Bern

Zum Schluss greift er die Burger an

BernNach acht Jahren im Berner Stadtrat trat Halua Pinto de Magalhães zurück, um als Postdoktorand nach Deutschland zu ziehen. Sein letzter Vorstoss hat es in sich.

Mit grosser Gelassenheit übt Halua Pinto de Magalhães Fundamentalkritik an der Berner Burgergemeinde.

Mit grosser Gelassenheit übt Halua Pinto de Magalhães Fundamentalkritik an der Berner Burgergemeinde. Bild: Christian Pfander

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Wer den gleichsam hünen- und jungenhaften Mann nicht kennt, der da im ­Innenhof des Berner Burger­spitals steht, dürfte dazu neigen, sich in ihm gründlich zu verschätzen. Die Baseballmütze, die er mit wechselndem Logo immer trägt, der Aufdruck «Public enemy» – Staatsfeind – auf dem T-Shirt, der Ketten­anhänger, der die Umrisse Afrikas zeigt – sehen so heut­zutage altgediente Politiker aus? Intellektuelle?

Ja, genau so: Mit 32 Jahren blickt Halua Pinto de Magalhães auf acht Jahre im Berner Stadtrat zurück; zuerst für die Juso, dann für die SP. Der Gemeinderat holte ihn in die städtische Energie­kommission, er machte an der ETH den Doktor der Chemie, und nun geht er für zwei Jahre als Postdoktorand an die Universität Heidelberg. Deshalb trat er vor den Sommerferien als Stadtparlamentarier zurück.

SP «grossmehrheitlich» dafür

An der letzten Sitzung reichte er einen brisanten Vorstoss ein. Man ist geneigt zu sagen: Er legte eine Stange Dynamit ans Fundament der Burger­gemeinde. Stadt und Burger sollen eine Strategie ­entwickeln, wie «eine Ver­einigung der beiden Gemeinde­körper erreicht werden kann», fordert er.

­Zudem will er ein öffentliches ­Bewusstsein dafür erwirken, dass die Burger­gemeinde ein ­Relikt «vordemokratischer Struk­tu­ren» sei. Ebenfalls ins «kollektive ­Gedächtnis» gehöre das Wissen, dass die Berner Elite mit Kapital und mit Söldnern an der europäischen Expansion des 18. Jahr­hunderts beteiligt gewesen sei.

Damit Pinto de Magalhães und SP-Kollege Michael Sutter den Vorstoss einreichen durften, musste die Mehrheit der SP-Fraktion – mit Abstand die grösste politische Kraft in der Stadt – dem Anliegen zustimmen. Sie tat es «grossmehrheitlich», sagt Pinto de Magalhães.

Natürlich sei dies «ein gutes Stück Symbolpolitik», sagt er mit sanfter Stimme und einer Scheu, die so gar nicht zum forschen Inhalt seines Vorstosses passen will. Als grosser Redner ist er im Parlament nicht auf­gefallen, und im Gespräch scheint es manchmal, als würde es in seinem Kopf rattern vor lauter Theorien, Zitaten oder Namen von Autorinnen und Autoren, die er gelesen hat.

Doch dies ist nur die nächste Falle, die dazu verleiten könnte, ihn zu unterschätzen. Hat er seine Position dargelegt, muss ein Kontrahent erst einmal ähnlich viel wissen und ähnlich stringent argumentieren können.

«Symbolpolitik», sagt Pinto de Magalhães also. Die Existenz der Burgergemeinde sei extrem tief in der Berner Identität verankert. «Heute und morgen wird unser Vorstoss nichts verändern.» Aber was ist mit übermorgen?

Im Stadtrat engagierte sich Pinto de Magalhães für naheliegende Themen: Als Jungpolitiker weibelte er für Jugend­anliegen, als Naturwissenschaftler machte er Energiepolitik, als Berner mit «Migrationsvordergrund», wie Pinto de Magalhães es nennt, ­befasste er sich mit Fragen der ­Integration.

Die Vertiefung in dieses dritte Thema mündete in diverse Engagements neben Uni und Parlament, etwa als Co-Prä­sident von Second@s-Plus Schweiz, beim Kollektiv «Wir alle sind Bern» oder im Vorstand des Instituts Neue Schweiz (Ines). Dieser politische Think-and-Act-Tank – ein Labor der Wissensproduktion und des Widerstands – beschäftigt sich unter anderem mit Rassismus und macht sich zur Aufgabe, die Schweizer Geschichte neu zu schreiben. ­

Darin soll das Thema Migration die Bedeutung erhalten, die es laut Ines und laut Pinto de Magalhães verdient. «Die Gesellschaft ist schon lange durch Migration geprägt und verschiedene Zugehörigkeiten längst Realität.» Dass dennoch einem grossen Teil der Bevölkerung demokratische Rechte oder der Zugang zu Ressourcen verweigert würden, müsse sichtbar gemacht – und ­geändert werden.

«Frappant unterrepräsentiert»

Bis 4-jährig lebte der Sohn eines Mosambikaners und einer Schweizerin in Portugal, danach zog die Familie ins durchmischte Berner Holligen-Quartier zwischen Inselspital und Bern-West. Dort sei es immer schon normal gewesen, dass sich Menschen mehrfach zugehörig fühlten. «In meiner Schulklasse und in meinem Fussballclub galt dies für die Mehrheit – und war für niemanden ein Problem.»

«Die Plakate gegen ‹kriminelle Ausländer› meinten auch mich.»Halua Pinto de Magalhães

Erst mit 13, 14 Jahren habe er gemerkt, dass ein Teil der ­Gesellschaft diese Lebensrealität problematisiere. «Obwohl sich die damaligen Plakate der SVP gegen ‹kriminelle Ausländer› richteten, merkte ich, dass sie auch mich meinten.»

Als er als einer von wenigen aus seinem Quartier ans Gymnasium wechselte und erst recht danach an der Uni stellte Pinto de Magalhães fest, «wie frappant un­terrepräsentiert Menschen mit ­Migrationsvordergrund an den höheren Schulen sind». Solche Erfahrungen waren der Ursprung seines Interesses für Forschung zu Rassismus oder Postkolonialismus. «Das hat mir eine neue Welt aufgetan.»

«Feudales Vermächtnis»

Bei der Auseinandersetzung mit dieser Welt und der Welt­geschichte hat Pinto de Magalhães die Schweiz immer mit im Blick – und die Berner Burger­gemeinde als Teil davon. Diese habe sich seit je «mit allen Mitteln dem Grundsatz der allge­meinen Staatsbürgerschaft der ­Eidgenossenschaft widersetzt», heisst es im Vorstoss.

Die heutigen Gemeindestrukturen seien «ein Erbe der Aristokratisierung des 18. Jahrhunderts und damit ein Relikt des Ancien Régime». Wenn sich die Burger­gemeinde «als Wohl­täterin und Hüterin einer bernischen Tradition» ins­zeniere, ­repräsentiere sie – wie die verbliebenen europäischen Monarchien – «das ­ideelle Vermächtnis der Feudal­herrschaft».

Schauten wir mit unserer euro-zentrierten Brille auf Länder mit einem Kastensystem, so Pinto de Magalhães, fänden dies alle schlimm und ungerecht. «Aber hier haben wir mit Überbleibseln einer ständischen Gesellschaft nicht das geringste Problem.»

Er spricht die grossen Worte gelassen aus, lächelt, rückt die Mütze zurecht. Einst stand diese für die Jugend, die er vertreten wollte. Heute sei sie neben der Referenz zum Hip-Hop, zur afroamerikanischen Bürgerrechts­bewegung und zur afrikanischen Diaspora ein Bekenntnis zur Gesellschaftsschicht, in der er im Holligen-Quartier aufgewachsen ist. Er werde die Mütze auch in Deutschland tragen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2018, 09:03 Uhr

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