Ostermundigen

Zwei Buslinien, zwei Welten

OstermundigenDie Gegner des Ostermundigen-Trams mobilisieren nun auf dem Land. Ein Augenschein auf zwei Buslinien zu Stosszeiten zeigt: Auf dem Bus nach Ostermundigen drängen sich die Pendler. Im Emmental hat man andere Sorgen.

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Vor der UBS am Bahnhof Bern ist der Perron nach 17 Uhr immer voll. Im Dreiminutentakt kommen die Busse der Linie 10 an, die nach Ostermundigen fahren. In einem sitzt Ernst Herrmann am Steuer. Menschen steigen aus, andere ein. Zum Losfahren braucht Herrmann für einmal keine Hilfe vom Bernmobil-Mitarbeiter auf dem Perron.

Wenn es ganz schlimm ist, schirmt der Mann in der gelben Veste mit den Armen die Türen ab, damit Passagiere sie nicht ständig wieder öffnen. Aber an diesem Montag haben die Sportferien begonnen. Angenehm sei es heute, erklären zwei junge Männer. Man kann recht komfortabel stehen. Auf der Höhe des Bundeshauses führt einer vor, wie es normalerweise ist auf dieser Buslinie. Er presst sich an die Wand, verrenkt sich und hält den Atem an.

In der Abendspitze sind auf der 10er-Linie bis zu 115 Personen pro Bus unterwegs. Das heisst, dass je Quadratmeter vier Leute stehen. Deshalb soll der Bus zwischen Bern und Ostermundigen durch ein Tram ersetzt werden. Kostenpunkt: 264 Millionen Franken. 102 Millionen davon soll der Kanton berappen. Ein überparteiliches Komitee hat dagegen das Referendum ergriffen. Am 4. März stimmt die Kantonsbevölkerung über den Kredit ab. Die Stadt Bern und Ostermundigen haben sich bereits dafür ausgesprochen – doch nun mobilisieren die Gegner auf dem Land. Sie schaufeln am Stadt-Land-Graben.

«Was geht mich das an?»

Der Stadt-Land-Graben ist im Kanton Bern immer wieder eine Fallgrube für städtische Projekte. Denn die Landbevölkerung hat oft den Eindruck, bei ihr werde der Service public abgebaut, während die Stadt immer mehr bekomme. Das Tram Bern-West zum Beispiel scheiterte deshalb 2004 beim ersten Versuch am Nein der Landbevölkerung. Drei Gemeinden, die damals Nein stimmten, sind Hasle, Rüegsau und Affoltern. Auch diese Gemeinden verbindet ein Bus, die Linie 471 der BLS. Er fährt stündlich, auch zu Stosszeiten.

Es ist Mittwochabend um 17 Uhr, als Chauffeur Sacha Vetsch mit dem 471er-Bus am Bahnhof Hasle-Rüegsau ankommt. Gut zwanzig Menschen steigen ein. Ein alter Mann mit Hakenstock und Rucksack macht Platz für einen Kinderwagen. Sacha Vetsch stellt die letzten Billette aus und fährt los, über die Emme, Richtung Rüegsauschachen. Dass Sportferien sind, fällt hier nicht so ins Gewicht, es hat immer für alle genügend Sitz­plätze. Natürlich, vom geplanten Tram in Bern habe sie schon gehört, sagt eine ältere Frau. Aber Gedanken dazu gemacht habe sie sich noch nicht. «Das geht mich doch nichts an» ist ein Satz, der im 471er-Bus ein paarmal fällt, wenn das Tram zum Thema wird.

Es ist anderes, was die Leute auf dieser Emmentaler Linie beschäftigt. Dass abends um 19 Uhr bereits der letzte Bus von Hasle-Rüegsau nach Affoltern-Weier fährt. Oder dass der Bus morgens schon abgefahren ist, wenn der Zug aus Thun mit Verspätung ankommt. Würde ein Politiker von einer der Standortgemeinden im Fahrzeug sitzen, wären wohl auch die Mittagskurse um 13 Uhr ein Thema. Diese Zusatzfahrten bezahlen die Gemeinden seit siebeneinhalb Jahren aus eigener Tasche. Beim letzten Angebotsbeschluss zum öffentlichen Verkehr hatte die Busland AG, die Tochterfirma der BLS, welche die Busse betreibt, dafür Geld vom Kanton gewollt. Und einen Korb erhalten.

Nadelöhr Zytglogge–Viktoria

Wäre der Kanton für die Zusatzkurse eingesprungen, hätte dies für die Linie 471 Konsequenzen gehabt. Heute muss sie eine ­minimale Auslastung von durchschnittlich vier Personen pro Kurs erzielen und einen Kostendeckungsgrad von 20 Prozent, um weiterhin betrieben zu werden. Das erreicht sie gut. Mit dem zusätzlichen Kurs hätte die Busland AG bei gleichem Kostendeckungsgrad pro Fahrt durchschnittlich sechs Fahrgäste vorweisen müssen. Das wäre schon schwieriger geworden.

Im 10er-Bus nach Ostermundigen herrscht das gegenteilige Problem. Am Zytglogge steigen viele Leute ein, darunter eine Frau mit Kinderwagen und ein Mann mit einem grossen Paket. Es heisst zusammenrücken, und die Passagiere stehen auch in den Gängen dicht an dicht. Bis Viktoriaplatz ist es eng, dann wird es wieder angenehmer. Chauffeur Ernst Herrmann fährt zügig über die Kreuzung am Rosengarten und am Schosshaldenfriedhof vorbei. «Sie ist punkto Stau meistens kein Problem, ich kann ja die Ampel entsprechend schalten. Vorn in Ostermundigen ist es bei mehr Verkehr aber schwierig, mit einem so grossen Fahrzeug in die Kreisel einzufädeln.»

Am Bahnhof Ostermundigen steigt eine junge Frau zu. Sie ist überrascht, wie viel Platz es im Bus hat. Zwar stehen noch immer viele Leute. Doch manchmal hat sie keine Chance, überhaupt einzusteigen. Vor allem, wenn der Bus bereits Verspätung hat. Dann wartet sie halt auf den nächsten. Ein Tram, ja, das wäre viel besser, findet die junge Frau. Als sie noch in Muri gewohnt habe, sei im blauen Bähnli nie so ein Gedränge gewesen.

Je verspäteter, desto enger

Jede Minute Verspätung werde für einen Chauffeur auf dem 10er-Bus zum Problem, erklärt Ernst Herrmann. «Denn das bedeutet, dass an jeder Haltestelle fünf Menschen mehr einsteigen wollen.» Je mehr Passagiere aber in den Bus drängen, umso länger dauert es, bis Herrmann wieder losfahren kann. Manchmal hängt noch ein Rucksack in die Lichtschranke bei der Tür und blockiert diese, ohne dass der Besitzer es realisiert. Und so verspätet sich das Fahrzeug weiter, und an der nächsten Haltestelle warten nochmals mehr Leute.

Eine junge Frau, die mit der BLS-Linie 471 beim Rinderbach vorbeifährt und zwei Sitze für sich hat, weiss, wovon Herrmann spricht. Sie ist zwar nicht auf der 10er-Linie unterwegs, fährt aber regelmässig mit dem 20er-Bus in die Berner Lorraine in die Gewerbeschule. Für sie ist klar: Sie sagt Ja zum Tram. Aber ob das auch jene Leute vom Land tun, welche die Situation nicht kennen? Sie zuckt mit den Schultern. Das Tram sei in ihrem Freundeskreis kein Thema.

Die Buslinien im Vergleich: Zum Vergrössern anklicken

Mehr Bescheidenheit

In der Zwischenzeit ist der 10er-Bus in der Rüti in Ostermundigen angekommen. Endstation. Die Fahrt war so locker, dass Ernst Herrmann drei Minuten Pause machen kann. Normalerweise muss er zu Stosszeiten gleich wieder losfahren. Auf dem Weg ­zurück steigt beim Wegmühlegässli eine ältere Frau zu. Beim Thema Tram verwirft sie die Hände. Sinnlos sei dieses, viel zu teuer, ausserdem sei es nur zu Stosszeiten auf dem 10er-Bus wirklich eng. Laut Bernmobil sind aber auch zu schwächsten Zeiten jeweils 40 bis 60 Leute im Bus. Dieser hat 40 Sitzplätze.

Auch der 471er-Bus befindet sich nach 17 Minuten Standzeit am Bahnhof Affoltern-Weier wieder auf der Rückfahrt nach Hasle. Bei der Schaukäserei steigt ein Mann ein, der begeistert ist vom öffentlichen Verkehr. Dennoch setzt er ein Fragezeichen hinter das Tram. Die Menschheit müsse lernen, sich mehr einzugrenzen, ist er überzeugt. Nur das löse ­Kapazitätsprobleme langfristig. Dasselbe gelte für neue Strassen, wie etwa jene in Aarwangen, welche die Bernerinnen und Berner letztes Jahr genehmigt haben. Wenn die Menschen so weitermachen würden, sei auch diese Infrastruktur bald wieder überlastet. Aber natürlich, meint er lächelnd, man könne niemanden zwingen, weniger unterwegs zu sein.

Das Verständnis füreinander

Kurz vor 18 Uhr fährt Sacha Vetsch in Rüegsauschachen wieder über die Emme und versucht, den Bus zum Bahnhof Hasle-Rüegsau hinüberzusteuern. Es ist nicht einfach, im Feierabendverkehr über die Kreuzung links abzubiegen. Dreizehn Autos fahren vorbei, dann fädelt Vetsch den Bus vorsichtig in den Verkehr ein. Das müsse er oft machen, sagt der Chauffeur, der in der Freizeit immer mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Velo unterwegs ist. Er ist überzeugt, dass man in Zukunft in den grossen Agglomerationen auf das Tram setzen muss – weil es dort auch für Doppelgelenkbusse zu viele Passagiere hat.

In Bern hat Ernst Herrmann mittlerweile Feierabend. Am Bahnhof übergibt er das Fahrzeug seinem Kollegen. Auch für ihn ist klar, dass er für das Tram stimmt und sich freuen würde, wenn er dieses dereinst als Pensionierter aushilfsweise nach ­Ostermundigen lenken dürfte. Beim Tram Bern-West, so sagt er, sei er noch skeptisch gewesen. So, wie etliche Kollegen auch. Aber nun würde sich niemand mehr den Bus zurückwünschen, nicht einmal die früheren Gegner.

Und doch, so meint der Mann, der ursprünglich aus dem Emmental stammt: «Ich kann es nachvollziehen, wenn jemand aus Zweisimmen, der nie in Bern unterwegs ist, diesem Kredit nicht zustimmt.» In einem so grossen Kanton sei das Verständnis füreinander halt nicht immer einfach. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 16:54 Uhr

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