In eigener Sache

Zeigen, was ist

In eigener Sache40 Jahre lang fotografierte Andreas Blatter für die Berner Zeitung – und war ­dabei oft mehr Journalist als so mancher schreibende Kollege. Denn seine Bilder stellten sich uneitel in den Dienst der ­Geschichte. Nun geht unser Cheffotograf in Pension.

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Zum Abschied gabs vom SCB ein bedrucktes und von allen Spielern und vom Staff unterschriebenes Leibchen. Dito von YB. Die Berner Schwinger feierten ihn mit einer Zeremonie vor 12 000 Zuschauern und mit einer dutzendfach signierten Hose. Das Kantonsparlament ehrte ihn mit einer Standing Ovation.

Kein Zweifel: Mit Andreas Blatter tritt eine kantonsweit bekannte Persönlichkeit ab.

Auch kein Zweifel: Von uns Journalisten wird kaum einer so verabschiedet werden. Dabei sind wir doch die «Hemingways», wie Blatter uns schreibende Kollegen spöttisch nannte – und er war nur der «Knipser» im Schlepptau. Mit dieser Nebenrolle an der Seite der schreibenden «Stars» hat der BZ-Cheffotograf stets kokettiert.

Aber natürlich bekommt jeder den Abschied, den er verdient.

Die Marke Blatter

Denn Fakt ist: Andreas Blatter ist längst zur Marke geworden. Und zwar nicht etwa, weil er einfach, bernisch gemütlich, lange genug in Bern und bei der BZ hängen geblieben ist und seit Dutzenden von Jahren YB, den SCB und die Berner Schwinger ebenso fotografiert wie die Politiker im Rathaus. Auch nicht wegen seiner knorrigen Herzlichkeit, seiner legendären Sprüche oder seiner aus jeder Schweisspore strömenden Saftwurzelhaftigkeit.

Nein. Andreas Blatter wurde zur Marke wegen seiner Arbeit.

Wegen seiner Bilder.

Am Ursprung von Blatters Bildern steht eine Riesenportion ­Intuition: Wie kaum ein anderer antizipiert er die entscheidenden Momente Sekundenbruchteile im Voraus. Eine Fähigkeit, die ihm in seinem liebsten Betätigungsfeld, der Sportfotografie, natürlich zupasskam.

Doch noch mehr als von der Intuition leben Blatters Bilder von ihrer Wirkung: Seine Fotografien sind keine kunstsinnigen Inszenierungen, keine akademischen Kompositionen, keine Bluffs in der maximal kühnen Verwendung von Brennweite, Blende und Verschlusszeit. Die Bilder von Andreas Blatter sind frei von jeder Hochstapelei. Sie stellen sich uneitel, aber zuverlässig in den Dienst der Geschichte.

Und das ist eine unglaubliche Qualität, wenn man bedenkt, was für eine durchschlagende Kraft ein Bild hat. Wenn der Fotograf bloss ein wenig den Blickwinkel ändert, ändert sich der Blick auf das Motiv und dessen Wirkung auf den Betrachter: Einen Mächtigen aus Hüfthöhe abzulichten, wirkt ganz anders als ein Porträt auf Augenhöhe. Und mit ver­ändertem Blickwinkel wirkt plötzlich auch das stärkste 300-Zeilen-Porträt anders.

Das pralle Leben

Andreas Blatter hat nie fahrlässig mit dieser Deutungsmacht gespielt. Offensichtlich fühlte er sich – ganz Journalist – grösstmöglicher Objektivität verpflichtet. Zeigen, was ist. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Und das ist doch einiges: Andreas Bilder zeigen das pralle, unmittelbare Leben. Denn «Resu», wie er weitherum genannt wurde, ging unter vollem Körpereinsatz nahe ran. Seine Bilder kommen stets ohne gewollte Distanz zum Objekt vor dem Objektiv aus. Vielleicht auch deshalb war er mit so ziemlich jedem, den er ablichtete, per Du.

Wer ein Bild von Andreas Blatter betrachtet, ist mittendrin statt nur daneben. Was mehr kann man sich von einem Bild wünschen? (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.07.2017, 10:52 Uhr

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