Niederscherli

Zuhause in der Eigernordwand

Niederscherli Der 23-jährige Maschinenbaustudent ­Nicolas Hojac ist einer der ambitioniertesten und kühnsten jungen Alpinisten der Schweiz. Jetzt trainiert er für seine erste grosse Expedition zum abgelegenen Massiv der himmlischen Berge in China.

Der 23-jährige Spitzenbergsteiger Nicolas Hojac?beim Training in Steingletscher beim Sustenpass.

Der 23-jährige Spitzenbergsteiger Nicolas Hojac?beim Training in Steingletscher beim Sustenpass. Bild: zvg

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Fast kommt ein wenig Expeditionsstimmung auf. Stockdicker Nebel wabert durch das Dorf Niederscherli, das zur Gemeinde Köniz gehört, man sieht kaum auf die andere Strassenseite, von wo Nicolas Hojac zu uns findet. Zwei, drei Worte genügen.

Wir steigen ins Auto und fahren fünf Minuten auf einen kleinen Hügel an die gleissende Wintersonne, man blickt über das wattierte Mittelland hinüber zum Jura. Kleines Gipfelglück.

Als er zum ersten Mal auf einen richtig hohen Gipfel stieg, nahm das Nicolas Hojac ziemlich mit. Er war 13-jährig und eigentlich in La Fouly im Walliser Val Ferret in den Ferien, um Französisch zu lernen.

Doch in den Sportstunden am Nachmittag verfiel er dem Klettern. Zum nächsten Geburtstag wünschte er sich eine Bergtour auf einen 4000er. Seine Eltern erfüllten ihm den Wunsch, und mit einem Bergführer erklomm er das Lagginhorn über Saas-Grund. Die Tour war einfach – aber Hojac am Limit.

Als er das erzählt, muss er kurz lachen: «Unglaublich.» Vor rund sechs Wochen stieg Hojac, inzwischen 23-jährig, mit dem etablierten Spitzenalpinisten Ueli Steck in die Eigernordwand ein. Der Weltstar und der Youngster kletterten durch die klassische Heckmair-Route, und zwar so schnell wie keine Seilschaft vor ihnen.

Nach 3 Stunden 46 Minuten standen sie auf dem Gipfel. Hojac wiederholt sich: «Unglaublich.» Eigentlich sei er ja kein Freund von Speedrekorden am Berg, es sei «einfach passiert, ohne dass wir es geplant hatten».

Der urbane Newcomer

Er selber würde das nie so formulieren: Aber Nicolas Hojac aus dem Agglomerationsdorf Niederscherli ist in der kleinen Elite der Schweizer Topalpinisten angekommen. Man könnte sagen: Er ist der urbane Newcomer in einer Szene, die eher von Berglern dominiert wird. Er erinnert sich, dass vor einigen Jahren zu Hause die Stimmung schlecht wurde, als er das erste Mal vom Eiger gesprochen habe.

«Ich verstehe», sagt Nicolas Hojac, «dass man als Eltern Angst hat.» Inzwischen ist er am Eiger aber ziemlich zu Hause. Erst vor wenigen Tagen kletterte Hojac mit Roger Schäli, einem weiteren Schweizer Profibergsteiger, zum Saisonschluss noch mal kurz durch die Nordwand.

Hojac, der an der Fachhochschule Burgdorf ein Teilzeitstudium in Maschinenbau absolviert, treibt seine alpinistische Leistungsfähigkeit mit der durchdachten Akribie eines Ingenieurs voran. Seit Jahren. Rund 15 Stunden trainiert er wöchentlich, oft in der Kletterhalle Niederwangen, wo er auch in einem 20-Prozent-Pensum als Routenbauer arbeitet.

Selbstverständlich hat er auch zu Hause bei seinen Eltern in Niederscherli ein Leistenbrett montiert, um an der Maximalkraft in Fingern und Unterarmen zu arbeiten. Die grosse Herausforderung im Körpertuning moderner Alpinisten besteht aber darin, Kraft mit der Ausdauer eines Marathonläufers zu kombinieren.

Hojac absolviert deshalb sehr lange Laufeinheiten. Es kommt schon mal vor, dass er am Wochenende vom Gurnigel aufs Stockhorn und zurück joggt, gelegentlich begleitet von seiner Freundin.

Nötige Grenzerfahrungen

Eine zentrale Rolle im Alpinismus spielt die mentale Bereitschaft, sich zu exponieren, ohne Angst zu verspüren. «Das», sagt Hojac, «kann man sich nur erarbeiten, indem man möglichst viel Zeit in den Bergen verbringt.» Freizeit oder Semesterferien sind bei ihm deshalb gleichbedeutend mit Bergsteigen.

Die Psyche geformt haben aber auch Grenzerfahrungen: Vor einigen Jahren stürzte Hojac beim Eisklettern fast ungebremst zu Boden, zog sich aber nur eine harmlose Kieferverletzung zu: «Das war mir eine grosse Lehre.»

Bereits grosse Erfahrung

Als er mit Ueli Steck durch die Eiger-Nordwand kletterte, bewegten sich die beiden in den ­einfacheren Eisfeldern ungesichert, verbunden bloss mit einem ­30-Meter-Seil. Hochkonzentriert. Wäre einer abgerutscht, hätte er den andern wohl mit­gerissen. Er habe sich aber jederzeit sicher und ungestresst gefühlt, sagt Hojac.

Das sei nicht ein Zeichen übertriebener Risiko­bereitschaft, sondern von bereits grosser Erfahrung. Wenn man sich, wie er, oft in extremen ­Steillagen bewege, entwickle man ein dem Gelände angepasstes, intuitives Gefahrenbe­wusstsein.

Er habe schon mehrfach Touren abgebrochen, wenn er sich plötzlich unwohl fühlte oder die Verhältnisse nicht stimmten. «Das muss man einfach können», sagt Hojac, «denn die Kunst ist es, als Alpinist nicht nur gut, sondern auch alt zu ­werden.»

Für ihn ist klar, dass er in den nächsten Jahren noch stärker aufs Bergsteigen setzen und sich auch international etablieren will. Nicolas Hojac ist seit 2014 Mitglied des Expeditionsteams des Schweizer Alpen-Clubs (SAC), in dem fünf junge Bergsteiger während dreier Jahre zu leistungsfähigen Expeditionsalpinisten ausgebildet werden.

Die Diplomarbeit, sozusagen, besteht in einer mehrwöchigen Expedition, die im kommenden Sommer ins Tien-Shan-Gebirge im Nordwesten Chinas im Grenzgebiet zu Kirgistan führt.

Übersetzt heisst Tien Shan himmlisches Gebirge. Hojac freut sich darauf, wie er sagt, sich in den eisigen Steilwänden des exotischen Hochgebirges zu exponieren. Er wird sich aber wie immer auch darauf freuen heimzukommen, denn «beim Bergsteigen», sagt er, «kommt die Befriedigung oft erst, wenn man wieder zurückgekehrt ist».


Hinweis: Das Schweizer Fernsehen SRF begleitet die dreijährige Ausbildung des SAC-Expeditionsteams, zu dem auch Nicolas Hojac gehört, mit Reportagen. Nächste Sendungen: heute Montag, 28. 12. und übermorgen Mittwoch, 30. 12., je 19.05 Uhr, SRF 2.
www.sac-cas.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.12.2015, 09:00 Uhr

Seit zehn Jahren ist Nicolas Hojac dem Klettern verfallen. (Bild: Stefan Anderegg)

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