Kampf gegen Stau führte zu neuem Stau

Bern/Ittigen

Das Bundesamt für Strassen wollte beim Wankdorfdreieck zwei Stau­bereiche entschärfen. ­Ohne Erfolg. Stau gab es trotzdem – jedoch aus anderen Gründen.

Mit der neuen Spuraufteilung staute sich der Verkehr auf der A1 plötzlich bis ins Grauholz (Archivbild)

Mit der neuen Spuraufteilung staute sich der Verkehr auf der A1 plötzlich bis ins Grauholz (Archivbild)

Manchmal zerschellen monatelange Datenanalysen und Planungsarbeiten von Fachspezialisten an der Realität. Jüngst ­erlebten dies die Verkehrsplaner des Bundesamts für Strassen ­(Astra). Ein auf dem Papier gut gemeinter Pilotversuch, um im Bereich Wankdorfdreieck den Stau zu verringern, endete erfolglos. Dies musste das Verkehrs­departement am Dienstag mitteilen.

Nur eine Spur ins Oberland

Wie kam es dazu? Im April führte das Astra beim Wankdorfdreieck testweise eine neue Streckenführung ein. Betroffen davon waren während der letzten drei Monate in erster Linie Lenker auf der A 1 von Zürich her, die in Richtung Ausfahrt Wankdorf oder Oberland fahren wollten. Aber auch ­jene Autofahrer aus Richtung Westen, die einfacher auf die A 6 ins Oberland einspuren konnten.

Vom Grauholz her wurden die Spuren neu signalisiert. Nach der Verzweigung Wankdorf führte die rechte Fahrspur nur noch ­direkt zur Ausfahrt. Wer in Richtung Thun fahren wollte, musste auf der ganz linken Spur bleiben. Dank dieser neuen Verkehrsführung konnten Fahrzeuglenker vom Neufeld her direkt auf die freie Spur der A 6 Richtung Oberland fahren.

Mit diesem Versuch wollte das Astra zwei typische Staubereiche entschärfen. Einerseits staut sich jeweils bei der Ausfahrt Wankdorf – gerade bei Grossanlässen – der Verkehr bis zurück auf die Autobahn. Andererseits bildet sich in den abendlichen Spitzenzeiten von Westen her oft ein Rückstau in Richtung Oberland.

Fahrer passten sich an

Die Erfahrungen mit einer ab­getrennten Ausfahrtsspur seien zunächst «sehr positiv» gewesen, teilte das Astra mit. Doch Mitte Juni machte sich unter den Experten das grosse Stirnrunzeln breit: Zur Feierabendzeit nahm plötzlich der Rückstau vom Grauholz her zu. Diese Entwicklung sei auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar gewesen. Denn eine Fahrspur kann 1800 Fahrzeuge pro Stunde aufnehmen, in Spitzenzeiten sind am Grauholz aber nur etwa 1100 Fahrzeuge pro Stunde unterwegs.

Der Grund lag im veränderten Verkehrsverhalten der Autofahrer. Diese reihten sich im Wissen um die neue Situation zum Teil schon über einen Kilometer vor der Wankdorfverzweigung in die linke Spur ein und blieben dort. In der Folge war die mittlere Spur weniger stark belegt und bot ein rascheres Vorankommen. Dies nutzten einige Lenker aus, indem sie möglichst lange in der Mitte blieben und erst kurz vor der Verzweigung nach links einspurten. Dies wiederum führte zu Bremsmanövern und letztlich zu Stau.

Mehr Autofahrer angelockt

Eine ebenfalls nicht vorgesehene negative Auswirkung entstand auf der Autobahnachse aus der Westschweiz. Offenbar führte der Verkehrsversuch mit der Rückstaubeseitigung dazu, dass diese Route beliebter wurde. So nahm der Verkehr auf der Achse von Lausanne her zu, was sich wiederum negativ auswirkte.

Die Situation wurde deshalb gestern wieder auf den Normalzustand zurückgestellt. Das Astra versucht dem gescheiterten Versuch trotzdem etwas Positives abzugewinnen. Die Erfahrungen hätten auch wichtige Erkenntnisse geliefert für die Planung künftiger Bauarbeiten.

mib/pd

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