Zum Beispiel nackt im Rollstuhl

Wie «einzigartig» ist Tanz in Bern? Bei der Kreativität im Rahmenprogramm lautet die Antwort: sehr.

In Doris Uhlichs Choreografie tanzen mehr oder weniger angezogene Rollstuhlfahrer. Foto: zvg

In Doris Uhlichs Choreografie tanzen mehr oder weniger angezogene Rollstuhlfahrer. Foto: zvg

Michael Feller@mikefelloni

Was macht ein gutes Festival aus, das mit dem Motto «Einzigartig» die Erwartungen hochschraubt? «Die Mischung machts», sagt Anneli Binder, die Kuratorin Tanz/Performance in der Dampfzen­trale Bern. Das bedeutet: Alte Bekannte treffen auf Neulinge, das Publikum weiss, was es erwartet, und wird dann doch überrascht. Und auch für das Fachpublikum soll etwas darunter sein.

Riesige Vielfalt

Bei der 2019er-Ausgabe von Tanz in Bern heisst das: Von der phi­lippinischen Tanz- und Performancekünstlerin Eisa Jocson, die in etwa jede Arbeit schon hier präsentiert hat, bis zum erst­maligen Auftritt der Richard Alston Dance Company ist die Spannweite beachtlich. Letztere war noch gar nie in der Schweiz zu sehen. «Und es ist auch gleich die letzte Gelegenheit», sagt Binder. Alston will die Gruppe auflösen. Bei seinen Stücken steht klar der Tanz im Vordergrund – und nicht etwa eine performativ aufs Auge gedrückte Botschaft. Diesen Februar wurde «Sir» Richard Alston mit dem britischen Ritterorden geadelt.

Wer eher eine Auseinandersetzung über seine Zeit und Mitmenschen sucht, wird bei Doris Uhlichs Choreografie «Every Body Electric» fündig. «Sie hat eine spezielle Bewegungstechnik entwickelt, ein Schütteln, das elektrisiert», sagt Binder. In ihrem Stück prüft Uhlich, wie sich diese auf Menschen mit körperlicher Behinderung, also mit Gehhilfen oder im Rollstuhl, übertragen lässt. Das Stück ist eine von acht Schweizer Premieren am Festival.

Für manchen kann es verstörend wirken, wenn Rollstuhlfahrer – bisweilen nackt – auf der Bühne tanzen. Für die Österreicherin Uhlich ist die Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen Standard. Sie hat unter anderem den Theaterpreis Nestroy 2018 für ihre «Inklusion auf Augenhöhe» erhalten. Und Anneli Binder findet: «Wir haben gelernt, Menschen, die anders aussehen, als ‹Störung› zu begreifen. Bei Uhlich können wir das hinterfragen.»

Sogar Nobelpreis-Flair

Vielleicht macht ein «einzigartiges» Festival auch aus, dass es Raum bietet für allerlei. Seit Binder in der Tanz-Verantwortung der Dampfzentrale steht, geht das Rahmenprogramm immer wieder spektakulär darüber hinaus, was man von einem Spartenfestival erwartet. Neben allerlei Diskussionsrunden und Vorträgen gibt es dieses Jahr etwa den Anlass «Ink About It – Berns erste feministisch-antirassistische Tattoo-Zusammenkunft». Im Angebot stehen nebst anderem ein «Late-Night-Workout», «Voguing für alle» oder die fast schon traditionelle Rollschuh­disco.

Und manchmal hilft einem Festival ganz einfach unver­hoffte Aktualität. Denn dieses Mal fällt gar ein wenig Nobelpreisglanz auf Tanz in Bern. Das Performancestück «Accusations» bezieht sich auf Peter Handkes «Selbstbezichtigung». Im Text des Schriftstellers geht es um jemanden, der sich seiner Schuld gewahr wird, eine Art Selbst­anklage. In «Accusations» der belgischen Choreografin Ann Van den Broek setzen sich die Tänzerinnen und Tänzer mit ihrem Scheitern auseinander.

Tanz in Bern: ab 25.10. bis 10.11., Dampfzentrale Bern. www.dampfzentrale.ch

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