Zimmerwald verdrängt 1915 nicht mehr

In Zimmerwald hat im Jahre 1915, während des Ersten Weltkrieges, eine Friedenskonferenz stattgefunden, an der auch Lenin teilgenommen hat.

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Zimmerwald: Jedes Kind in der Sowjetunion hat den Namen dieses kleinen, unscheinbaren Berner Bauerndorfs gekannt. In der UdSSR gab es Europakarten, auf denen in der Schweiz überhaupt nur dieser Ort eingetragen war.

«Hier war der Urquell von Lenins revolutionären Bürgerkriegsideen, hier schlummerte der Gründungsmythos der Sowjetunion», schreibt die Historikerin Julia Richers in einem neuen Buch, das 100 Jahre nach der Zimmerwaldner Konferenz (5. bis 8. September 1915) erscheint.

Mitten im Ersten Weltkrieg trafen sich drei Dutzend Sozialisten aus ganz Europa in Zimmerwald, 12 Kilometer südlich von Bern auf dem Längenberg. Der Schweizer Arbeiterführer Robert Grimm und der nachmalige russische Revolutionär Lenin waren die prominentesten Figuren. Von den Schweizer Behörden wurde das Treffen kaum beachtet.

Das Manifest, das die Teilnehmer nach vier Tagen verabschiedeten, war ein flammender Aufruf für den Frieden in Europa. Mit der Konferenz begann aber auch die Spaltung der Arbeiterbewegung in revolutionäre und reformistische Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten.

Zimmerwald wurde zu einem Erinnerungsort des internationalen Sozialismus. Dagegen wehrte sich das Bauerndorf jahrzehntelang nach Kräften. Anfragen aus aller Welt wurden barsch abgelehnt. Schweizer Historiker, die sich arglos nach Dokumenten erkundigten, wurden in die Nähe staatsfeindlicher Extremisten gerückt.

Lästiger Kult

In der Sowjetunion entwickelte sich gleichzeitig ein regelrechter Zimmerwald-Kult. Eine Flut von Briefen und Anfragen erreichte mitten im Kalten Krieg die Berner Gemeinde; die meisten Briefe waren an «den Bürgermeister der Stadt» oder den angeblichen «Direktor des Lenin-Museums» adressiert.

Die Absender hatten keine Ahnung von Zimmerwald - und es war ihnen offensichtlich fremd, dass man auf dem Längenberg mit Lenin und seinem Vermächtnis wenig anfangen konnte. Sonst hätten sie die Schweizer Adressaten kaum mit «Genosse» angeredet und auch nicht mit «sozialistischem Pioniergruss» verabschiedet.

Bushaltestelle statt Lenin-Haus

Die zusehends genervte Gemeinde wehrte sich nach Kräften gegen die Umarmungen. 1963 wurde im Baureglement ein Verbot von Gedenktafeln auf dem ganzen Gemeindegebiet verankert. 1971 wurde das Haus, in dem Lenin genächtigt haben soll, zugunsten einer Bushaltestelle abgerissen.

Bis zum Ende des Kalten Kriegs bemühte sich Zimmerwald geflissentlich, die Spuren der Konferenz von 1915 zu verwischen. Erst in den letzten Jahren scheint sich das Verhältnis entspannt zu haben.

Erinnern statt feiern

Zimmerwald gehört heute zur Gemeinde Wald, und der parteilose Gemeindepräsident Fritz Brönnimann lädt am kommenden Samstag (5. September) zu einem halbtägigen Gedenkanlass. Der Jahrestag sei «kein Anlass fürs Feiern, aber ein Anlass, sich zu erinnern», sagte er der Zeitung «Der Bund».

Die Gemeinde habe sogar versucht, Kontakt mit der russischen Botschaft aufzunehmen. «Wir haben aber keine Antwort erhalten.» Was nicht weiter schlimm sei - ein Besuch von Präsident Wladimir Putin hätte die 1200-Seelen-Gemeinde sowieso überfordert.

Bereits am 4. September wird in Bern eine historische Tagung durchgeführt, die sich der internationalen Bewegung der Arbeiter gegen den Krieg widmet. Am Folgetag geht es um den linken «Kampf für den Frieden, heute und morgen», sprechen werden etwa SP-Chef Christian Levrat und der deutsche Linken-Politiker Gregor Gysi.

Ein zweites Jubiläum wird es im kommenden April geben, wenn sich die Nachfolgekonferenz im bernischen Kiental von 1916 jährt. Sie steht etwas im Schatten von Zimmerwald, hatte aber in der UdSSR ebenfalls einen hohen Stellenwert. Zu Lenins 100. Geburtstag 1970 wurde das Hotel Bären als Tagungsort mit einer Briefmarke geehrt. (mb/sda)

Erstellt: 30.08.2015, 13:26 Uhr

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