Zu Besuch bei den Asylsuchenden in Riedbach

Bern-Riedbach

Am Samstag öffnete die Notunterkunft Bern-Riedbach ihre Tore für Besucher. Die liegt unter dem riesigen Areal der Coop-Verteilzentrale in Brünnen. 40 Asylsuchende, meist junge Männer, leben dort in einer Zivilschutzanlage – schon wieder.

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Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Ein kleines Tor im mannshohen Maschendrahtzaun: Wer nach dem Eingang zur neuen Asylunterkunft in Bern-Riedbach sucht, muss genau hinschauen. Direkt dahinter führt eine steile Rampe hinab. In eine unterirdische Zivilschutzanlage. Die Anlage liegt auf dem Areal der Coop-Verteilzentrale in Brünnen, rund 10 Gehminuten vom Einkaufszentrum Westside entfernt.

Die Männer, die hier seit kurzem leben, stammen grösstenteils aus Eritrea, Syrien, Afghanistan. Am vergangenen Samstag trafen viele von ihnen zum ersten Mal auf die lokale Bevölkerung. Die ORS Service AG, die Betreiberin der Notunterkunft (NUK) Riedbach hat Nachbarn und Interessierte zum «Tag der Begegnung» eingeladen.

In der Zivischutzanlage

40 Asylsuchende leben in der Unterkunft am Stadtrand. Anfang Juni zogen die ersten ein. Gleichzeitig wurde die ebenfalls von der ORS betriebene Asylunterkunft im Hochfeld in der Länggasse geschlossen. Die Anlage war umstritten, weil die Bewohner unter Tag untergebracht waren. Als der Berner Gemeinderat die Schliessung bekannt gab, strich er hervor: Eine unterirdische Unterkunft kommt nur noch im Notfall infrage.

Und doch geht es jetzt wieder unter die Erde, als Zentrumsleiterin Jeannette Pedersen die Besucher in die Zivilschutzanlage hineinführt. Die Korridore sind eng, die Sanitäranlagen provisorisch – den Bewohnern stehen vier Duschen zur Verfügung. Hinter einer offenen Panzertür öffnet sich ein schwach beleuchteter Raum. Drei junge Männer sitzen auf dem Sofa an der Wand. Ihre Blicke sind auf den Fernseher gerichtet. Es läuft ein Musikvideo. Aus den Lautsprechern dröhnen exotische Beats. «Der Aufenthaltsbereich», erklärt Pedersen.

Nebenan im «Andachtsraum» liegen zwei sorgfältig ausgerichtete Gebetsteppiche am Boden. Eine Tür weiter ist das Licht heller, Tische und Stühle stehen im Raum verteilt. «Hierhin ziehen sich viele Bewohner zurück, um zu lernen oder im Internet zu surfen», so Jeannette Pedersen. Das Wi-Fi ist gratis, läuft allerdings nur bis 23 Uhr. Dann ist Nachtruhe, auch auf den Mobiltelefonen.

Nur zum Schlafen hier

Man versuche, den Menschen einen möglichst angenehmen Rahmen zu bieten, sofern das in ihrer Situation möglich sei, erzählt die Leiterin. Dazu gehört eine fixe Tagesstruktur. «Pünktlichkeit wird grossgeschrieben», erklärt Jeannette Pedersen. Zehn Betreuer und eine Deutschlehrerin arbeiten derzeit in der NUK. Die Bewohner erhalten 9.50 Franken am Tag. Mit kleinen Arbeiten in der Unterkunft oder ausserhalb gibt es etwas mehr.

Auch Salh Ibrahim verdient sich etwas dazu. In seiner Heimat Eritrea verdiente der 28-Jährige sein Geld als Lehrer, in der Schweiz hält er die Züge der SBB sauber. Tagsüber putzt er, abends kehrt er zurück in den Riedbach. Ihm mache die unterirdische Unterkunft nichts aus. Er sei sowieso meist nur zum Schlafen hier. Nur etwas stört ihn: «Es ist hier wirklich langweilig.»

Das soll sich ändern. Bettina Kläy, Vorstandsmitglied des Quartiervereins Holenacker, versucht gemeinsam mit anderen Freiwilligen, ein Freizeitprogramm für die Bewohner aufzustellen. «Die Unterkunft wird aufgrund ihrer Abgeschiedenheit gar nicht wahrgenommen.» Man habe den Tag der Begegnung angeregt, damit ein Kontakt zwischen der Bevölkerung und den Bewohnern entstehen könne.

Situation nicht verbessert

Von der Länggasse nach Brünnen. Oder: von einer Zivilschutzanlage in die nächste. Darauf angesprochen, dass die NUK Riedbach wenig von der Vorgängerin im Hochfeld unterscheide, nur dass sie eben deutlich dezentraler liegt, meint Zentrumsleiterin Jeannette Pedersen am Ende des Rundgangs: «Wir müssen dort betreuen, wo wir die Möglichkeit dazu haben.» Wo das ist, das sei Sache der Politik (siehe Kasten).

Natürlich wäre auch ihr ein schönes Haus mit viel Umschwung lieber, die Situation sei aber eine andere. Die Betreuerin bleibt diplomatisch, überhaupt scheint ihr so schnell nichts die Laune zu verderben. Doch auch sie meint schliesslich: «Die Situation hat sich durch den Umzug sicher nicht verbessert.»

Die Gruppe Freiwilligeneinsätze ist weiter auf Hilfe angewiesen. Besonders Velos und Helme stehen hoch im Kurs. Interessierte melden sich bei: antoinette.kost@kathbern.ch.

Berner Zeitung

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