. Eine Busse gab es nicht, stattdessen machten die Polizisten ein Selfie mit den Eseln.

Eine andere Episode ereignete sich im Vinschgau: Bei einer Rast knabberte Bobek Birnen, die fürs Schnapsbrennen eingemacht und schon ziemlich angegärt waren. Bobek frass so lange, bis er einen veritablen Rausch hatte. Er hustete, torkelte, brauchte ­immer wieder Pausen. Rückblickend, da Bobek wieder nüchtern ist, kann Alice Zbinden darüber lachen.

«Dämliche Idee»

Wenn sie nicht mit Eseln unterwegs ist, führt Zbinden in Frieswil die Waldschule Kerbholz. Hier betreut sie Kinder und Jugendliche, die den ordentlichen Schulbetrieb störten und deshalb bis zu zwölf Wochen vom Unterricht ausgeschlossen wurden. Für jene, die nach dem Time-out keine öffentliche Schule finden, soll die Bauernhofschule auf dem Ferenberg aufgebaut werden. Bis zur Eröffnung gibt es aber noch eine Menge zu tun: Das Haus muss umgebaut und die Finanzierung sichergestellt werden. Die Reise mit den Eseln sei daher auch eine Art PR-Tour, erklärt Alice Zbinden.

Praktisch überall auf der Tour habe man grosse Hilfsbereitschaft und offene Türen vorgefunden. Meistens übernachteten die Menschen bei Bauern im Stroh oder auf dem Feld. Die Esel wurden reich mit Brot und Rüebli beschenkt. Doch die Reise war auch anstrengend. Man war bei jedem Wetter unterwegs, wanderte über schneebedeckte Pässe, musste schlechte Launen des andern aushalten oder tagelang pausieren, weil Pencho Schmerzen an den Hufen hatte. Einmal schrieb Alice Zbinden in ihrem Blog: «Wer hatte diese dämliche Idee, mit den Eseln zu Fuss in die Schweiz zu wandern?»

Beliebtes Fotosujet

Morgen, voraussichtlich um etwa 14 Uhr, wird die Eselexpedition in Ferenberg erwartet. So kurz vor dem Ziel überwiege eindeutig die Freude: «Ich würde es wieder tun», sagt Alice Zbinden und nimmt einen Löffel ihrer Stangenbohnensuppe. Elizardo Müller isst Schnitzel mit Pommes frites. Pencho und Bobek haben sich draussen ins Gras gelegt, halten Siesta. Wanderer beobachten und fotografieren sie. Man glaubt Alice Zbinden sofort, wenn sie in ihrem Blog schreibt: «Hätten wir auf unserer Reise für jedes Foto von den Eseln einen Euro verlangt – wir wären schon lange reich.»

Berner Zeitung

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